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Papstbesuch in Thüringen Ein Herrgottswinkel im Osten

 ·  Für den Erfurter Bischof Joachim Wahnke und viele andere Christen ist der anstehende Papstbesuch ein „Jahrtausendereignis“: Wie das Eichsfeld und die Bischofsstadt Erfurt versuchen, den Glauben hochzuhalten.

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Vor Markus ist niemand sicher, jedenfalls nicht an diesem Abend. Mit Glatze, schwarzem T-Shirt und Turnschuhen steht er mitten in der Erfurter Fußgängerzone. In der Hand hält er einen Beutel Teelichte. Auf seinem breiten Rücken prangt der Satz: „Öffnet Eure Herzen für Christus“. Gesang schallt über die Mauer des Kirchhofs.

„Nightfever“ heißt die Veranstaltung, zu der Markus mit zwei weiteren Straßenkämpfern jeden einlädt, der an diesem lauen Spätsommerabend zwischen Anger und Fischmarkt unterwegs ist. Das händchenhaltende Pärchen in Abendgarderobe nicht weniger als die Mädchentruppe, die um einen luftballondekorierten Bollerwagen drapiert Junggesellenabschied feiert. Es dauert nicht lange, und die Braut entschwindet samt Gefolge und einem Teelicht von Markus in der Hand in die Kirche. An rund fünfzig Leuten jeden Alters vorbei durch den Mittelgang, das kleine Feuer neben den vielen Dutzenden anderen auf den Stufen abgestellt, dann zu dem Mann mit den breiten, fast bodenlangen Bändern um den Hals, der gerade jemandem anderen die Hände aufgelegt hat, und jetzt hinaus.

Als Joseph Kardinal Ratzinger, der heutige Papst, im April 1999 zum letzten Mal Erfurt besuchte, gab es „Nightfever“ noch nicht. Die Aktion entstand erst kurz nach dem Weltjugendtag in Köln im Jahr 2005. Von Bonn aus hat sich das offene, von jungen Erwachsenen getragene Nachtgebet an Bischöflichen Jugendämtern und den etablierten Jugendverbänden vorbei graswurzelartig ausgebreitet. Doch schon in den neunziger Jahren hätte der gestrenge Präfekt der vatikanischen Kongregation für die Glaubenslehre in Erfurt andere Versuche in Augenschein nehmen können, in einer weitgehend entchristlichten Umwelt Zeichen der Gegenwart Gottes unter den Menschen zu setzen.

© reuters Vergrößern Der Papst in Thüringen: Herrgottswinkel im Osten

Kernland der Reformation

Das mitternächtliche Weihnachtslob etwa, zu dem sich im Erfurter Dom seit 1988 Tausende versammeln, die mit einer katholischen Christmette nichts anfangen können; oder die Feier der Lebenswende, die Jugendlichen, die nicht getauft sind, eine religiös grundierte Alternative zur DDR-nostalgischen Jugendweihe bietet. Doch von alldem wollte Kardinal Ratzinger im Jahr 1999 nichts wissen. Damals feierte er in Weimar auf Einladung des Vereins „Pro Missa Tridentina“ einen Gottesdienst in lateinischer Sprache und in jenem alten Ritus, den er als Papst Benedikt XVI. im Sommer 2006 vollumfänglich rehabilitieren sollte. Nicht erst 2006, sondern auch 1999 herrschte in Erfurt allgemeine Verwunderung.

Doch das ist mittlerweile Geschichte. Denn an wahrscheinlich keiner Station seines Besuches werden sich so viele gespannte Blicke auf den Mann in Weiß richten wie während seines Besuches in Thüringen. Da sind die, die wie der frühere Ministerpräsident Dieter Althaus (CDU) den Papst schon vor Jahren nach Thüringen eingeladen haben, auf dass er dort ein Zeichen der Anerkennung setze für die Lebensleistung der vielen Christen, Katholiken eingeschlossen, die sich in der DDR mehr als vierzig Jahre der kommunistischen Diktatur widersetzt haben. Zum Fall der Mauer haben die Christen im Verein mit den Bürgerrechtlern mehr beigetragen als alle anderen. Bis heute tragen sie in Mitteldeutschland in so großer Zahl politische Verantwortung, dass man kaum auf die Idee käme, dass im Kernland der Reformation heute kaum noch zwanzig Prozent der Bevölkerung der evangelischen Kirche angehören - von den weniger als fünf Prozent Katholiken ganz zu schweigen. Auf dem Flughafen Erfurt wird Papst Benedikt von Christine Lieberknecht begrüßt werden, einer evangelischen Pfarrerin, die es nach der Wende in die Politik verschlug und die seit zwei Jahren Ministerpräsidentin des Freistaats ist. 1982 hatte sie ihr Studium der Theologie mit einer Diplomarbeit abgeschlossen, in der es auch um das wissenschaftliche Werk Joseph Ratzingers ging.

Zur Teilnahme an der „Marianischen Vesper“ am Freitagabend haben sich kaum weniger angemeldet als für den Gottesdienst, den der Papst am Sonntag in Freiburg halten wird. Stattfinden wird das Abendgebet indes nicht in Erfurt, sondern im Schatten der kleinen Wallfahrtskapelle Etzelsbach mitten im Eichsfeld, dem einzigen geschlossen katholischen Siedlungsgebiet in Mitteldeutschland.

Gespür für die Veränderungen der religiösen Landschaft

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