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Adolf Hitler : Redekünstler und Kartenleser

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Adolf Hitlers Geburtshaus in Braunau, Österreich Bild: AP

Hitler bildete sich ein, den Raum mit Hilfe exakten Kartenmaterials beherrschen zu können. Weil er nicht in konventionellen Vorstellungen befangen war, ließ er sich im Frühjahr 1940 während des Frankreich-Feldzuges „von überrumpelnden Kriegslisten“ inspirieren.

          Noch ein Buch über Hitler - aber ein sehr originelles! Zum 70. Jahrestag des Kriegsendes möchte Wolfram Pyta die Wirkung der nationalsozialistischen Herrschaft damit erklären, dass sich Hitler schon zur Wiener Aquarellmaler-Zeit am Wagnerschen Gesamtkunstwerk berauschte und daraus später ein „ästhetisches Konzept“ entwickelte, um als Politiker und schließlich auch als Feldherr seine Gefolgschaft weder überzeugen noch überreden, sondern überwältigen zu wollen. Die meisten Deutschen fielen demnach auf „Bühnenrezepte“ herein, die der aus Braunau am Inn stammende Gefreite und Meldegänger systematisch für den Aufstieg vom Redekünstler nach dem Ersten Weltkrieg zum „Architekten der Festung Europa“ im Zweiten Weltkrieg einsetzte.

          Die Hitler-Getreuen und -Gläubigen irritierte nicht einmal das Stalingrad-Desaster 1943: Der sich in der Öffentlichkeit rar machende oberste Befehlshaber konnte darauf bauen, „dass sich das Volk auf die unermessliche Schöpferkraft des ,Führers‘ verließ, der schon Mittel und Wege finden würde, den Gegner zu besiegen. Zumindest eine Zeitlang immunisierte der Genieanspruch gegen nüchterne militärische Einsichten.“ Daher lautet der zentrale Satz in der Studie des Stuttgarter Kulturgeschichtlers: „Die hingebungsvolle Unterwerfung unter das Genie ist kein serviler Akt erzwungener Untertänigkeit, sondern die extremste Form selbstgewählter Entmündigung.“

          Wie konnte Hitler in die Genie-Sphäre vorstoßen? Diese Frage behandelt der erste Teil des Buches. Für Pyta war Richard Wagner „zwar nicht der antisemitische Stichwortgeber Hitlers“, wohl „aber jener Großmeister der Kunst, der mit seinem Programm einer Ton-Bild-Wort-Raum-Interaktion auf der Bühne das für politische Performanzkünstler attraktivste Angebot offerierte“. Durch massentaugliche Aufführungen vermochte Hitler das Publikum in seinen Bann zu schlagen - mit der eigenen Stimme als „kostbarstes politisches Gut“. Der Künstler-Charismatiker habe „ästhetische Leitvorstellungen zur Legitimation seiner Herrschaft“ genutzt, sich danach vom ständigen Bewährungszwang der charismatischen Herrschaft abgekoppelt und schließlich selbst zum Genie stilisiert - ausgestattet „mit einer schier unbegrenzten politischen Generalermächtigung“. Bei einem „Genie der Tat“ nehme die Gefolgschaft Terror und Massenmorde als „politischen und moralischen Regelbruch“ hin.

          Pyta beschreibt im zweiten Teil, wie der Diktator seit 1938 in die Funktion als Inhaber der obersten militärischen Kommandogewalt hineinwuchs. Nach Kriegsbeginn 1939 habe er sich nicht mit der Rolle des Schlachtenbummlers begnügen sowie keine zweiten Hindenburgs und Ludendorffs (wie in der Kaiserzeit 1916) hochkommen lassen wollen. Hitler habe die Professionalität der generalstabsmäßig geschulten Oberbefehlshaber verachtet und darauf vertraut, dass er als Feldherr „die militärische Lage mit einem Blick räumlich erfasste und daraus die richtigen militärischen Lehren zog“, zumal es sich im Kern um eine ästhetische Begabung handeln würde, „die vom Feldherrn wie vom Künstler verlangt wurde: die Einnahme einer Perspektive, aus der die Gesamtheit des Geschehens erfasst und damit eingeordnet werden konnte“.

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