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Polen Das Gift des geheimen Wissens

In Polen hat eine Sprache des Hasses Konjunktur: Nationalkonservative Intellektuelle rücken die Regierung in die Nähe kommunistischer Herrscher, manche phantasieren gar öffentlich über die Ermordung politischer Gegner.

© AFP Marsch im Namen des toten Präsidenten: Demonstranten tragen am polnischen Unabhängigkeitstag am 11. November in Warschau ein Transparent mit dem Bild des verunglückten Lech Kaczynski

Am 17. September um drei Uhr morgens sperrte Militärgendarmerie den Zentralfriedhof in Danzig ab. Während an den Toren etwa dreißig Demonstranten, unter ihnen Abgeordnete der nationalkonservativen Partei „Recht und Gerechtigkeit“, erfolglos Einlass verlangten, wurde im Inneren ein Arbeitszelt über dem mit einer Fotografie geschmückten Grabstein Anna Walentynowiczs errichtet. Die Beamten öffneten das Grab, und bei Tagesanbruch war der Leichnam unterwegs zur Gerichtsmedizin. Die einstige Kranführerin Anna Walentynowicz ist eine historische Gestalt: Ihre Entlassung aus der Lenin-Werft war im August 1980 der Anlass für den historischen Streik der Gewerkschaft „Solidarność“. Den Tod hatte sie am 10. April 2010 in der Nähe von Smolensk in Russland gefunden, bei jenem Flugzeugunglück, bei dem Präsident Lech Kaczynski, seine Frau und 94 weitere Reisende - Abgeordnete, Generäle, Bischöfe, einstige Widerstandskämpfer - umgekommen waren.

Konrad Schuller Folgen:

Der Befund der Gerichtsmedizin traf die Nation ins Mark: Unter dem Grabstein von Anna Walentynowicz hatte eine Fremde gelegen. Sie selbst ruhte in Wahrheit in Warschau unter dem Namen eines anderen Opfers des Absturzes. Inzwischen weiß man, dass von den 96 Toten von Smolensk mindestens sechs in falschen Gräbern lagen. Seither taumelt Polen durch Aufregung und Autoaggression. Die Hiobsbotschaften aus den Gräbern haben Argwohn geweckt. Von Vertuschung ist die Rede, und der in der nationalkonservativen Opposition schon lange schwelende Verdacht, in Wahrheit sei Präsident Kaczynski nicht verunglückt, sondern einem Attentat zum Opfer gefallen, ist neu aufgelodert. Die Spannung entlud sich jäh, als am 30. Oktober die Zeitung „Rzeczpospolita“ - das führende Blatt der polnischen Rechten - berichtete, am Wrack des zerschellten Flugzeugs sei der Sprengstoff TNT entdeckt worden. Oppositionsführer Jaroslaw Kaczynski, der Zwillingsbruder des toten Präsidenten, gab den Ton vor: Ein „unerhörtes Verbrechen“ sei geschehen, 96 Personen seien „ermordet“ worden.

Geplantes Unglück?

Kaczynski nannte keine Schuldigen - das war nicht nötig, seine Anspielungen trafen auf Thesen, die unter seinen Anhängern längst gängig sind. Der verunglückte Präsident wollte bei Smolensk die Gedenkstätte Katyn besuchen, wo während des Zweiten Weltkriegs Tausende Polen vom sowjetischen Geheimdienst ermordet worden sind. War es da nicht denkbar, dass das Unglück nicht einfach nur so geschehen sei, sondern geplant wurde, und zwar in Moskau? Und könnte es nicht sein, dass die Regierung des liberalkonservativen polnischen Ministerpräsidenten Tusk geholfen habe, die Spuren zu verwischen? Diese Regierung müsse fort, forderte Kaczynski. Es könne nicht sein, dass Leute herrschten, die in einer solchen Angelegenheit „betrogen“ hätten.

Die Nachricht vom „TNT am Flugzeugwrack“ brach noch am selben Tag in sich zusammen. Die Staatsanwaltschaft bestätigte zwar, dass bestimmte Spuren am Wrack theoretisch auf Sprengstoff hindeuten könnten, fügte aber hinzu, dieselben Befunde könnten ebenso auch von Schuhcreme oder Kosmetika stammen. Die „Rzeczpospolita“ entließ den Autor der Sensationsmeldung, den Chefredakteur und dessen Stellvertreter.

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