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Pisa-Studie Schulpolitik mit Folgen

14.07.2005 ·  Bisher sind zwar erst die wichtigsten Ergebnisse des Pisa-Ländervergleichs bekannt, doch allein die Hinwendung zu mehr Leistungs- und Anstrengungsbereitschaft in jedem einzelnen Land bei Eltern, Schülern und Lehrern, hat sich positiv ausgewirkt.

Von Heike Schmoll
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Bisher sind zwar erst die wichtigsten Ergebnisse des Pisa-Ländervergleichs bekannt, schon jetzt läßt sich damit aber die Behauptung widerlegen, daß sich nach den früheren Pisa-Studien schulpolitisch nichts getan habe. Dabei haben noch gar nicht alle schulpolitischen Neuerungen greifen können, die nach Pisa 2000 eingeführt wurden. Allein die Ankündigung der Bildungsstandards hat standardisierend gewirkt. Der wesentliche Fortschritt in der schulpolitischen Debatte liegt jedoch darin, daß die bis kurz vor der Veröffentlichung der jüngsten Ergebnisse wiederholten Standpunkte der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft als pure Ideologie entlarvt sind.

Die deutsche Schullandschaft verdient eine differenzierte Betrachtung. Die Schwarzweißgemälde von Bildungsideologen, die auch jetzt noch die Einheitsschulsysteme preisen, werden der Realität immer weniger gerecht. Hatten sie nicht vor wenigen Tagen behauptet, die ungünstigsten Bedingungen herrschten in den östlichen Ländern? Beim Pisa-Ländervergleich hat Sachsen jedoch auf manchen Gebieten schon Baden-Württemberg überrundet, und Thüringen steht an vierter Stelle. Es zählen nunmehr vier Länder zu einer Spitzengruppe, die sich mit den international besten Ländern messen können.

Kein Ost-West-Gefälle

Also sind es doch nicht nur günstige äußere Umstände, wie sie in den reichen westlichen Südländern mit der geringen Jugendarbeitslosenquote und den intakten Elternhäusern gegeben sind, die den Schulerfolg garantieren. Gewiß, Bayern und auch Baden-Württemberg weisen eine geringe Jugendarbeitslosigkeit auf (6,6 Prozent und 7,8 Prozent); in Sachsen und Thüringen liegt sie nach der letzten Erhebung vom Juni 2005 aber bei 16,4 Prozent und 15,7 Prozent.

Von einem Ost-West-Gefälle bei den Schulleistungen kann nun nicht mehr die Rede sein. Offensichtlich konnten die ostdeutschen Länder, allen voran Sachsen und Thüringen, an ihre ausgeprägte Lerntradition aus DDR-Zeiten und ihre mathematisch-naturwissenschaftlichen Stärken anknüpfen. Außerdem haben sich beide Länder unmittelbar nach der Wende Schulbeamte aus Baden-Württemberg und Bayern in ihre Ministerien geholt. Auch dieser Ländervergleich bestätigt allerdings ein erhebliches Nord-Süd-Gefälle. Denn der Leistungsunterschied zwischen Bremen und Bayern liegt immer noch bei 1,5 Schuljahren, obwohl sich Bremen in der kurzen Zeit erheblich verbessert hat.

Die vorliegenden Ergebnisse erlauben es noch nicht, Entwicklungen auf einzelnen Gebieten, etwa in der Lesekompetenz, zu beschreiben, dazu ist die gesamte Studie erforderlich. Eines läßt sich jedoch schon jetzt sagen: Allein der Bewußtseinswandel, die Hinwendung zu mehr Leistungs- und Anstrengungsbereitschaft in jedem einzelnen Land bei Eltern, Schülern und Lehrern, hat sich positiv auf die Ergebnisse ausgewirkt. Das Bildungsklima eines Landes ist mindestens so wichtig wie konkrete schulpolitische Maßnahmen.

Bremen und Sachsen-Anhalt profitieren

Die zunehmende Leistungsbereitschaft macht sich selbst in Bremen bemerkbar, das zwar weiterhin am unteren Ende der Skala steht und doch erhebliche Fortschritte vorweisen kann; in weit höherem Maße jedoch in Sachsen-Anhalt, das einen regelrechten Qualitätssprung zu verzeichnen hat, der auch international betrachtet seinesgleichen sucht. An sozialen Faktoren wie Einkommensstruktur und Jugendarbeitslosigkeit kann das nicht gelegen haben, denn die Jugendarbeitslosigkeit liegt dort bei 18,8 Prozent.

Schon die Ankündigung der von den Kultusministern beschlossenen Bildungsstandards sowie die damit verbundene Einführung oder Vorbereitung zentraler Abschlußprüfungen haben leistungssteigernd gewirkt. Wer also immer noch dem OECD-Koordinator aus Paris Glauben schenkt, der gerade erst von stockenden Reformen gesprochen und seine altbekannte Föderalismuskritik wiederholt hat, dürfte angesichts dieser Ergebnisse ins Grübeln geraten. Wirksame bildungspolitische Schritte können schneller greifen, als mancher zu hoffen gewagt hat. Dabei hat sich der föderale Wettbewerb als qualitätssteigernder Faktor erwiesen, denn jedes Land hat sich bemüht, erheblich besser zu werden. Auffällig ist allerdings, daß Länder mit vielen Gesamtschulen wie Nordrhein-Westfalen und Hessen langsamer vorangekommen sind als Länder mit profilierten und leistungsstarken Schulformen.

Entscheidend: die Schultradition

Entscheidend ist nicht das jeweilige Schulsystem, sondern der kluge und bedachte Umgang mit vorhandener Schultradition. Nach diesem Ländervergleich gibt es weniger Grund denn je, das dreigliedrige Schulsystem einem Einheitsschulsystem nach skandinavischem Vorbild zu opfern. Vielmehr liegen die Länder, die auf ein dreigliedriges Schulsystem mit hohen Qualitätsstandards in allen Schularten gesetzt haben, in Führung - und zwar nicht deshalb, weil ihre Gymnasiasten so gute Ergebnisse vorzuweisen hätten.

Den Sprung in die internationale Spitzengruppe hat ausgerechnet Bayern erreicht, das die geringste Übergangsquote zum Gymnasium aufzuweisen hat, dafür aber enorm leistungsstarke Haupt- und Realschulen. Vielleicht stimmt das auch diejenigen nachdenklich, die nach immer mehr Abiturienten verlangen, um diese dann mit Kurzstudiengängen und Bachelorabschlüssen an den Hochschulen abzuspeisen. Außerdem hat ein bayerischer Schüler bis zu seinem fünfzehnten Lebensjahr noch immer tausend Stunden mehr Unterricht erhalten als ein Gleichaltriger in Nordrhein-Westfalen. Selbst wenn die Qualität des Unterrichts wichtiger ist als die Quantität und der Mehraufwand nur zum Wiederholen genutzt würde, ist das nicht bedeutungslos. Nach diesen Ergebnissen werden nur noch Masochisten das deutsche Schulsystem weiter schlechtreden. Guter Unterricht, qualifizierte Lehrer und vor allem eine klare Priorität für das Leistungsprinzip sind die Erfolgsgaranten. Für Bildung ist dadurch noch nicht gesorgt, wohl aber für die dazu nötigen Voraussetzungen.

Quelle: F.A.Z., 15.07.2005, Nr. 162 / Seite 1
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Jahrgang 1962, politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.

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