Radoslaw Sikorski, der Außenminister Polens, hat dem scheidenden Benedikt XVI., dem Deutschen im Amte Petri, unlängst einen Abschiedsgruß hinterhergeschickt, der nicht nur eine großzügige Dosis gesunden Selbstbewusstseins enthielt, sondern auch eine winzige Prise vom Gift der Schadenfreude. „Zweifellos“, sagte Sikorski, habe es „der Nachfolger unseres Landsmanns, Johannes Pauls des Großen“, nicht leicht gehabt auf seinem Stuhle. Ihm, dem polnischen Außenminister, stehe es nicht zu, Benedikts angekündigten Abtritt zu kommentieren, aber gewiss werde Polen auch nach dem Amtsantritt des neuen Papstes seine „traditionell ausgezeichneten“ Beziehungen zum Vatikan weiter pflegen.
Polen ist eben anders. Während Deutschland den Abschied Joseph Ratzingers mit gemischten Gefühlen verfolgt, ist zwischen Ostsee und Beskiden acht Jahre nach dem als Mysterienspiel zelebrierten Sterben des polnischen Papstes Karol Wojtyla die Gewissheit fester denn je, dieser Mann sei kein Pontifex wie andere gewesen. Dass Johannes Paul, der in weniger geschichtsbewussten Ländern als „der Zweite“ gezählt wird, zweifellos als „der Große“ in die Historie eingehen werde, gilt hier nicht nur dem Außenminister als ausgemacht.
Blut, Haare und Kleidungsstücke werden verehrt
Längst hat die Überzeugung von der Größe dieses Landeskindes begonnen, sehr handfeste Gestalt anzunehmen. Nachdem längst so gut wie jedes Dörfchen in Polen sein bescheidenes Johannes-Paul-Denkmal vor der Kirche stehen hat, ist jetzt in der nationalen Wallfahrtsstätte am „Hellen Berg“ (Jasna Gora) in Tschenstochau (Czestochowa) ein Papststandbild von sage und schreibe 14 Metern Höhe in Arbeit - das wären zwei Meter mehr als der Zeus von Olympia, eines der sieben Weltwunder. Das seit Jahren in Bau befindliche hypermoderne „Heiligtum der Göttlichen Vorsehung“, eine riesige Kirche am Rande Warschaus, hat seinerseits Maßstäbe gesetzt, indem von seiner Fassade zeitweise das mit 1430 Quadratmetern größte Papstporträt aller Zeiten und Kontinente hing.
Seit der Seligsprechung Johannes Pauls II. im Jahr 2011 ist ein blühender Reliquienkult hinzugekommen. Eine nach Wojtylas Tod kurz und heftig aufgeflammte Diskussion darüber, ob einzelne Körperteile des Papstes, etwa sein Herz, für die Reliquiare Polens entnommen und in die Heimat überführt werden sollten, führte zwar zu keinem Ergebnis, weil der in Polen verehrte langjährige Sekretär des Papstes, der heutige Metropolit von Krakau, Stanislaw Kardinal Dziwisz, zu bedenken gab, die Christenheit könne sich womöglich „lächerlich“ machen, wenn man wirklich daranginge, die sterblichen Überreste des toten Papstes zu zerteilen.
Dennoch gibt es heute in Polen etwa 100 Orte, an denen Reliquien Karol Wojtylas verehrt werden - größtenteils Blut, das ihm zu Lebzeiten von Ärzten abgenommen wurde, Haare oder Kleidungsstücke, wie etwa die blutbefleckte Schärpe, die er am Tag des Attentats auf dem Petersplatz im Jahr 1981 trug und die nun ebenfalls in Tschenstochau verehrt wird. Die Reliquien liegen größtenteils in Kirchen, aber auch in Kapellen von Krankenhäusern, Universitäten und Altenheimen, tief in einem Salzbergwerk oder an Bergpfaden hoch in den Karpaten.
Der Kultus des Papstes hat indes immer wieder auch Widerspruch hervorgerufen. Als bekannt wurde, dass Kardinal Dziwisz einen Zahn des Toten aufbewahre, und Spekulationen ins Kraut schossen, dieser könne ebenfalls eine große Zukunft in einem Reliquiar haben, regte sich Unbehagen, und die liberale „Gazeta Wyborcza“ titelte „Wir beten nicht zu Zähnen“. Schon vor Wojtylas Tod im Jahr 2005 hatten sich übrigens momentweise Spötter vorgewagt - etwa die Kuratoren der Warschauer Kunsthalle „Zacheta“, die im Jahr 2000 eine Skulptur des Italieners Maurizio Cattelan ausstellte, welche dem entsetzten Publikum den von einem Meteoriten zerschmetterten Papst zeigte.
Der derart zu Boden gedrückte Karol Wojtyla wurde allerdings damals unverzüglich von Gläubigen erlöst, welche, Freiheit der Kunst hin oder her, den 60 Kilogramm schweren Brocken kurz entschlossen von der Figur entfernten, was zu noch immer nicht beendeten Prozessen wegen Sachbeschädigung führte.
