21.04.2008 · Der Papstbesuch war ein Symbol der Hoffnung - vor allem für die vom Missbrauchsskandal geschüttelte Landeskirche. Aber auch für eine Nation, die in einer Wirtschaftskrise steckt. Und an ihrer Führungsaufgabe zweifelt. Mit Respekt und Reue gelang es Benedikt XVI., alle Gemüter zu vereinen.
Von Matthias RübDer Papst versteht etwas von Amerika, weil er etwas vom Glauben versteht. Ohne ein Verständnis der Rolle von Religion und Glauben in den Vereinigten Staaten kann man weder deren innere Verfasstheit noch ihr internationales Handeln verstehen.
Im Garten des Weißen Hauses bezeugte Benedikt XVI. seine Freundschaft mit Amerika, seinen Respekt vor der „großen pluralistischen Gesellschaft“ der Vereinigten Staaten und seine Hochachtung für jene ungezählten Amerikaner, die „ihr Leben für die Verteidigung der Freiheit daheim und im Ausland geopfert haben“. In der wachsenden paneuropäischen Säkularkirche muss solche Huldigung an das „Land der Freien“ als Häresie gelten.
Dass der Papst und Präsident Bush in nahezu identischer Diktion die Freiheit als Geschenk des Schöpfers an alle Menschenkinder beschreiben, dass sie sich gemeinsam zum Platz des Glaubens in der Öffentlichkeit bekennen, dass sie die Möglichkeit der Harmonie von Glaube und Vernunft bekräftigen - das macht sie im zunehmend gottfernen Europa gleichermaßen zu Außenseitern. Nicht in den Vereinigten Staaten, „dem innovativsten, kreativsten und dynamischsten Land der Erde - das zugleich zu den religiösesten gehört“ (Bush).
Bedeutender Schritt in schwerster Krise
Tatsächlich schien sich der Papst bei seiner Visite in Amerika daheim zu fühlen. Sichtlich genoss er Respekt und Zuneigung. Das eine wie das andere wurde ihm auch vom nichtkatholischen Amerika entgegengebracht: Das evangelische Amerika, also die Mehrheit der Bevölkerung, empfing den Papst mit offenem Herzen.
Dass der erste Pastoralbesuch Benedikts XVI. bei den Katholiken der Vereinigten Staaten sogleich als historisch beschrieben wurde, ist vor allem seinem Umgang mit dem Missbrauchsskandal zuzuschreiben. Fast bei jedem öffentlichen Auftritt, bei jeder Messe beklagte der Papst den Schmerz und den Schaden, den pädophile Priester ihren Tausenden Opfern und auch der Kirche zugefügt haben. Er bezeugte seine Scham, bat um Verzeihung, traf sich im kleinen Kreis mit Opfern der Sexualverbrechen und beschwor eine „Zeit der Heilung“. Der Papstbesuch ist der bisher bedeutendste Schritt für die amerikanische Kirche bei der Überwindung ihrer schwersten Krise.
Trotz Missbrauchsskandal fließen die Spenden
Damit ist ihre Bedrängnis freilich nicht überwunden. Angesichts des Missbrauchsskandals sagte der Papst zwar, gute Priester und Ordensleute zu haben sei wichtiger als deren viele; doch damit lässt sich der Mangel an Geistlichen nicht wegreden. Tausende Gemeinden haben keine ortsansässigen Priester. Das Durchschnittsalter aktiver Priester liegt bei 60 Jahren. Kirchen, Kindergärten und Schulen müssen geschlossen werden. Zwar ist der Anteil der Katholiken an der Bevölkerung seit Jahren konstant - rund 25 Prozent -, und die Zahl der Gläubigen nimmt dank der Einwanderung aus Mittelamerika zu.
Seit Jahr und Tag spenden die amerikanischen Katholiken ihren Pfarreien und Diözesen konstant knapp neun Milliarden Dollar im Jahr, weswegen die katholische Kirche der Vereinigten Staaten trotz der Schadensersatzzahlungen im Missbrauchsskandal und der Anwaltskosten noch immer die wohl reichste katholische Nationalkirche ist.
Zwei Fronten bedrohen die Glaubensgrundlagen
Dennoch sieht sich der Katholizismus in Amerika aus der Sicht des Vatikans an zwei Fronten Bedrohungen seiner Glaubensgrundlagen ausgesetzt. Im Nordosten des Landes, wo in den Ballungsräumen Nachfahren der irischen, polnischen und deutschen Einwanderer leben, löst sich der liberale Flügel der Kirche von deren Grundsätzen in der Familien- und Sexualethik. Oft ist dort zu hören, der Missbrauchsskandal sei gerade ein Ausfluss der restriktiven Sexualethik der Kirche, wie sie im Priesterzölibat und der Ablehnung einer zeitgemäßen „Familienplanung“ zum Ausdruck komme.
Im Südwesten nehmen es die eingewanderten Latinos in ihrem Volksglauben mit Herkunft und Bedeutung der verehrten Heiligen und Sakralstätten nicht so genau. Sie bleiben dafür aber in individual- und sozialethischen Fragen schrifttreu; das schlägt sich unter anderem in stabileren Familien mit großer Kinderschar nieder. Wie die Bischöfe und Kardinäle des Landes hat auch der Papst seine Stimme im Streit über die amerikanische Immigrationspolitik erhoben: Familien dürften nicht auseinandergerissen werden.
Der Papst ein Hoffnungsträger
Benedikt XVI. hat den Pastoralbesuch bei dieser bunten Herde zu der Mahnung genutzt, Vielfältigkeit dürfe nicht in Beliebigkeit ausarten, Freiheit ohne Verantwortung und Glaubensverankerung führe ins Verderben. Er machte deutlich, dass es vom Grundsatz der Heiligkeit alles Lebens und vom Grundsatz der Familie - bestehend aus Vater, Mutter, Kindern - als Fundament einer im katholischen Glauben verankerten Gesellschaft keine Abweichung geben kann.
Als „Pope of Hope“ hat die amerikanische Presse Benedikt XVI. apostrophiert. Man darf sicher sein, dass seine Botschaft der Hoffnung in der von Krisen und Zweifeln geschüttelten katholischen Kirche des Landes breiten Widerhall findet. Und in einem Land, das, mitten im Wahljahr, in einer Wirtschaftskrise steckt und an seiner Führungsaufgabe in der Welt zweifelt.
Matthias Rüb Jahrgang 1962, politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.
Jüngste Beiträge