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Afrika : Jenseits gängiger Klischees

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Satellitenaufnahme von Afrika und dem Mittleren Osten bei Nacht Bild: dpa

Verständnis für einen ganzen Kontinent wecken. Das gelingt mit persönlich gefärbten Geschichten - ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

          Im ghanaischen Khumasi färben sich Straßen und Strände rot, wenn sich die Jugend am Valentinstag in der Farbe der Liebe kleidet. In Lagos importieren nigerianische Händlerinnen seit den sechziger Jahren Lochstickereien aus Österreich, die dort als „traditionelle“ Kleidung gelten. Und im Roman „Going Down River Road“ baut Bauarbeiter Ben ein „Haus der Entwicklung“, in das er niemals selbst einziehen wird. Es sind solche Szenen und Schlaglichter, literarische und historische Figuren, Geschichten und Geschichte, mit denen Kirsten Rüther in „Afrika: Genauer betrachtet“ ein differenziertes und gewollt bruchstückhaftes Bild unseres Nachbarkontinents zeichnet.

          Afrika ist im Umbruch: jung, dynamisch und zunehmend städtisch. Die Zahl junger Menschen wächst schneller als im Rest der Welt. Chancen für politischen und ökonomischen Aufstieg muss sich die Jugend in vielen afrikanischen Gesellschaften aber hart erkämpfen. Von staatlicher Seite kann sie meist wenig Unterstützung erwarten. Nicht der Wohlfahrtsstaat, sondern das familiäre Netz, Freundschaften und andere interpersonelle Beziehungen garantieren für viele die Grundsicherung. Migration ist in diesem Kontext eine wichtige ökonomische Strategie, wobei innerafrikanische Migration, insbesondere in große Städte, eine weitaus bedeutendere Rolle spielt als die hierzulande vielbeachtete nach Europa.

          Doch um verbreitetes Halbwissen und falsche Gemeinplätze über den Kontinent zu ergänzen oder zu verwerfen, sind es gerade nicht die Makrotrends, denen die Wiener Professorin für Geschichte und Gesellschaften Afrikas nachspürt. Sie fokussiert sich vielmehr auf den facettenreichen afrikanischen Alltag, durch den soziale, wirtschaftliche und politische Strukturen ihre Bedeutung gewinnen. Diese Alltagsperspektive ermöglicht es, „Afrikaner und ihre Institutionen als geschichtsfähig Handelnde, Bezeichnende und Wirkende“ darzustellen. Damit greift die Autorin eines der sich am zähesten haltenden Afrika-Stereotype an.

          In Ausführungen über Religion in Afrika zeichnet Rüther beispielsweise nach, wie der König von Buganda im 19. Jahrhundert die verschiedenen Missionare und Vertreter europäischer und arabischer Mächte gegeneinander auszuspielen wusste, um sich Handelsvorteile zu verschaffen und seine eigene Macht zu erhalten. Nebenbei erhält hier Afrikas vorkoloniale Staatlichkeit und Geschichtlichkeit Konturen. Beides hatten Europäer weiten Teilen des Nachbarkontinents und dessen mündlichen Überlieferungstraditionen aberkannt, um damit die angebliche eigene Überlegenheit zu untermauern.

          Von Ostafrika nach Westafrika springend, verfolgt die Autorin im selben Kapitel die Geschichte der Ausbreitung des Islams. Für Bevölkerungsgruppen, die dort unter Versklavung gelitten hatten, hielt er die attraktive politische Botschaft von der Gleichheit aller Muslime parat. Spannend ist hier insbesondere die historische Figur der Nana Asma’u. Die gelehrte Tochter des Kalifen Usuman dan Fodio wirkte im frühen 19. Jahrhundert, als Bildung in Europa nur wenigen Frauen zugänglich war, als Dichterin, Lehrerin und religiöse Führungsfigur. Sie bildete Mitfrauen in Glaubensfragen aus und half, Frauen der unterworfenen Völker in die Religion und somit das Staatswesen zu integrieren.

          Solche herausragenden Frauenbiographien verdeutlichen, dass Stereotype über die „traditionelle“ Rolle afrikanischer Frauen einer Generalüberholung bedürfen. „Tradition“ wird selbst als Konstrukt entlarvt. Denn was wandel- und verhandelbare Bräuche waren, wurde erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts als Tradition festgeschrieben – nicht nur in Afrika, auch in Europa. Kolonialregime stärkten damit ihnen genehme Gruppen, häufig alte Männer, und wirken so bis heute in den Alltag hinein.

          Die Alltagsperspektive erlaubt es Rüther, sozioökonomisch, historisch und geographisch unterschiedliche Stimmen zu Wort kommen zu lassen. Auch ihre eigene Stimme fließt in diese „geordneten Multiperspektiven“ ein. Das ist ein Begriff, den sie bei der nigerianischen Schriftstellerin und Intellektuellen Chimamanda Ngozi Adichie entlehnt hat. Ohne ins Phrasenhafte zu fallen, macht sie ihre Positionierung deutlich. Es gelingt ihr fast immer, Stereotype zu meiden. Einzig warum das Kapitel „Rhythmen der Stadt und des Wohnens“ so betitelt ist, wird aus dem Inhalt nicht unbedingt deutlich. Und wenn von schwachen Staaten Afrikas die Rede ist, wäre die Erwähnung des überaus starken Staates in Ruanda unter Paul Kagame hilfreich, um nicht durch Verallgemeinerung Klischees zu bedienen.

          Die betont persönliche Herangehensweise der Historikerin mit Schwerpunkt Südafrika führt dazu, dass das Land am Kap, seine Kolonial- und Missionsgeschichte sehr präsent sind. Dafür kommt der Themenkomplex Arbeit, Wirtschaft, Finanzen etwas kurz. Aktuelle Entwicklungen, wie die afrikanische Start-up-Szene oder das Auseinanderdriften von Arm und Reich innerhalb afrikanischer Gesellschaften, wären interessante Ergänzungen gewesen.

          Doch auch was „afrikanischen“ Alltag betrifft, verweigert sich Rüther explizit dem Anspruch auf Vollständigkeit. Und so ist es müßig, ihr Auslassungen anzukreiden. Strategie ist vielmehr, einzelne Ausschnitte gekonnt aufzufächern: von Gesundheit und Bildung über Jugend und Stadt zu Mode und Konsum. Dafür greift sie auch auf Kunst und Literatur zurück. Für die weitere Lektüre gibt sie eine Fülle wissenschaftlicher und literarischer Hinweise. Ein Buch, das Lust auf mehr macht. Schade nur, dass die dröge Gestaltung dem Inhalt nicht gerecht wird.

          Kirsten Rüther: Afrika: Genauer betrachtet. Perspektiven aus einem Kontinent im Umbruch.

          Verlag Edition Konturen, Wien 2017. 207 S., 26,80 .

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