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Auswertung der Pisa-Studie : Sozial benachteiligte Schüler holen deutlich auf

  • Aktualisiert am

Ein Schüler in einer Hauptschule in Arnsberg (Archiv) Bild: dpa

Laut einer neuen Pisa-Studie erreichen weit mehr sozial benachteiligte Schüler solide Schulleistungen als noch vor einem Jahrzehnt. Doch bei einem Aspekt liegt Deutschland weiter unter dem internationalen Durchschnitt.

          In Deutschland erreichen mehr Schüler aus bildungsfernen Elternhäusern ein solides Leistungsniveau. Der Anteil sozial benachteiligter 15 Jahre alter Schüler mit entsprechenden Kompetenzen in Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften stieg von einem Viertel (25 Prozent) im Jahr 2006 auf ein Drittel (32,3 Prozent), wie eine am Montag von der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) veröffentlichte Sonderauswertung der Pisa-Schulstudie ergab.

          Die Bildungsforscher stufen diese Jugendlichen damit als resilient ein. Das bedeutet im Zusammenhang der Studie, dass sie trotz sozialer Nachteile solide Leistungen in der Schule zeigen. Dass sie in der Lage sind, diese Leistungen zu erbringen, hängt der Studie zufolge vor allem von zwei Schlüsselfaktoren ab: den Mitschülern und dem Schulklima. Weniger entscheidend sind demnach die Ausstattung der Schulen, etwa mit Computern, und die Klassengröße.

          Soziale Benachteiligung definiert die Studie in Bezug auf die Verhältnisse innerhalb eines Landes. Um diese zu ermitteln, beantworteten die Schüler neben dem eigentlichen Test auch einen Fragebogen zu ihrer sozialen Herkunft. Über diesen wurden Bildungsstand und Beruf der Eltern ebenso abgefragt wie die im Haushalt verfügbaren sogenannten kulturellen Güter, also zum Beispiel Bücher.

          Die Wissenschaftler bildeten aus diesen Angaben einen Index zum sozioökonomischen Status. All jene Schüler, die entsprechend dem Index im jeweiligen Land zum unteren Viertel gehörten, wurden im Rahmen der Studie als sozial benachteiligt eingestuft.

          Unter den OECD-Ländern konnte Deutschland zusammen mit Portugal den größten Zuwachs beim Anteil resilienter Schüler erreichen. Damit liegt das Land nun in diesem Punkt auch im internationalen Vergleich deutlich über dem Durchschnitt. In den OECD-Ländern belief sich der Anteil der resilienten Schüler im Schnitt nur auf rund 25 Prozent. Unter allen Pisa-Teilnehmern hatten Hongkong mit 53 Prozent und Macao mit 52 Prozent die höchsten Quoten. Besonders gering war der Anteil resilienter Schüler dagegen in Indonesien, Brasilien, Mexiko und Rumänien.

          Die Pisa-Studie ist die größte Schulleistungsstudie und erfasst die Kompetenzen von 15 Jahre alten Schülern. Erfreuliche Nachrichten hielt sie für Deutschland bislang kaum bereit. Die Veröffentlichung der ersten Erhebung sorgte im Jahr 2000 für einen Schock: In allen drei Prüfungsbereichen – Lesen, Mathematik, Naturwissenschaften – lag Deutschland unter dem OECD-Durchschnitt. Bei der Bildungsgerechtigkeit fiel das Ergebnis noch schlechter aus: Wie in kaum einem anderen Land war der schulische Erfolg in Deutschland von der sozialen Herkunft abhängig. In der Folge wurden Ganztagsschulen gefördert.

          Trotz der erfreulichen Ergebnisse der aktuellen Pisa-Sonderauswertung spielt der soziale Hintergrund laut OECD in Deutschland aber nach wie vor eine große Rolle. Die Chancengerechtigkeit erhöhte sich demnach zwar, liegt aber noch immer unter dem OECD-Durchschnitt. Die Leistungsunterschiede zwischen sozial bessergestellten und sozial benachteiligten Schülern seien weiterhin groß, erklärte die Organisation.

          Mitschüler entscheidend für Lernerfolg

          Ob sozial benachteiligte Schüler ein solides Leistungsniveau erreichen, hängt laut den Forschungsergebnissen stark von der sozialen Herkunft der Mitschüler ab. Jugendliche aus bildungsfernen Elternhäusern profitieren demnach vom gemeinsamen Unterricht mit bessergestellten Schülern.

          Das kann den Autoren der Studie zufolge mehrere Gründe haben. Eine Erklärung ist, dass sich die Schüler innerhalb der Gruppe positiv beeinflussen. Zudem könnte es sein, dass Schulen mit bessergestellten Schülern für Lehrkräfte attraktiver sind und deshalb bessere Lehrkräfte anziehen. Möglich wäre aber auch, dass sozial benachteiligte Schüler an einer Schule mit bessergestellten Schülern von Eltern und Lehrkräften mehr Aufmerksamkeit bekommen und so ihre Fähigkeiten besser entfalten können.

          Ein weiterer Schlüsselfaktor sei das Schulklima. Eine Voraussetzung dafür wiederum seien stabile Lehrerkollegien mit wenigen Wechseln. Aber auch der Führungsstil der Schulleitung spielt der Studie zufolge eine Rolle: Gelinge es dem Schulleiter, Lehrer, Eltern und Schüler von einer gemeinsamen Mission zu überzeugen, wirke sich dies positiv auf das Schulklima aus.

          Für Deutschland empfehlen die Verfasser der Studie zudem Ganztagsangebote, die über den Unterricht selbst hinausgehen. So könne die Resilienz der Schüler weiter gestärkt werden. Der für deutsche Schüler festgestellte Zusammenhang zwischen Aktivitäten jenseits des Unterrichts und einer gesteigerten Resilienz ließ sich den Autoren zufolge aber nicht für alle untersuchten Länder bestätigen.

          Der Deutsche Lehrerverband wertete die Ergebnisse der Studie als Ermutigung. „Die aktuelle Auswertung ist erfreulich, die Erklärungsmuster aber sind teilweise bildungsideologisch aufgeladen“, sagte Verbandschef Heinz-Peter Meidinger der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ vom Dienstag. Als Beispiel führte er an, dass Angebote außerhalb des Unterrichts als Beleg dafür gewertet würden, dass Ganztagsschulen grundsätzlich gut für Bildungsgerechtigkeit seien. „Das ist problematisch, denn zur Ganztagsbetreuung wurden gar keine Pisa-Daten erhoben“, sagte Meidinger.

          Zudem fürchtet er Rückschläge durch einen zu hohen Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund in den Klassen. „Auch das wird in der Studie nicht thematisiert“, kritisierte der Vorsitzende des Deutschen Lehrerverbandes.

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