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Veröffentlicht: 30.06.2014, 10:38 Uhr

Philipp Mißfelder Ein Mann will nach Osten

Philipp Mißfelder sitzt im CDU-Präsidium, er fördert die Völkerverständigung mit Turkmenistan und berät einen Glamour-Verlag. Neulich besuchte er Schröders Geburtstagsparty in St. Petersburg. Als wir mehr erfahren wollen, wird er fuchsteufelswild.

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© Illustration F.A.S., Foto Imago Ist derzeit abgetaucht. So tief, wie das Schwarze Meer: Philipp Mißfelder

Dieser Artikel soll nicht erscheinen: Das lässt uns Philipp Mißfelder gleich vorab durch seine Anwälte ausrichten. Er hat auf viele Fragen nicht geantwortet, sich wochenlang verleugnen lassen und schließlich zwei Anwaltskanzleien in Marsch gesetzt. Der Mann ist nicht irgendwer. Sondern außenpolitischer Sprecher der Unionsfraktion. CDU-Präsidiumsmitglied. Vorsitzender der Jungen Union. Er wollte verhindern, dass über ihn, seine Russland-Verbindungen und seine Geschäftstätigkeit geschrieben wird. Da muss man sich schon dafür interessieren, was ihn bewogen hat, nach Sankt Petersburg zu einer russischen Rubel-Party zu fliegen. Angeblich eine Privatreise. Während Russland einen unerklärten Krieg gegen die Ukraine anzettelt.

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Mißfelder will sich nicht näher erklären. Oder er kann es nicht. Der außenpolitische Sprecher spricht nicht, er schweigt. Wer ihn nach Russland fragt, seinen Reisen und Vereinsmitgliedschaften, nach Gasprom oder nach seinen Geschäften, der bekommt keine Antworten, sondern es mit Anwälten zu tun. Die wurden von Mißfelder und der Jungen Union mit dem Einschüchtern beauftragt. Man fordert auf, „von weiteren Rückfragen zu dieser Thematik Abstand zu nehmen“. Vorsorglich wird uns auch für den Fall gedroht, dass wir es wagen, über die Drohung zu berichten. Eine ziemlich russische Art, mit der Presse umzuspringen.

Philipp Mißfelder kann aber auch anders, er kann nachgerade zart sein. Beispielsweise mit seinem Idol Helmut Kohl. Oder wenn der CDU-Politiker über die Verdienste des SPD-Kanzlers Schröder redet. Wegen Kohl ist Mißfelder angeblich mit vierzehn der CDU-Jugendorganisation beigetreten. Für Schröder lässt er die Kanzlerin sitzen. Bekannt wurde Mißfelder allerdings mit harten Sprüchen über alte Menschen. „Ich halte nichts davon, wenn 85-Jährige noch künstliche Hüftgelenke auf Kosten der Solidargemeinschaft bekommen.“ Früher seien die Leute „schließlich auch auf Krücken gelaufen“. Die Folge war ein Riesenwirbel.

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Mißfelder hat beigedreht, seither ist er der engste Verbündete der Senioren Union. Ein andermal hat er eine Erhöhung der Hartz-IV-Zahlung als „Anschub für die Tabak- und Spirituosen-Industrie“ bezeichnet. Das kam auch nicht gut an. Inzwischen meidet Mißfelder politische Festlegungen. Manche denken: Der kann Kanzler werden. Es gebe wohl keinen Politiker, der sich derart schamlos zur Leere bekenne wie Mißfelder, schrieb der „Spiegel“-Autor Dirk Kurbjuweit in einem Porträt über ihn. Der Text zeigte einen schleimigen Opportunisten. Vielen tat Mißfelder hinterher leid, aber er ist weiter gut vorangekommen: in der CDU bis ins Parteipräsidium.

Seine politische Machtbasis bildet die Junge Union, die Jugendorganisation der CDU. Die „JU“ hat etwa 120.000 Mitglieder, ohne die kein Wahlkampf zu stemmen wäre. Mißfelder kann Hunderte junge Leute zu Helmut Kohls Geburtstag auflaufen lassen oder zweitausend zu einer deutsch-französischen Feier mit der Bundeskanzlerin und dem französischen Staatspräsidenten. Die von Mißfelder modernisierte Junge Union ist für ihre Funktionäre ein Karrieremotor, und Mißfelder ist seit zwölf Jahren der Chef. Aber mit 35 ist Schluss, der Familienvater wird zu alt für die Parteijugend. Ein Nachfolgekampf ist in vollem Gange. Getreue von Mißfelder ringen mit Leuten, die von seiner „rotzigen Arroganz“, so ein früherer JU-Funktionär, die Nase voll haben.

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