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Veröffentlicht: 03.07.2017, 09:42 Uhr

Albert Südekum Großer Genosse fühlt wie die Bosse


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Südekum, der in seiner Zehlendorfer Villa Politiker aus allen politischen Lagern empfing, in dessen großem Salon Wissenschaftler und Künstler ein- und ausgingen, und die Sozialdemokraten, die zumeist dem Arbeitermilieu entstammten, lebten in zwei Welten. Dieser Zusammenprall zweier Kulturen wird in den Briefen, die nach 1919 kaum noch politische Betrachtungen enthalten, jedoch nicht weiter thematisiert und reflektiert. Man kann aus ihnen ersehen, dass Südekum und seine Frau selbst während des Kriegs in teuren Sanatorien kurten, dass sie Dienstboten beschäftigten, die der Hausfrau die Arbeit erleichterten, die von ihrem Gatten immer wieder gemahnt wurde, „sich zu pflegen“. Der Sozialdemokrat, der danach strebte, Offizier zu werden und während des Kriegs auch zum Leutnant der Landwehr befördert wurde, öffnete seinen Kindern das Entrée in die sogenannte bessere Gesellschaft und erwartete dafür auch Dankbarkeit von ihnen. So fragte er seine Tochter Rosemarie, ob ihr Bruder ihr denn ein Bild von sich und seinen Kameraden geschickt habe, um dann fortzufahren: „Wenn ja, dann wirst Du wohl auch den Eindruck bekommen haben, dass das ,gentlemen‘ sind. Der Junge weiß hoffentlich, was wir ihm antun, indem wir ihm diesen Verkehr ermöglichen.“

Zahlreiche Briefe sind ziemlich belanglos, wie zwei der drei vom Jahre 1919 überlieferten. Am 24. Februar 1919 erfuhr seine Frau: „Gesund und wohl in Weimar angekommen. Den Kindern u. Dir, Liebes, viele gute Grüße.“ Zwei Tage berichtete er ihr: „Liebes, ich habe den vermissten Steuerzettel heute morgen unter meinen Papieren entdeckt u. soeben die vollzogene Anweisung geschickt; Du brauchst Dich also nicht mehr zu bemühen. – Von hier nichts Neues. Die Welt sieht ja nicht gerade schön aus! Hoffentlich geht’s Euch gut. Nachrichten habe ich noch nicht. Tausend Grüße den Kindern und Dir.“

Briefe aus der Zeit des Nationalsozialismus, in der Südekum wegen seiner jüdischen Frau alle Ämter und Funktionen verlor, scheinen nicht überliefert zu sein. Stattdessen werden am Schluss der Edition die an die Witwe des am 18. Februar 1944 Verstorbenen gerichteten Kondolenzbriefe abgedruckt. Unter den Kondolierenden befanden sich Widerstandskämpfer wie Carl Friedrich Goerdeler, Jakob Kaiser und Ernst von Harnack, Sozialdemokraten wie Carl Severing, Liberale wie Theodor Heuss und Konservative wie Kuno Graf von Westarp. Sie alle hielten sich an den altrömischen Grundsatz „de mortuis nil nisi bene“. Das Leben und die oppositionelle Haltung Südekums während der NS-Diktatur beleuchten die Kondolenzschreiben kaum.

Max Bloch (Herausgeber.): Albert Südekum. Genosse, Bürger, Patriarch. Briefe an die Familie 1909–1932. Mit einem Vorwort von Michael Wolffsohn. Böhlau Verlag, Köln 2017. 288 S., 40,– €.

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Quelle: wahlrecht.de
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