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Parlamentswahl im Kosovo „Der vermutlich reichste Albaner der Welt“

15.11.2007 ·  Ein Bauunternehmer mit Schweizer Pass, der den russischen Präsidenten Jelzin bestochen haben soll, ist einer der Favoriten bei der Parlamentswahl im Kosovo. Behgjet Pacolli bewegte sich einst im Dunstkreis des Diktators Tito. Heute sucht er nach neuen Allianzen.

Von Michael Martens, Prishtina
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Behgjet Pacolli kann seine Gesprächspartner mit einem einzigen Satz sprachlos machen. Gerade hat er von seiner Jugend im Kosovo erzählt und davon, wie er als junger Mann nach Belgrad ging, wo er in den siebziger Jahren ganz in der Nähe von Tito gearbeitet habe. Das kann freilich vieles bedeuten - doch auf die Frage, ob er den schon zu Lebzeiten legendären jugoslawischen Diktator einmal persönlich gesehen habe, antwortet Pacolli: „Ja, sogar nackt.“

Es scheint, als genieße er die Verblüffung seines Gegenübers, denn erst nach einer kleinen Kunstpause setzt er hinzu: „Ich war sein Adjutant. Ich habe ihm mit der Garderobe geholfen und seine Koffer getragen.“ Es gibt viele, vielleicht sogar arg viele Geschichten dieser Art von ihm und über ihn, doch fest steht: Pacolli hat längst eigene Kofferträger. Mit seiner vergangenes Jahr gegründeten Partei „Allianz Neues Kosovo“ tritt der Unternehmer, der in der kosovarischen Presse als „vermutlich reichster Albaner der Welt“ bezeichnet wird, am kommenden Samstag bei der Parlamentswahl in dem UN-Protektorat an. Pacollis Allianz könnte danach zu den drei größten Parteien im neuen Parlament gehören.

Geschäfte im anarchischen Russland

Immerhin ist es für ihn nichts Neues, in der Öffentlichkeit zu stehen. Das erste Mal tauchte sein Name im Frühjahr 1999 in den Medien auf. Es ging um einen Korruptionsfall im Kreml, dessen Spuren in die Schweiz führten. Hauptdarsteller auf Moskauer Seite war Präsident Boris Jelzin, sein Gegenspieler der russische Generalstaatsanwalt Jurij Skuratow. Der Part der wichtigsten männlichen Nebenrolle war mit einem seinerzeit fast unbekannten und blass wirkenden Talent aus Sankt Petersburg besetzt, einem gewissen Putin, der den russischen Inlandsgeheimdienst FSB führte. Die weibliche Hauptdarstellerin spielte Carla Del Ponte - heute Chefanklägerin des UN-Kriegsverbrechertribunals für das ehemalige Jugoslawien, damals noch Schweizer Bundesanwältin.

Mittendrin schließlich trat Pacolli auf, ein im Kosovo geborener Bauunternehmer mit Schweizer Pass, dessen Firmengruppe „Mabetex“ der Affäre den Namen gab. Der Verdacht lautete, Mabetex habe in Russland seit Beginn der neunziger Jahre staatliche Großaufträge durch die Bestechung von Präsident Jelzin oder von dessen Umfeld erhalten. Pacolli tat das als Verleumdung ab, doch dass seine erst 1990 entstandene Mabetex-Gruppe ihr bemerkenswertes Wachstum vor allem Geschäften im anarchischen Russland der neunziger Jahre verdankt, wird von dem Unternehmen nicht bestritten. „Nach der erfolgreichen Ausführung erster Verträge in Zentralrussland wurde Mabetex Project Engineering eingeladen, eine Babymilchpulverfabrik in der sibirischen Republik Sacha zu bauen“, heißt es in einer Firmengeschichte.

„Ich kenne diesen Mann überhaupt nicht“

Bei sibirischem Babymilchpulver blieb es nicht. Es folgten Verträge über die Renovierung mehrerer Residenzen des russischen Präsidenten und ein Großauftrag von Gebäuden im Kreml. Viele vermuten, Pacolli habe seine Kontakte zu den Moskauer Machthabern über Borislav Miloševi eingefädelt, den Bruder des jugoslawischen Präsidenten, der Botschafter in Moskau war. Pacolli weist das zurück: „Ich kenne diesen Mann überhaupt nicht. Absolut nicht. In Russland war ich lange vor Miloševi, schon 1979. Damals habe ich auch Boris Jelzin kennengelernt.“