Mittlerweile, im achten Jahr nach dem Tode Johannes Pauls II., herrscht in Polen allerdings Konsens über die Bedeutung dieses Mannes. In Umfragen geben 94 Prozent der Befragten an, Wojtyla sei für sie eine wichtige moralische Autorität. Das leichte Unbehagen mancher sich als aufgeklärt empfindender Kreise über den Kult mit seiner Person wurde dabei möglicherweise durch die versöhnliche Feststellung Kardinal Dziwiszs gedämpft, die wichtigste Reliquie des Heiligen Vaters sei schließlich nicht etwa sein Herz (und damit wohl schon gar nicht sein Zahn), sondern seine Lehre.
Eines der wenigen verbindenden Elemente
In der Tat kann die Rolle, die Johannes Paul II. in der polnischen Gesellschaft weiterhin spielt, gar nicht überschätzt werden. In einer kirchlichen Landschaft, die zwischen Traditionalisten und Liberalen tief gespalten ist, gehört er zu den wenigen verbindenden Elementen. Obwohl nämlich bis heute 94 Prozent der Polen sich als „gläubig“ oder „tiefgläubig“ beschreiben, ist die polnische katholische Kirche von inneren Konflikten zerrissen.
Ein national-klerikaler Flügel, zu dem das Medienimperium um den Sender Radio Maryja gehört, betrachtet die Kirche vor allem als Wahrer einer archaischen National-Religiosität, die jede Öffnung des Landes zum Westen als Verwässerung jener reinen Lehre sieht, zu deren Bewahrung Polen durch Jahrhunderte von Teilung und Martyrium berufen gewesen sei. In diesem verschlossenen Universum kommen nicht nur immer wieder Warner vor dem gottlosen „liberalen“ Europa (und dem nach wie vor insgeheim auf die Unterwerfung Polens bedachten Deutschland) zu Wort, sondern gelegentlich auch Verfechter antisemitischer Verschwörungstheorien.
Die Gegenströmung, gruppiert um die Zeitschrift „Tygodnik Powszechny“, versucht seit Jahrzehnten, den polnischen Katholizismus für die Welt zu öffnen. Der Dialog mit Deutschen, Juden, Nichtchristen gehört zu den wichtigsten Anliegen dieser Gruppierung.
Karol Wojtyla hat es verstanden, für beide Strömungen maßgeblich zu werden. Als Kardinal und später als Papst in kommunistischer Zeit stand er ganz selbstverständlich als Widerpart der kommunistischen Diktatur für die traditionellen Werte der polnischen Volkskirche ein. Deren Werte haben, in Bezug auf die Sexualmoral, sein Pontifikat mitgeprägt. Weil damals aber der Kampf gegen den Kommunismus auch ein Kampf für die Öffnung Polens war, unterstützte er auch Kontakte in die Welt, nach Europa, zu Juden und Muslimen, und als es vor zehn Jahren um den Beitritt zur EU ging, widersetzte er sich klar den antieuropäischen Tendenzen der konservativen Strömung.
Seine Spannweite machte ihn zum Bezugspunkt der ganzen Nation von Postkommunisten und Liberalen bis hin zu Fundamentalkatholiken, und während seines langen Sterbens sah sich die polnische Nation mit ihren tiefempfundenen Erzählungen von nationalem Leiden und Erlösung durch glorreiche Niederlage wunderbar verstanden und repräsentiert. Dem im Vergleich dazu unheroischen Abschied Benedikts, in dessen deutscher Heimat Kampf und Durchhalten bis zum bitteren Ende eher düstere historische Assoziationen wecken, mag demgegenüber aus polnischer Sicht ein Hauch von Fahnenflucht anhaften.
So halten sich die Polen also bei allem pflichtschuldigen Respekt, den sie Benedikt stets gezollt haben, im Herzen weiter an ihren „JPII“. Als er starb, hat sogar der wohl wichtigste antiklerikale Liberale im Land, der Journalist Adam Michnik, gestanden, ohne „unseren Papst“ fühle die Nation sich „verwaist“. Heute ist das nicht anders. Als im vergangenen Jahr polnische Jugendliche gefragt wurden, wer ihre Vorbilder seien, war die Antwort eindeutig: Mama, Papa, Karol Wojtyla.
... die Startbedingungen waren ganz andere ...
Svenja Sirisee (Sirisee)
- 23.02.2013, 15:01 Uhr
Johannes Paul war empathisch. Ratzinger ist es nicht. Ob Ratzinger
zurückgetreten wäre, hätte er...
Closed via SSO (HHPPFF)
- 23.02.2013, 10:53 Uhr
„Lasst mich ins Haus des Vaters gehen!“.
Peter Herbeck M.A. (peterherbeck)
- 23.02.2013, 10:42 Uhr
Wider die Lehre der Überhöhten
Raika Geng (Lailaps)
- 23.02.2013, 10:26 Uhr
Her mit dem neuen Kirchenrecht !
Carsten Berg (Carberg)
- 23.02.2013, 10:21 Uhr