05.01.2007 · War der Mann, der Polens höchster Geistlicher werden soll, ein williger und zynischer Spitzel der Staatssicherheit? Der tiefe Fall des Erzbischofs trifft Polen zu einer Zeit, in der dort ohnehin heftig über den Umgang mit den Geheimdienstarchiven gestritten wird.
Von Reinhard VeserAnfangs waren die Gespräche der Agenten der kommunistischen polnischen Staatssicherheit mit dem jungen Priester „ein konsequent geführter Dialog mit dem Ziel, die Widerstände des Kandidaten zu mildern“. Aber dann „wuchs sein Vertrauen“, und er „teilte den Mitarbeitern der Staatssicherheit immer freier seine eigene Sicht und Meinung mit“. In etwa 50 Begegnungen mit den Geheimdienstlern im Laufe von etwas mehr als fünf Jahren habe er „eine Reihe konkreter Informationen“ übermittelt.
So soll er weitere Kandidaten für „operative Gespräche“ an der Katholischen Universität Lublin genannt, Charakteristiken von Priestern und Wissenschaftlern erstellt und über die Stimmung unter dem Lehrpersonal der Hochschule und den Gläubigen in Lublin während der politischen Krisen im März 1968 und Dezember 1970 berichtet haben.
Korruption und politische Schlammschlachten
Die Zitate stammen aus einem Bericht der Führungsagenten des jungen Priesters vom Oktober 1973, der mit anderen Dokumenten aus seiner Geheimdienstakte am Donnerstag von der Zeitung „Gazeta Polska“ im Internet veröffentlicht worden ist. Der Fall des Geistlichen könnte Polen in seinen Grundfesten erschüttern, denn in den von Historikern für echt erachteten Dokumenten geht es um Erzbischof Stanislaw Wielgus, der am Sonntag feierlich in das höchste Amt der katholischen Kirche des Landes, des Metropoliten von Warschau, eingeführt werden soll.
Korruption, politische Schlammschlachten und eine erschreckende Jugendgewalt haben in den vergangenen Jahren das Vertrauen der Polen in die staatlichen Institutionen und in die eigene Gesellschaft schwinden lassen. Weitgehend unberührt davon war bis jetzt als moralische Autorität nur die katholische Kirche, der 90 Prozent der Bevölkerung angehören. Doch nun sieht sich die Kirchenführung wegen ihres Umgangs mit dem Fall Wielgus einer vor kurzem noch kaum vorstellbaren Kritik ausgesetzt - und zwar vor allem von kirchentreuen katholischen Publizisten.
Jemand wolle ihn „vernichten“
Als die radikal antikommunistische Zeitung „Gazeta Polska“ kurz vor Weihnachten erstmals berichtete, der demnächst einflussreichste Geistliche Polens habe mehr als 20 Jahre dem kommunistischen Geheimdienst gedient und sei ein „außergewöhnlich zynischer Agent“ gewesen, hatte Erzbischof Wielgus noch große Teile der polnischen Öffentlichkeit auf seiner Seite - schließlich konnte das sehr aggressiv die Enttarnung einstiger Agenten fordernde Blatt keine Belege für seine Behauptung vorbringen.
Die polnische Bischofskonferenz verteidigte den so Angegriffenen umgehend und sprach von einem Angriff auf die Kirche, der dem liberalen Teil des Episkopats zugerechnete Wielgus vermutete, jemand wolle ihn „vernichten“, weil seine Ansichten nicht genehm seien, und der Lubliner Erzbischof Józef Zycinski forderte die Gläubigen zum Boykott von Zeitungen auf, die „auf nichts gestützte Beschuldigungen“ veröffentlichten.
Kontakte mit der Staatssicherheit nie bestritten
Doch gerade diese Abwehrhaltung, in der kein Wille zur Aufklärung der Vorwürfe erkennbar war, trug stark dazu bei, dass der Druck wuchs. Statt um die Offenlegung seiner Geheimdienstakten zu bitten, erklärte Wielgus, ihr Inhalt interessiere ihn nicht. Schließlich kündigte er in einem am 2. Januar erschienenen Interview mit der liberalen „Gazeta Wyborcza“ an, gleich nach seiner Amtseinführung werde er die Historische Kommission der polnischen Bischöfe bitten, die ganze Angelegenheit aufzuklären.
Erst unter dem Eindruck der wachsenden Kritik erklärte er sich dann doch am selben Tag einverstanden, dass seine Akten noch vor der Feierlichkeit am Sonntag untersucht werden. Dass solche Akten existieren, stand von Anfang an schon allein deshalb außer Zweifel, weil die katholische Kirche immer die besondere Aufmerksamkeit der Unterdrückungsinstrumente des kommunistischen Staates genoss.
Zudem hatte der Erzbischof Kontakte mit der Staatssicherheit nie bestritten: Er habe keine andere Möglichkeit gehabt, als er sich 1973 um ein Humboldt-Stipendium in Westdeutschland bewarb und dafür einen Auslandspass benötigte. Diese Aussage war insofern nicht unglaubwürdig, als der Geheimdienst bei solchen Anlässen seine Macht tatsächlich häufig dafür zu nutzen versuchte, Mitarbeiter zu gewinnen.