Ob nun mit Miloševi oder ohne - irgendwann begann sich die russische Generalstaatsanwaltschaft mit der Frage zu beschäftigen, warum ausgerechnet Mabetex so viele Aufträge vom Kreml erhalten hatte. Der Kreml wehrte sich gegen die Ermittlungen und drängte Staatsanwalt Skuratow im Februar 1999 zum „Rücktritt aus gesundheitlichen Gründen“. Skuratow hatte aber schon Verbindung mit Carla Del Ponte aufgenommen, die Ende März 1999 zu Gesprächen nach Moskau kam und Unterstützung bei den Ermittlungen zusicherte. Doch bald danach geriet Skuratow in Russland in die Defensive.

Aufträge im Wert von 330 Millionen Dollar

Das russische Fernsehen sendete Ausschnitte eines Videos, die den Generalstaatsanwalt dabei zeigten, wie er die Dienste von zwei Prostituierten in Anspruch nahm. Putin prüfte die politischen Nacktaufnahmen und bezeichnete sie als „authentisch“. Flugs nahm nun die Staatsanwaltschaft der Stadt Moskau Ermittlungen auf, weil Skuratow sich die Dienste der Dirnen angeblich von einem Kriminellen hatte bezahlen lassen, dessen Verfahren er dafür im Sande verlaufen lassen wollte.

Doch die Ermittlungen im Fall Mabetex gingen zunächst weiter. Im August 1999 teilte die Tessiner Staatsanwaltschaft mit, Jelzin und Personen aus seiner Umgebung stünden im Verdacht, von Mabetex Geld als Gegenleistung für Aufträge im Wert von 330 Millionen Dollar erhalten zu haben. Doch im April 2000, als unter dem neuen Präsidenten Putin schon ein anderer Wind durch Russland wehte, setzte der Kreml Skuratows Entlassung durch, und fortan waren dem Eifer von Staatsanwälten lupenreine Grenzen gesetzt. Die Hintergründe des Falls Mabetex blieben im Dunkeln.

„Jetzt bauen wir auch das Kosovo auf“

Darauf mag Pacolli heute nicht mehr angesprochen werden Er spielt längst eine andere Rolle. Dabei überlässt er nichts dem Zufall und viel seiner Firmenkasse. Früher als alle anderen hat er im Kosovo mit dem Wahlkampf begonnen. Seine Wahlspots zeigen Mabetex-Großprojekte zwischen Zentralasien und der albanischen Adriaküste, ihr Slogan lautet: „Jetzt bauen wir auch das Kosovo auf.“ Pacolli ist kein guter Redner, gibt sich aber volksnah: „Ich wäre der glücklichste Mann, wenn das Kosovo eine funktionierende Regierung hätte und ich einfach in meinem Beruf weiterarbeiten könnte. Leider ist das nicht der Fall.“

Er werde, verkündet Pacolli bei seinen Auftritten, viele tausend Arbeitsplätze schaffen - und das sei kein Versprechen, sondern eine Garantie, schließlich sei das Budget seiner Firma größer als das des Kosovos. Im Kosovo besitzt er unter anderem ein Transportunternehmen und die Versicherungsgesellschaft „Siguria“. Pacolli finanziert außerdem die Tageszeitung „Lajm“ („Nachricht“), die er nach dem Vorbild der deutschen „Bild“ gegründet, dann aber zu einem Jubelblatt für seine Person umgewandelt hat.

„Unsere Religion ist, Albaner zu sein“

Doch Pacolli sucht auch andere Allianzen. Er finanziert die Renovierung von Moscheen und tritt mit muslimischen Würdenträgern auf. Das ist etwas Neues, denn ein Schulterschluss mit dem Islam war in der betont religionsfernen politischen Elite der Kosovo-Albaner bisher ein Tabu. Der im Januar 2006 verstorbene kosovarische Präsident Ibrahim Rugova wollte die Kosovo-Albaner ohnehin am liebsten zu Katholiken machen, und die in die Politik gewechselten ehemaligen Freischärlerführer der albanischen „Befreiungsarmee Kosovo“ (UÇK) meiden die Moscheen. Pacolli hat diese Lücke erkannt: „Die Religion ist da. Es ist eine Realität in jeder Familie. Wir haben eine gute Religion hier“, sagt er, um den Begriff des Religiösen dann auszuweiten: „Unsere Religion ist, Albaner zu sein.“ Weil das so ist, finanziert Pacolli zur Sicherheit auch Denkmäler für gefallene UÇK-Kämpfer.

