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Papst-Rücktritt Er will kein Chaos hinterlassen

Der Tod von Johannes Paul II. vor den Augen aller wurde zu einem bewegenden Fest der katholischen Kirche. Der Amtsverzicht seines Nachfolgers Benedikts XVI bricht nun aber kein Tabu: Ein Vergleich und eine Würdigung

© AP Epochale Entscheidung: Papst Benedikt XVI. tritt am 28. Februar zurück

Als Joseph Ratzinger zum Papst gewählt wurde, hatte die Welt gerade das lange grausame Todesleiden seines Vorgängers Johannes Paul II. erlebt. Je hinfälliger der alte, durch seine Verwundung und die schwere Krankheit geschwächte Papst wurde, desto lauter wurde in der Öffentlichkeit die Möglichkeit seines Rücktritts diskutiert.

Die bloße Erwartung einer solchen Amtsniederlegung wurde von manchen beinahe als Sakrileg empfunden; und der Papst hatte recht, als er solchem nur scheinbar fürsorglichen Drängen nicht nachgab. Sein Tod vor den Augen der Millionen wurde zu einem großen bewegenden Fest der katholischen Kirche.

Nun hat sein Nachfolger, den er sich wie einst ein römischer Adoptivkaiser als Papst wünschte, ohne sichtbare Krankheit, nur von der natürlichen Schwäche seiner Jahre gezeichnet, den Entschluss gefasst, das Papstamt niederzulegen.

Dante verfluchte Coelestin

Man weiß, dass der Amtsverzicht eines Papstes kein Tabu für die Kirche ist; es gibt den Präzedenzfall Papst Coelestins V., des heiligen Asketen und Einsiedlers, der sich durch seinen Rücktritt im dreizehnten Jahrhundert entschlossen dem Zugriff der Mächtigen, die das Papstamt über ihn beherrschen wollten, entzog.

Seit ihm gibt es eine Konstitution für die Abdankung eines Papstes. Dante verfluchte Coelestin und verbannte ihn in die Hölle der Feiglinge: Er habe sich „aus Angst und Zagen den großen Verzicht feige erlaubt“. Bei Benedikt wird man von einer Flucht aus dem Amt aus „Angst und Zagen“ freilich nicht sprechen dürfen.

Infografik / DPA / 150 Jahre /  Die Päpste © DPA Vergrößern

An Widerständen hat es seinem Pontifikat zwar nicht gefehlt. Vor allem in Deutschland ist er auf zum Teil maßlose Kritik gestoßen. Hier fehlte jedes Verständnis für die Aufgabe, die er sich gestellt hatte: die Kirche an ihre Überlieferung zu erinnern, eine theologische Fehlentwicklung seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil zu korrigieren, die so tat, als sei erst auf diesem Konzil die katholische Kirche gegründet worden.

Maßlose Kritik aus Deutschland

An vielen Orten war der Eindruck entstanden, die Kirche sei vor allem eine politische Körperschaft, die den Gesetzen des Politischen zu folgen habe, die den Zeitgeist zu hofieren und sich der Agenda des Tages zu beugen habe. Dieser Vorstellung setzte er die Überzeugung entgegen, die Kirche sei durch die Jahrtausende hindurch immer dieselbe; sie kenne keine Brüche und Revolutionen, sondern lebe in einer Kontinuität der Entfaltung ihrer Traditionen.

Benedikt XVI. verstand sich nicht als Herrn der Kirche. Er sah sich in der Vollmacht seines Papsttums nicht als Diktator, sondern eher als Anreger, Ermutiger, Lehrer und Priester. Das war ein Bild vom Papsttum, das selbst viele seiner Anhänger verblüffte; ein Papst, der nicht befahl und kein überlegener Kenner des Spiels der Mächtigen sein wollte. Nach der geistlichen Unfruchtbarkeit der nachkonziliaren Epoche riet er der Kirche zur Besinnung auf den Auftrag ihres Stifters: die Gläubigen dazu zu erziehen, in der Gegenwart Gottes zu leben.

Das glänzende öffentliche Leben und Sterben Johannes Pauls II. hatte einen hohen Preis. Viele Jahre war der polnische Papst schon nicht mehr imstande gewesen, die Kirche zu regieren; er hatte Verhältnisse hinterlassen, die manche Kenner als chaotisch bezeichneten. Niemand hatte genauer als der damalige Kardinal Ratzinger erlebt, wie dem kranken Pontifex die Übersicht entglitten war, wie er sich mehr und mehr von seiner Umgebung bestimmen ließ.

Die postkommunistische Herausforderung

Dies würde es bei Benedikt XVI. nicht geben. Nach dem Sieg über den Kommunismus hatte die Kirche Johannes Pauls II. triumphiert - nun wurden andere, womöglich noch größere Herausforderungen sichtbar. In den letzten Jahren ist das Christentum zur am meisten verfolgten Religion der Welt geworden. Der europäische Westen scheint dem Christentum, dessen Prägung er seine Eigentümlichkeit verdankt, abhandenzukommen.

Selten sind die Bescheidenheit und Demut Benedikts XVI. gewürdigt worden. Dieser Papst ist ein erklärter Feind jedes Personenkults - schon in seinem Papstnamen als sechzehnter deutete er an, dass er sich als einen sah, der in einer langen Reihe stand. Mit Coelestin V. hat er eine Neigung zur Zurückgezogenheit in Kontemplation und Arbeit gemeinsam, die er allerdings länger zu unterdrücken hatte.

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Als er auf seiner Deutschland-Reise davon sprach, die Kirche müsse sich „entweltlichen“, wurde er vielfältig missverstanden - jetzt hat er eine Erklärung dieses Begriffs gegeben: Er fasst sein hohes Amt „nicht wie einen Raub auf“, um es mit dem Apostel Paulus zu sagen, sondern als einen Dienst, der so lange geleistet wird, wie es die Kräfte erlauben. Kritiker hatten aufgeregt bemerkt, dass Benedikt Teile des historischen Ornats der Päpste wiedereingeführt hatte. Jetzt weiß man, warum: um sie bei seiner Amtsniederlegung ablegen zu können.

Von Martin Mosebach erschien zuletzt „Der Ultramontane. Alle Wege führen nach Rom“ (2012).

Quelle: F.A.Z.

 
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