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Analyse der Gegenwart : Acht spannende Bücher in einem

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Folgen des Klimawandels Bild: dpa

Das Vorhaben ist so ehrgeizig wie nur denkbar. Andreas Rödder hat sich nicht weniger vorgenommen als eine Darstellung unserer postmodernen Welt in den Anfängen des 21. Jahrhunderts, ihrer widersprüchlichen Tendenzen und ihrer atemberaubenden Veränderungen.

          Ein erstaunliches Buch, ein erstaunlicher Autor! Eigentlich soll man Kinder nicht ins Gesicht loben und schon gar nicht Kollegen, die man gut kennt und die einen mit einem Buch überraschen, das völlig aus dem Rahmen dessen fällt, was Historiker oder Sozialwissenschaftler üblicherweise hervorbringen. Dennoch möchte ich diesmal von der mir lieben Gepflogenheit abgehen, das Lob mit vielen kritischen und krittelnden professoralen Vorbehalten zu verbinden. Tatsächlich ist Andreas Rödder ein Buch gelungen, das Bewunderung verdient und jede Menge faszinierter Leserinnen und Leser.

          Das Vorhaben ist so ehrgeizig wie nur denkbar. Rödder hat sich nicht weniger vorgenommen als eine Darstellung unserer postmodernen Welt in den Anfängen des 21. Jahrhunderts, ihrer widersprüchlichen Tendenzen und ihrer atemberaubenden Veränderungen, die oft nur Fragen aufwerfen ohne beruhigende Gewissheiten. Die Perspektive ist global, der Focus aber naturgemäß stark auf den europäisch-atlantischen Kulturkreis bezogen. Auch das wie üblich seiner selbst unsichere, von den Geschichtsströmen überwältigte Deutschland wird in jedem Kapitel distanziert, eher entspannt, fröhlich, ja lässig und ganz unpolemisch als Fallbeispiel des phantastischen Umbruchs in allen Dimensionen vorgeführt.

          Es ist ein Parforceritt, bei dem sich viele den Hals brechen würden. Doch man kennt den in Mainz lehrenden Rödder als einen jener seltenen Geschichtsprofessoren der mittleren Generation, die nicht nur ihr eigenes Fach beherrschen, sondern zugleich die klassische und zeitgenössische Soziologie und Sozialpsychologie, dazu Politikwissenschaft, Internationale Politik und Europapolitik, die Makroökonomie, die Technik der digitalisierten Welt, die Kommunikationswissenschaft, die Philosophen der Postmoderne und die gestrengen Damen des Feminismus. Seit Ralf Dahrendorf und Erwin Scheuch ist in der Bundesrepublik niemand mehr aufgetreten, der die gesellschaftlichen, ökonomischen, politischen und moralischen Probleme unserer Gegenwart mit so viel Sinn für Empirie, Theorie und geschichtlichem Differenzierungsvermögen zu erörtern versteht.

          Bei der Auswahl der Untersuchungsfelder hält sich Rödder an die Bereichsgliederung von Max Weber: Staat und Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur sowie deren Überlappungen werden erfasst. In einem zweiten Schritt schildert er die Überfülle von Veränderungen und resümiert die wissenschaftlichen Diskurse in acht übersichtlich gegliederten, von Informationen und Reflexionen prallvollen Kapiteln. Der Crashkurs beinhaltet: die Digitalisierungs-Revolution, Global Economy, Energiepolitik und Klimawandel, die Trends der Weltzivilisation, die Probleme von „Vater Staat“ (der nicht verschwindet, sich vielmehr als ein wahrer Proteus erweist), die Probleme des Großexperiments EU, Weltpolitik und Weltgesellschaft - dies und vieles mehr wird auf dem neuesten Analyse-Stand komparatistisch behandelt. Fast möchte ich sagen: acht spannende Bücher in einem. Doch fallen die Bereiche nicht auseinander, die Kapitel sind durch viele Querverweise miteinander verwoben. Es ist eine Gegenwartsanalyse aus einem Guss, von dem Grundgedanken getragen, dass sich die Welt in einer chaotischen Umbruchphase befindet: beispiellos viel Neues, aber doch auch manches nur die Fortsetzung einer longue durée geschichtlicher Entwicklungen.

          Ein jeweils auf die Kapitel bezogener Anmerkungsteil, etwa ein Fünftel des Buches, bezeugt eine geradezu souveräne Kenntnis der einschlägigen internationalen und deutschen Fachliteratur, Internet-Blogs mit inbegriffen, so dass der Leser zugleich einen nützlichen Literaturüberblick erhält. Natürlich sind derart ausgedehnte Recherchen nur mit einem guten Team von Mitarbeitern zu bewältigen, dem der Mainzer Herr und Meister auch gebührend dankt. Doch Rödders Belesenheit ist schlechthin stupend, und so fragt man sich schon, wann der Mann eigentlich schläft.

          Wohin die Reise gehen wird - global oder europapolitisch („Europa I, II, III?“) -, lässt er offen. Zur beleuchteten Krise der europäischen Demokratie lesen wir: „Das Hauptproblem für die Demokratie liegt in der Verlagerung von Souveränität auf internationale Exekutiven ohne eine dem Nationalstaat vergleichbare Legitimation zum einen und in der Abhängigkeit der Staaten von den Finanzmärkten aufgrund übermäßiger Staatsverschuldung zum anderen.“

          Im Schlussteil bekennt sich Rödder zur aristotelischen Methodik: „Nicht die großen Entwürfe leiten dieses Denken, sondern Erfahrung und Alltagsvernunft.“ Es sei wahrscheinlich, so zitiert er Aristoteles, „dass das Unwahrscheinliche geschieht“. Als Sozialwissenschaftler kennt er natürlich den starken Druck der „Pfadabhängigkeit“, rät aber freundlichst, sich auch auf unerwartete „Pfadwechsel“ einzustellen: „Der historischen Erfahrung nach wird die Zukunft in doppeltem Sinn anders sein: anders als die Gegenwart und anders als gedacht.“ Diese wissenschaftlich fundierte Gegenwartsanalyse ist also ein Buch für freie und skeptische Geister - ziemlich undeutsch, viel eher von französischer clarté und englischem common sense geprägt, welch Letzterer sich derzeit allerdings auch auf der Insel nur noch suboptimal äußert.

          Für ein so rundum gelungenes Buch hätte man sich einen Titel gewünscht, der zum geflügelten Wort wird - und nicht das sperrige „21.0“. Andreas Rödder würde dazu wahrscheinlich bemerken: Sein Crashkurs ist nicht zuletzt für die junge, digitalisierte Generation bestimmt, die sich nur noch Kleingehacktes aus dem Internet herunterlädt und verführt werden solle, wieder einmal ein Buch zu lesen, sogar ein gescheites.

          Andreas Rödder: 21.0. Eine kurze Geschichte der Gegenwart. C. H. Beck Verlag, München 2015. 494 S., 24,95 €.

          Schon Aristoteles wusste: Es ist wahrscheinlich, dass das Unwahrscheinliche geschieht.

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