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Patientenwille und Sterbehilfe : „Selbstbestimmung bis zum Tod“

Gespräche sind am Lebensende besonders wichtig, sagt Medizinerin Allmann. Bild: dpa

Anfang November hat der Bundestag geschäftsmäßig organisierte Sterbehilfe verboten. Wie soll die Medizin jedoch mit dem Sterbewunsch mancher Todkranker umgehen? Die Ärztin Johanna Allmann hat sich intensiv damit beschäftigt.

          Sie haben mehr als 1000 Menschen dazu befragt, wie Sie zu lebenserhaltenden Maßnahmen und Reanimation stehen. Was waren die Ergebnisse?

          Leonie Feuerbach

          Redakteurin im Ressort Gesellschaft.

          Die deutliche Mehrheit hat gesagt, sie würden sich lebenserhaltende Maßnahmen oder Reanimation wünschen. Viele waren sich unschlüssig. Definitiv abgelehnt haben 15 Prozent die Reanimation und acht Prozent intensivmedizinische Maßnahmen wie zum Beispiel maschinelle Beatmung.Bei den Befragten waren alle Altersgruppen und Krankheiten dabei.

          Johanna Allmann ist Assistenzärztin in einer internistisch-onkologischen Abteilung. Für ihre Doktorarbeit zum Patientenwillen wird sie mit dem Deutschen Studienpreis 2015 der Körber-Stiftung ausgezeichnet.
          Johanna Allmann ist Assistenzärztin in einer internistisch-onkologischen Abteilung. Für ihre Doktorarbeit zum Patientenwillen wird sie mit dem Deutschen Studienpreis 2015 der Körber-Stiftung ausgezeichnet. : Bild: Ausserhofer/Körber-Stiftung

          Wovon hängt ab, wie Menschen sich zu diesem Thema positionieren?

          Diejenigen Patienten, die keine Maßnahmen wollten, waren signifikant älter. Es waren öfter Frauen als Männer und Menschen mit Grunderkrankungen wie Krebs oder chronischer Herzinsuffizienz.

          Woher kommt der Unterschied zwischen den Geschlechtern?

          Darüber lässt sich nur spekulieren. Viele Männer antworten auf die Frage nach dem Willen in Notfallsituationen: „Das müssen Sie meine Frau fragen“. Frauen haben eine andere Grundeinstellung zur Gesundheit, sie gehen beispielsweise häufiger zu Vorsorgeuntersuchungen. Vielleicht wollen sie lieber auf Maßnahmen verzichten, die ihre geistige oder körperliche Verfassung beeinträchtigen könnten. Männer scheinen aggressiven Therapieoptionen gegenüber offener zu sein und machen sich vielleicht weniger Gedanken über mögliche Konsequenzen. Aber das ist wie gesagt Spekulation und aus meiner Studie darf man keine pauschalen Rückschlüsse für den klinischen Alltag ziehen.

          Selbstbestimmt sterben : Palliativmedizin bietet Alternativen zur Sterbehilfe

          Was war der Anlass für Ihre Studie?

          Dass die Selbstbestimmung des Patienten immer mehr Raum bekam und es 2009 ein neues Betreuungsrechtsgesetz gab, in dem der Patientenwille gestärkt wurde und in Form der Patientenverfügung rechtlich bindend wurde. Wir wollten sehen, wie dieser Wille aussieht und wie viele überhaupt eine solche Verfügung haben.

          Und?

          22 Prozent der Befragten gaben zwar an, eine Patientenverfügung zu haben, im Krankenhaus dabei hatten sie aber nur gut zwei Prozent aller Befragten. Wichtiger als eine Patientenverfügung ist deshalb im Klinikalltag, dass die Leute mit Vertrauten über ihre Ängste und Wünsche reden und eine Vorsorgevollmacht ausstellen für den Fall, dass sie selbst ihren Willen nicht mehr äußern können.

          Haben Sie diese Menschen auch danach gefragt, wie sie zu Sterbehilfe stehen?

          Ich habe es nicht direkt erfragt, aber im Gespräch durchaus mitbekommen. Die Schlussfolgerung meiner Arbeit ist, dass der Wünsche am Lebensende extrem komplex sind und viele Menschen sehr unsicher sind. Und dass der Wunsch nach Lebensverlängerung oder Sterben sich auch durchaus im Verlauf einer Erkrankung ändert. Man muss deshalb mit den Patienten immer wieder reden, neue Situationen besprechen und auf Werte und Ängste eingehen. Der Gesprächsbedarf ist nicht hoch genug einzuschätzen. Leider fehlt in einem wirtschaftlich arbeitenden Krankenhaus aber oft die Zeit für Gespräche in der Ausführlichkeit, in der wir alle sie uns als Patienten wünschen würden.

          Wovor haben Menschen am Lebensende am meisten Angst: Vor dem Tod oder davor zu leiden oder anderen zur Last zu fallen?

          Das spielt sicherlich alles eine Rolle. Was ich noch hinzufügen kann, ist, dass auch Einsamkeit eine sehr große Rolle spielt und vielleicht die bitterste Krankheit unserer Zeit ist. Gefühlt ist die soziale Vereinsamung ein sehr großes Thema. Die Angst, im Altenheim zu sterben, am Schluss alleine zu sein.

          Was könnte verbessert werden?

          Die Gesellschaft muss sich weiter darüber Gedanken machen, was ihr ein würdevolles Lebensende wert ist. Wir müssen zum Beispiel auch danach fragen, wo eigentlich gestorben wird in Deutschland. Viele Patienten kommen von zu Hause oder aus dem Altenheim zum Sterben ins Krankenhaus, sicherlich spielt hier der Pflegenotstand eine große Rolle.  Aber auch die Kommunikation. Wenn schon im Heim klar wäre, dass jemand gar keine lebensverlängernde Maßnahmen wünscht, müsste er auch nicht noch mal verlegt werden. Es kann noch viel verändert werden für ein würdevolles Sterben. Zeit für Gespräche und die Honorierung dieser Zeit in unserem Gesundheitssystem sind dringend nötig. Patienten können nur so selbstbestimmt sein, wie unser System es sie sein lässt. Sie sind nur dann selbstbestimmt, wenn sie im Detail zu ihren Erkrankungen und Möglichkeiten informiert werden.

          Und das ist heute nicht der Fall?

          Ein Ort, an dem Gespräche und Zeit schon heute große Wertschätzung finden und wo man sich sehr bemüht,  dem Willen am Lebensende nachzukommen, ist die Palliativmedizin und sind die Hospize. Ambulante Palliativdienste ermöglichen zunehmend ein Sterben zuhause und unterstützen auch in den Heimen. In diesem Bereich hat sich in den letzten Jahren viel getan. Doch profitiert noch ein zu kleiner Teil an schwerkranken Menschen von dieser Medizin oder weiß überhaupt über diese Möglichkeiten der Unterstützung am Lebensende Bescheid.

          Quelle: FAZ.NET

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