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Helmut Kohl : Pater Patriae

Helmut Kohl (1930-2017) Bild: Frank Röth

Helmut Kohl hat den folgenschwersten Fehler Bismarcks repariert. Er tat alles Mögliche und Vernünftige, um die Freundschaft mit unserem Nachbarn Frankreich zu festigen.

          Pater patriae – dieser Ehrentitel des römischen Senats gebührte auch dem verstorbenen Bundeskanzler Helmut Kohl. Er ist ein Vater der deutschen Einheit. Und mehr noch, für Deutschland sogar wichtiger, er ist auch ein Vater Europas. Pater patriae, Vater des Vaterlandes: der Ehrentitel hätte Helmut Kohl behagt. Weil er sich selbst so sah, als Pater, als Patriarchen. Kohl, ein Mann von großer, zeitweise gar gewaltiger Statur und ebensolchem Selbstbewusstsein, kannte seinen Platz in künftigen Geschichtsbüchern. Auch der wird einigen Raum beanspruchen. In vielen Nachrufen taucht dieses Wort auf: groß.

          Man wird seinen Namen noch kennen, wenn viele andere längst vergessen sind. Wie sonst nur Bismarck ist Helmut Kohl ein politischer Baumeister der deutschen Einheit gewesen. Aber seine Werkstoffe waren nicht Eisen und Blut. Herzblut allenfalls, und ein nachhaltiger Wille. Bei Bismarck hingegen waren Eisen und Blut keine Sprachbilder, als er 1862 sagte, die großen Fragen der Zeit würden durch Eisen und Blut entschieden. Es war Eisen, das tötete, und Blut, das floss. Preußen, sodann das Deutsche Reich, haben in den folgenden neun Jahrzehnten mit allzu viel Eisen hantiert und allzu viel Blut vergossen. Diese Versuchung gab es seither für keinen deutschen Kanzler mehr. Aber das hätte ja auch bedeuten können, dass eben andere die großen Fragen der Zeit entschieden. So hat Kohl das nicht gesehen.

          Der maßgebliche Staatsmann seiner Zeit

          Und über die Wiedervereinigung lässt es sich schon gar nicht sagen. Auch nicht über das Projekt der europäischen Einigung, das Kohl unbeirrt verfolgte. In beiden Fragen, die er als ein und dieselbe erkannt hatte, war er der maßgebliche Staatsmann seiner Zeit. Und schon der dritte große Nachkriegskanzler nach Adenauer und Brandt, dessen Name unserer Nation in der Welt zur Ehre gereicht. Nach der niederschmetternden Bilanz der sechzig Jahre davor ist das doch überaus tröstlich.

          Was die Wiedervereinigung und das europäische Einigungsprojekt in Gestalt der Währungs- und Wirtschaftsunion betrifft, ist es unmöglich, über Kohls Rolle hinweg zu denken. Eben das ist Rankes Kriterium für historische Größe. Es gilt für Kohl: Ohne ihn wären die Dinge anders verlaufen. Die Wiedervereinigung wäre wohl nicht zustande gekommen, und wenn, dann erst viel später.

          Die Europäische Union gäbe es in dieser Form nicht, den Euro schon gar nicht. Kohl hat als Kanzler die Möglichkeiten des Amtes und des historischen Augenblicks voll ausgeschöpft. Und am allerbesten erkennt man das daran, dass jenes Amt nach ihm nicht mehr dasselbe war. Helmut Kohl war der letzte Bundeskanzler der Bonner Republik. Er hat sie selbst beendet. Seine Nachfolger amtieren nun in Berlin. Als seinerzeit im Bundestag über den Umzug der Regierung dorthin diskutiert wurde, war so manchem Abgeordneten durchaus mulmig zu Mute. Kohl hat ihnen, hat uns allen, einen erheblich erweiterten Raum von Einfluss, Gefahren und Verantwortung hinterlassen. Es ist sein Erbe. Wir müssen es erwerben, um es zu besitzen.

          Volker Zastrow

          Verantwortlicher Redakteur für Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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