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Papst-Rücktritt Ein Amt auf Zeit

Wie der Rücktritt Benedikts XVI. das Verständnis des Papsttums verändert: Das höchste Amt der römisch-katholischen Kirche ist de facto zu einem Amt auf Zeit geworden.

© dpa Vergrößern Was folgt für Papst Benedikt? Das Kirchenrecht beinhaltet keine Regelungen für einen Rücktritt

Jeder gewöhnliche Bischof der römisch-katholischen Kirche weiß, dass seinem Wirken eine Grenze gesetzt ist. Mit Vollendung des 75. Lebensjahres, so sieht es Kanon 401 Paragraph 1 des Kirchlichen Gesetzbuches von 1983 vor, ist er „gebeten, seinen Amtsverzicht dem Papst anzubieten“. Dieser werde dann „nach Abwägung aller Umstände“ entscheiden. Vorgesorgt hat das Kirchenrecht auch für den Fall, dass ein Bischof wegen seiner angegriffenen Gesundheit oder aus einem anderen „schwerwiegenden Grund“ nicht mehr recht in der Lage sei, seine Amtsgeschäfte wahrzunehmen: In diesem Fall ist er sogar „nachdrücklich“ gebeten, den Amtsverzicht anzubieten.

Daniel Deckers Folgen:  

Nur ein Bischof unterliegt diesen Normen nicht: der Bischof von Rom. Weder gibt es für ihn eine Altersgrenze, noch hat das Kirchenrecht für den Fall vorgesorgt, dass er sein Amt aus Gesundheits- oder anderen schwerwiegenden Gründen nicht ausüben kann. Obwohl die letzten Lebensjahre seines Vorgängers Johannes Paul II. Anlass boten, für den Fall dauernder Amtsunfähigkeit des Papstes Vorsorge zu treffen, hat Papst Benedikt XVI. sich der Aufgabe verweigert, das Kirchenrecht um entsprechende Vorschriften zu ergänzen. Doch außer dem Bischof von Rom, der als Nachfolger des Apostels Petrus zugleich „Haupt des Bischofskollegiums, Stellvertreter Christi und Hirte der Gesamtkirche auf Erden“ ist, kann niemand Vorkehrungen dieser Art treffen.

Für sich selbst hoffte Benedikt auf die einzige Vorschrift des Kirchenrechts Bezug nehmen zu können, in der die Form bestimmt ist, in der der Bischof von Rom auf sein Amt verzichten kann. In Kanon 332 Paragraph 2 heißt es dazu: „Falls der Papst auf sein Amt verzichten sollte, ist zur Gültigkeit verlangt, dass der Verzicht frei geschieht und hinreichend kundgemacht...wird.“ Diesen Erfordernissen hat Papst Benedikt am Rosenmontag des Jahres 2013 im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte genügt.

Erster päpstlicher Rücktritt seit dem 13. Jahrhundert

Dass der Amtsverzicht des Bischofs von Rom - anders als der jedes anderen Bischofs - von niemandem angenommen werden musste, verstand sich am Montag von selbst. Denn nichts und niemand in der Kirche verfügt über eine Gewalt, die höher wäre als die des Bischofs von Rom, denn kraft dieses Amtes verfügt er in der Kirche über „höchste, volle, unmittelbare und universale ordentliche Gewalt, die er immer frei ausüben kann“.

Der Form nach hat Benedikt nur das getan, was das Kirchenrecht ihm und jedem anderen Papst ermöglicht - so weit die Verfassungstheorie. Die Verfassungswirklichkeit ist indes seit Montag nicht mehr dieselbe wie vorher. Denn anders als im Fall des Amtsverzichts eines gewöhnlichen Bischofs sieht das Kirchenrecht für den Fall des Amtsverzichts des Bischofs von Rom nichts vor: Weder ist geregelt, ob er weiterhin seinen Papstnamen verwenden darf, noch, welchen Titel er tragen wird, wo er seinen Wohnsitz nehmen und wie sein Unterhalt gesichert werden soll. In Analogie zu den Vorschriften für Diözesanbischöfe dürfte Papst Benedikt XVI. als Joseph Ratzinger, emeritierter Bischof von Rom, im Jurisdiktionsbereich seiner ehemaligen Diözese seinen Wohnsitz nehmen und von dieser alimentiert werden.

Andere Probleme der Verfassungswirklichkeit dürfen sich indes nicht so leicht durch Ableitungen oder Analogieschlüsse füllen lassen. Denn indem Benedikt als erster Papst seit dem 13. Jahrhundert aus freien Stücken auf sein Amt verzichtet hat, dürfte er das Verständnis des Amtes des Bischofs von Rom in einem Punkt grundsätzlich verändert haben: War es über Jahrhunderte theoretisch denkbar, aber praktisch unmöglich, dass ein Papst anders als durch seinen Tod aus dem Amt scheidet, so wird sich jeder Nachfolger früher oder später vor die Frage gestellt sehen, ob die Zeit gekommen ist, aus welchen Gründen auch immer auf das Papstamt zu verzichten.

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