Die nötigen „materiellen Mittel“ erhalten
„Ich habe davor große Angst“, antwortete Wielgus der „Gazeta Wyborcza“ auf die Frage, ob er die Veröffentlichung seiner Akten nicht fürchte. Nach ihrer Veröffentlichung wird deutlich, weshalb - auch wenn nicht als sicher gelten kann, dass alles, was die Geheimdienstler aufgeschrieben haben, der Wahrheit entspricht.
Aus den Dokumenten geht nämlich nicht nur hervor, dass Wielgus schon vor 1973 Zuträger der Staatssicherheit war, sondern auch, dass er sich auf Vorschlag des polnischen Auslandsgeheimdienstes um das Stipendium für die Bundesrepublik beworben haben soll.
Für den Auslandsaufenthalt wurde im September 1973 sogar eine von Wielgus unterzeichnete „Vereinbarung über Zusammenarbeit“ geschlossen, aus der hervorgeht, dass er vom Geheimdienst für seine Aufgaben - vor allem die Ausforschung ostwissenschaftlicher Institutionen - geschult wurde und die nötigen „materiellen Mittel“ erhalten sollte.
Veröffentlichung privater Details
Der tiefe Fall des Erzbischofs, der kurz davor stand, qua Amt zu einer der höchsten moralischen Autoritäten Polens zu werden, trifft das Land zu einer Zeit, zu der es ohnehin in einen heftigen Streit über den Umgang mit den Hinterlassenschaften der kommunistischen Geheimdienste verstrickt ist.
Ein wesentlicher Programmpunkt der regierenden Brüder Kaczynski ist die sogenannte „Lustration“, die „Durchleuchtung“ aller Personen, die öffentliche Ämter bekleiden, auf eine mögliche Geheimdienstvergangenheit. Sogar ihnen ging aber das Gesetz dazu zu weit, das Radikale aus ihrer eigenen Partei „Recht und Gerechtigkeit“ dazu im Parlament, dem Sejm, durchgesetzt haben.
Denn es sieht vor, dass nicht Gerichte die Schuld mutmaßlicher informeller Mitarbeiter, sondern die Verdächtigen ihre Unschuld beweisen müssen. Zudem erlaubt es auch die Veröffentlichung privater Details aus den Akten - was vor allem aktive Regimegegner wie die Kaczynskis träfe, die in den siebziger und achtziger Jahren oft über Monate rund um die Uhr observiert worden sind. In diesen Wochen wird im Sejm deshalb über eine Neufassung des Gesetzes debattiert.
Akten sind nicht vollständig
Dass eine gesetzliche Regelung notwendig ist, die einen breiteren Zugang zu den Akten schafft, ist unstrittig. In den vergangenen Jahren waren auf undurchsichtige Weise in die Öffentlichkeit gelangte Informationen aus den Geheimdienstarchiven immer wieder in politischen Auseinandersetzungen instrumentalisiert worden, während die Angegriffenen nur unzureichende Möglichkeiten zu ihrer Verteidigung hatten.
Doch mahnen viele, vor allem aus dem liberalen Flügel der einstigen Opposition, zu Vorsicht: Zum einen sind die Akten nicht vollständig, weil ein großer Teil davon in der Übergangsphase Ende der achtziger Jahre vernichtet worden ist. Zum anderen dürfe man nicht zum Nennwert nehmen, was darin stehe.
In einer Notlage vom Geheimdienst erpresst
Aus den Dokumenten spreche die verzerrte Weltsicht ihrer Verfasser, schrieb die einstige Regimegegnerin Ewa Milewicz nach Lektüre ihrer Akten in der „Gazeta Wyborcza“. Sie seien - wohl von sich auf andere schließend - nicht in der Lage, in den Handlungen ihrer Beobachtungsobjekte andere als niedrige Beweggründe zu erkennen.
Unter den sogenannten „Geheimen Mitarbeitern“ sind zudem viele, die in einer Notlage vom Geheimdienst erpresst wurden und versucht haben, niemandem zu schaden. Auch sind Fälle dokumentiert, in denen Regimegegner ohne ihre Wissen als Mitarbeiter geführt wurden - sei es, um kompromittierendes Material zu schaffen, sei es, weil sich der „Führungsagent“ eine Beförderung versprach.
Die katholische Kirche hat sich in der Vergangenheit grundsätzlich für die Lustration ausgesprochen, wenn sie dazu diene, durch „eine schmerzhafte Wahrheit zu Reinigung und Versöhnung zu führen“. Zuletzt hatte sie aber immer stärker zur Zurückhaltung gemahnt - vor allem in eigener Sache, denn seit etwa einem Jahr werden immer mehr Fälle von zum Teil prominenten Priestern bekannt, die informelle Mitarbeiter waren. Manche katholische Publizisten in Polen sprachen schon von einer „Lustrationskrise“ der Kirche. Mit Erzbischof Wielgus hat sie einen Höhepunkt erreicht.