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Polen Voll innerer Zweifel

27.06.2006 ·  Freut euch einfach, flüstert es sanft aus Warschau, haltet zu eurer Mannschaft wie wir Polen auch. Bei aller Ermunterung schwingt aber auch die alte Sorge mit, der Nachbar könnte es in seiner Champagnerlaune wieder einmal ein wenig zu weit treiben.

Von Konrad Schuller
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Wenn polnische Kommentatoren den neuen deutschen Fußball-Patriotismus beschreiben, klingt das manchmal, als wolle ein Briefkastenonkel verunsicherten Teenagern die Angst vor dem „ersten Mal“ nehmen: einfühlsam, im beruhigenden Ton des soliden Fachmanns nehmen die erfahrenen Patrioten von der Weichsel ihre gerade in die ersten zarten Wallungen geratenen Nachbarn bei der Hand.

Am Anfang steht dabei oft die verständnisvolle Beschreibung deutscher Nöte. Vor Beginn der Meisterschaft, schreibt etwa die Zeitung „Rzeszpospolita“, seien die Deutschen wegen der unseligen Erinnerung an den Nationalsozialismus voll innerer Zweifel gewesen. Ohnehin stünden sie in puncto Nationalgefühl „auf einem der hintersten Plätze“ in Europa, und als das Fest beginnen sollte, hätten sie schwere Zweifel geplagt, ob der Partyschmuck, all die Fahnen und Fähnchen in Schwarz-Rot-Gold, den Gästen wirklich gefallen würden.

Die alte Sorge schwingt mit

Der nächste Schritt ist dann die begütigende Ermunterung. Freut euch einfach, flüstert es sanft aus Warschau, haltet zu eurer Mannschaft wie wir Polen auch, oder wie die Argentinier und die Kroaten - und wegen der paar Fahnen, die man jetzt „buchstäblich auf Schritt und Tritt“ auf euren Straßen, Plätzen und Stadien sieht, braucht ihr euch nun wirklich nicht so viele Gedanken zu machen. „Die sind doch etwas ganz Natürliches“.

Natürlich ist das nicht alles, und die deutsch-polnische Nachbarschaft wäre nicht die deutsch-polnische Nachbarschaft, wenn nicht bei aller Ermunterung auch die alte Sorge mitschwingen würde, der Nachbar könnte es in seiner Champagnerlaune wieder einmal ein wenig zu weit treiben. Die Mobilisierung deutscher Neonazis für das Spiel Deutschland gegen Polen, für welches die Rechtsextremisten mit der Parole geworben hatten, wer schon 1939 den Polenfeldzug geschafft habe, für den dürfe ein simples Fußballspiel kein Problem sein, ist in der polnischen Öffentlichkeit mit Empörung aufgenommen worden, und als eine Zeitung später berichtete, der sonst stets galante Präsident Kaczynski habe bei besagtem Spiel vernehmlich geflucht, obwohl eine Dame, nämlich die Bundeskanzlerin, neben ihm saß, nahm ihm das niemand übel.

Alles in allem aber trüben die alten Animositäten nicht das Gesamtbild. Mit einer Mischung aus Neid und Amüsement vermerken die Zeitungen die teutonisch perfekte Organisation der Meisterschaft, und allenfalls, wo vom „entsetzlichen“ Gebräu des amerikanischen Bier-Sponsors die Rede ist, das die Deutschen, immerhin Bierkenner von Weltruf, jetzt wegen der geltenden Verträge „mit verzogenem Gesicht“ trinken müßten, schwingt ein wenig Schadenfreude mit. Insgesamt wirkt der deutsche Nachbar auf die von jeher überschwenglich vaterlandsverbundene Nachbarnation im Osten nicht bedrohlich, sondern überraschend verständlich und vertraut. „Die Deutschen freuen sich einfach und sind glücklich, daß die Meisterschaft gerade bei ihnen stattfindet“, schließt billigend die „Rzeczpospolita“ - und was jene amerikanische Flüssigkeit betreffe, gelte schließlich der bewährte Sportlergrundsatz: „Im Stadion ist jedes Bier ein Bier.“

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Jahrgang 1961, politischer Korrespondent für Polen und die Ukraine mit Sitz in Warschau.

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