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Veröffentlicht: 23.02.2013, 09:16 Uhr

Polen Mama, Papa, Wojtyla

Auch acht Jahre nach dem Tod von Johannes Paul II. hängt Polen weiter an seinem Papst. Im ganzen Land werden seine Reliquien verehrt, und der Jugend bleibt er Vorbild.

von , Warschau
© picture alliance / dpa Betende vor einer Statue Johannes Pauls II. am fünften Todestag des Papstes

Radoslaw Sikorski, der Außenminister Polens, hat dem scheidenden Benedikt XVI., dem Deutschen im Amte Petri, unlängst einen Abschiedsgruß hinterhergeschickt, der nicht nur eine großzügige Dosis gesunden Selbstbewusstseins enthielt, sondern auch eine winzige Prise vom Gift der Schadenfreude. „Zweifellos“, sagte Sikorski, habe es „der Nachfolger unseres Landsmanns, Johannes Pauls des Großen“, nicht leicht gehabt auf seinem Stuhle. Ihm, dem polnischen Außenminister, stehe es nicht zu, Benedikts angekündigten Abtritt zu kommentieren, aber gewiss werde Polen auch nach dem Amtsantritt des neuen Papstes seine „traditionell ausgezeichneten“ Beziehungen zum Vatikan weiter pflegen.

Konrad Schuller Folgen:

Polen ist eben anders. Während Deutschland den Abschied Joseph Ratzingers mit gemischten Gefühlen verfolgt, ist zwischen Ostsee und Beskiden acht Jahre nach dem als Mysterienspiel zelebrierten Sterben des polnischen Papstes Karol Wojtyla die Gewissheit fester denn je, dieser Mann sei kein Pontifex wie andere gewesen. Dass Johannes Paul, der in weniger geschichtsbewussten Ländern als „der Zweite“ gezählt wird, zweifellos als „der Große“ in die Historie eingehen werde, gilt hier nicht nur dem Außenminister als ausgemacht.

Blut, Haare und Kleidungsstücke werden verehrt

Längst hat die Überzeugung von der Größe dieses Landeskindes begonnen, sehr handfeste Gestalt anzunehmen. Nachdem längst so gut wie jedes Dörfchen in Polen sein bescheidenes Johannes-Paul-Denkmal vor der Kirche stehen hat, ist jetzt in der nationalen Wallfahrtsstätte am „Hellen Berg“ (Jasna Gora) in Tschenstochau (Czestochowa) ein Papststandbild von sage und schreibe 14 Metern Höhe in Arbeit - das wären zwei Meter mehr als der Zeus von Olympia, eines der sieben Weltwunder. Das seit Jahren in Bau befindliche hypermoderne „Heiligtum der Göttlichen Vorsehung“, eine riesige Kirche am Rande Warschaus, hat seinerseits Maßstäbe gesetzt, indem von seiner Fassade zeitweise das mit 1430 Quadratmetern größte Papstporträt aller Zeiten und Kontinente hing.

Seit der Seligsprechung Johannes Pauls II. im Jahr 2011 ist ein blühender Reliquienkult hinzugekommen. Eine nach Wojtylas Tod kurz und heftig aufgeflammte Diskussion darüber, ob einzelne Körperteile des Papstes, etwa sein Herz, für die Reliquiare Polens entnommen und in die Heimat überführt werden sollten, führte zwar zu keinem Ergebnis, weil der in Polen verehrte langjährige Sekretär des Papstes, der heutige Metropolit von Krakau, Stanislaw Kardinal Dziwisz, zu bedenken gab, die Christenheit könne sich womöglich „lächerlich“ machen, wenn man wirklich daranginge, die sterblichen Überreste des toten Papstes zu zerteilen.

Dennoch gibt es heute in Polen etwa 100 Orte, an denen Reliquien Karol Wojtylas verehrt werden - größtenteils Blut, das ihm zu Lebzeiten von Ärzten abgenommen wurde, Haare oder Kleidungsstücke, wie etwa die blutbefleckte Schärpe, die er am Tag des Attentats auf dem Petersplatz im Jahr 1981 trug und die nun ebenfalls in Tschenstochau verehrt wird. Die Reliquien liegen größtenteils in Kirchen, aber auch in Kapellen von Krankenhäusern, Universitäten und Altenheimen, tief in einem Salzbergwerk oder an Bergpfaden hoch in den Karpaten.

TO GO WITH AFP STORY: Pope John Paul II' In Tschenstochau: Links die Schärpe, die „JPII“ beim Attentat von 1981 trug © AFP Bilderstrecke 

Der Kultus des Papstes hat indes immer wieder auch Widerspruch hervorgerufen. Als bekannt wurde, dass Kardinal Dziwisz einen Zahn des Toten aufbewahre, und Spekulationen ins Kraut schossen, dieser könne ebenfalls eine große Zukunft in einem Reliquiar haben, regte sich Unbehagen, und die liberale „Gazeta Wyborcza“ titelte „Wir beten nicht zu Zähnen“. Schon vor Wojtylas Tod im Jahr 2005 hatten sich übrigens momentweise Spötter vorgewagt - etwa die Kuratoren der Warschauer Kunsthalle „Zacheta“, die im Jahr 2000 eine Skulptur des Italieners Maurizio Cattelan ausstellte, welche dem entsetzten Publikum den von einem Meteoriten zerschmetterten Papst zeigte.

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