Dramatisch entwickelte sich diese einmalige Karriere, als Hitler seinem Architekten Anfang 1942 die Schalthebel der deutschen Rüstungswirtschaft in die Hand drückte und ihm jede gewünschte Vollmacht erteilte. Speer profitierte von der rücksichtslosen Ausbeutung besetzter Gebiete und von Millionen Zwangsarbeitern. So gelang ihm ein „Rüstungswunder“, das den verlorenen Krieg um vermutlich zwei Jahre verlängern half und ihn selbst als möglichen Nachfolger Hitlers in Position brachte. Er verstand es, Erfolge als persönliches Verdienst in Anspruch zu nehmen und notfalls Produktionszahlen zu fälschen, sich von der Goebbels-Propaganda feiern zu lassen und Konkurrenten auszuschalten.
Die Versammlung der Gauleiter am 2. Oktober 1943 in Posen wurde zu einem Schlüsselereignis. Vormittags sprach Speer über drastische neue Forderungen beim Arbeitseinsatz, nachmittags gab Heinrich Himmler eine ungeschminkte Beschreibung des Massenmords an den Juden. Am nächsten Morgen fuhr die Versammlung zum „Führer“ nach Rastenburg. War Speer also in allen Einzelheiten über das größte Verbrechen des Regimes informiert? Er hat das nach 1945 immer wieder bestritten und behauptet, dass
er im Anschluss an seine eigene Rede nach Rastenburg vorausgefahren sei. Mit dieser Einlassung rettete er beim Nürnberger Hauptkriegsverbrecher-Prozess seinen Kopf, ebenso mit dem Verweis darauf, dass für den Arbeitseinsatz formell Gauleiter Erich Sauckel verantwortlich gewesen sei. Beides konnte nicht widerlegt werden. Speers Verteidigungsstrategie, sich als reumütiger, nobler Technokrat zu präsentieren, ging auf und brachte ihm lediglich zwanzig Jahre Haft ein, die er bis zum letzten Tag in Spandau absitzen musste.
Die zweite Hälfte der Biographie widmet der Autor, Fachmann für die historische Wirkung politischer Memoiren, jener Zeit, in der Speer sein Leben neu konstruierte. Kenntnisreich und mit scharfem Urteil werden Historiker und Publizisten angeprangert, die von Speers Aussagen, die „durch und durch verlogen“ gewesen seien, fasziniert waren. Sie und die „überwältigende Mehrheit von Leserinnen und Lesern“ folgten Speer, weil sie „ihm und seinen Märchen folgen wollten“, schreibt Brechtken. Sein Vorwurf richtet sich vor allem gegen Joachim C. Fest, den Hitler-Biographen und von 1973 bis 1993 für das Feuilleton dieser Zeitung zuständigen Mitherausgeber, den Verleger Wolf Jobst Siedler und die Journalistin Gitta Sereny – wobei Letztere immerhin für sich in Anspruch nehmen kann, mit einer psychologisch hinreißenden Studie über ihre Gespräche mit Speer dessen Einlassung zu Posen erschüttert zu haben.
Den Speer-Biographen Fest und Sereny wirft Brechtken vor, ob aus Bequemlichkeit oder Gleichgültigkeit, die Archive nicht konsultiert zu haben. Sie hätten die „Fabeln“ Speers immer weiter kolportiert und ihnen literarische Qualität und Popularität verschafft. Wie andere Historiker hätten sie sich „zahm und zurückhaltend“ gezeigt. Erst der 2005 erschienenen TV-Dokumentation von Heinrich Breloer und Rainer Zimmermann sei es gelungen, den Zeitzeugen Speer nachhaltig zu entlarven. Damit sei auch die jahrzehntelange Rolle von Fest „als intellektueller Leitfigur in der bundesdeutschen Geschichtslandschaft“ hinfällig geworden.
Die gut lesbare Biographie dürfte als die späte Hinrichtung des Albert Speer in die historische Literatur eingehen. Ob das als gerechtes Urteil über einen prominenten NS-Täter gelten kann, wird ein Gegner der Todesstrafe vielleicht mit mehr Nachsicht beantworten. Dem Leser sei deshalb geraten, der Aufforderung des Autors zu folgen, selbst „zu prüfen und selbst weiter nachzudenken“. Der äußerst knappe Prolog und der dreiseitige Epilog geben leider keine ausführliche Auskunft über Arbeitsweise und Methodik des Autors. Mehr als 300 Seiten mit Anmerkungen sowie Quellen- und Literaturverzeichnis deuten immerhin einen Fleiß an, der dem Manuskript zugutegekommen ist, das – wie der Autor sich rühmt – gänzlich am heimischen Schreibtisch entstanden sei.
Magnus Brechtken: Albert Speer. Eine deutsche Karriere. Siedler Verlag, München 2017. 909 S., 40,– €.