Pacolli wirbt außerdem mit der Solidität seines Unternehmens in der Schweiz - doch dort ist Mabetex kaum bekannt. Zu „erfolgreichen Projekten“ zählt die Firma offenbar auch solche, um deren Ausführung sie sich erfolglos beworben hat. Darunter sollen „verschiedene Botschaften in Berlin“ sein, doch um welche es sich dabei handelt, ist bei der Firmenzentrale nicht herauszufinden. Das in Berlin, sagt Pacolli schließlich, seien „Projekte“ gewesen. Ein „global player“, wie Pacolli seine Firma gern darstellt, ist Mabetex jedenfalls nicht. Aktiv ist das Unternehmen zum Beispiel aber in Kasachstan, wo es am Aufbau der neuen Hauptstadt Astana beteiligt, die der kasachische Präsident Nasarbajew aus der Steppe stampfen lässt. Der riesige Präsidentenpalast, Einkaufszentren und einige Ministerien sind schon fertig, nun will Mabetex noch Krankenhäuser, Hotels und Geschäftshochhäuser bauen.

Als Koalitionspartner inakzeptabel

Angeblich beschäftigt Pacolli auch mehrere tausend Kosovo-Albaner in Astana - doch die schlechte Presse verfolgt seine Firma selbst dort. Im August 2006 berichtete die „Neue Zürcher Zeitung“, für Mabetex-Baustellen angeworbene Tschechen und Slowaken hätten sich an die slowakische Botschaft in Astana gewandt, da sie nicht bezahlt worden und in menschenunwürdigen Unterkünften untergebracht worden seien. Die Pässe der Männer enthielten Visa, die Mabetex bei der kasachischen Botschaft in Bern beantragt hatte. Pacolli sprach von einem Komplott gegen sein Unternehmen.

Doch es sind nicht die ihm vorgeworfenen Geschäftspraktiken, die Pacolli als Koalitionspartner in Prishtina für die aufgeschreckten kosovarischen Parteien inakzeptabel machen. Seine kosovarischen Konkurrenten versuchen Pacolli lieber mit Hinweisen auf dessen Verbindungen nach Russland zu diskreditieren - schließlich ist es Moskau, das eine Unabhängigkeit des Kosovos bisher verhindert hat. Pacolli wird unterstellt, ein Mann der Russen zu sein. „Als im Kosovo Krieg war, war Pacolli in Russland oder Serbien“, wetterte der Innenminister Blerim Kuci jüngst auf einer Wahlveranstaltung.

„Russland wird nachgeben“

Tatsächlich war Pacolli als Bote Jelzins damals zunächst zum Serbenherrscher Slobodan Miloševi nach Belgrad und von dort weiter zu Gesprächen mit der Führung des damaligen kosovo-albanischen Untergrundstaates gereist. Später rechtfertigte er sich, er habe Miloševi nur getroffen, um ihm das Kosovo für zwei Milliarden Dollar „abzukaufen“. In Prishtina erinnert man sich anders: Pacolli habe den Albanern vorgeschlagen, ohne internationale Beteiligung über die Zukunft des Kosovos zu verhandeln. Das aber lief dem Ziel der UÇK zuwider, die den Konflikt systematisch verschärfen und internationalisieren wollte, um die Nato zu einer Intervention zu bewegen. Pacollis Vorschlag sei daher eine „Falle“ gewesen, heißt es - und so haftet ihm bis heute der Ruf an, Miloševis Fallensteller gewesen zu sein.

Doch sind Pacollis Kontakte in den Kreml ohnehin versiegt, seit dort Jelzins Nachfolger Putin eingezogen ist. Noch im März vergangenen Jahres verkündete Pacolli in einem Interview mit der kosovarischen Zeitung „Zeri“ vollmundig, Russland werde den Weg des Kosovos zur Unabhängigkeit nicht stören - ein Irrtum, wie sich herausstellte. Sicher, gibt Pacolli heute zu, derzeit sei Russland ein großes Problem für das Kosovo. „Aber ich glaube, dass ich Recht haben werde am Ende. Russland wird nachgeben. Die Unabhängigkeit des Kosovos wird kommen“, versichert der vermutlich reichste Mann, der je Titos Koffer trug.

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Jahrgang 1973, politischer Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Istanbul.

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