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Dienstag, 18. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Papst-Rücktritt Der Mitarbeiter der Wahrheit

 ·  2005 wurde Joseph Ratzinger zum ersten deutschen Papst seit fast 500 Jahren gewählt. Als Theologe hatte er Kritik nicht gescheut. Und auch als Papst konnte Benedikt XVI. noch Freund und Feind verwirren.

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© dapd Der gewählte Stellvertreter: Papst Benedikt XVI. am 19. April 2005 auf dem Balkon der Petersbasilika

Am zweiten Tag des Konklaves schon steigt weißer Rauch aus dem Schornstein der Sixtinischen Kapelle auf: Die 115 Kardinäle haben sich schnell auf einen Nachfolger von Papst Johannes Paul II. geeinigt. Nach wenigen Minuten wird aus der Ahnung Gewissheit. „Josephum“ erschallt es von der Loggia des Petersdoms aus - und der Nachname Ratzingers geht dann schon im Jubel der Menschenmenge unter, die sich am späten Nachmittag des 19. April 2005, eines Dienstags, auf dem Petersplatz eingefunden hat. Doch wer ist jener schüchtern lächelnde, in seinen Gesten noch ein wenig ungelenke Benedikt XVI., der erste Papst aus dem Land der Reformation seit fast 500 Jahren?

Es ist der 16. April, der Karsamstag des Jahres 1927, als einem bayerischen Gendarmen, der in Marktl am Inn seinen Dienst tat, das jüngste von drei Kindern geboren wird. Vier Stunden später, in der Osternacht, wird Joseph Ratzinger mit dem neu geweihten Wasser getauft. Die Kindheit und die ersten Jugendjahre verlebt er im unsteten Rhythmus der Versetzungen seines Vaters, der als Gegner der 1933 an die Macht gekommenen Nationalsozialisten keinen leichten Stand hatte. Eine Heimat im engen Sinn des Wortes findet Ratzinger außer in der Familie und in der Kirche nicht. Die bescheidenen Einkünfte des Vaters reichen aus, um Ratzinger im Alter von zwölf Jahren ein Knabenseminar in Traunstein beziehen zu lassen - zur Vorbereitung auf den Priesterberuf.

Von den ersten wissenschaftlichen Arbeiten geprägt

Wenige Monate später beginnt der Zweite Weltkrieg, aus dem Internat wird ein Lazarett. 1943 werden die Traunsteiner Seminaristen, mittlerweile kollektiv der Hitlerjugend zugeführt, zur Flak nach München kommandiert. Im Herbst 1944 heißt es Reichsarbeitsdienst. Bald darauf wird Joseph Ratzinger eingezogen, aber nicht mehr an die Front geschickt. Am 19. Juni 1945 ist er wieder zu Hause. Sechzig Jahre später wurden englische und amerikanische Zeitungen nicht müde, den neuen Papst als Hitlerjungen abzubilden. Tatsächlich sollte der Geist der damaligen Zeit Joseph Ratzinger zeitlebens prägen. Wie Johannes Paul II., der den Krieg in Polen als Zwangsarbeiter überlebte, hat Ratzinger als ein prototypischer Vertreter der „skeptischen Generation“ seine Abneigung gegenüber totalitären Ideologien und einer allzu großen Nähe von Staat und Kirche nie verleugnet. Seine letzten Worte an die deutschen Katholiken, gesprochen zum Abschluss seines Deutschland-Besuchs im September 2011 im Freiburger Konzerthaus, enthielten denn auch die Aufforderung, „Privilegien“ zu entsagen und sich zu „entweltlichen“, auf dass das Licht des Glaubens um so heller strahle.

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Papst Benedikt XVI. verliest am Montag im Vatikan seine Rücktrittserklärung © AP/L'Osservatore Romano Papst Benedikt XVI. verliest am Montag im Vatikan seine Rücktrittserklärung

1947 ist die Entscheidung für den Priesterberuf endgültig. Doch wenn Priester, dann nicht Seelsorger, sondern Wissenschaftler im Dienste Gottes und des Menschen. So sollte es kommen. Am 29. Juni 1951 empfängt er zusammen mit seinem Bruder Georg die Priesterweihe, nach vierzehn Monaten als Kaplan kehrt er zum Promotionsstudium nach Freising zurück.

Wie so viele andere Theologen wird Ratzinger von seinen ersten wissenschaftlichen Arbeiten geprägt für sein Leben. „Volk und Haus Gottes bei Augustinus“, die Promotion, lässt ihn zum Advokaten einer skeptischen Geschichtstheologie werden. Die Habilitation widmet sich 1957 der Geschichtstheologie des Franziskanertheologen Bonaventura. Bald darauf macht Ratzinger, mittlerweile Professor in Bonn, über seinen Studienfreund Hubert Luthe Bekanntschaft mit dem Kölner Erzbischof Joseph Kardinal Frings. Der aber wird zu einer der Schlüsselfiguren des Zweiten Vatikanischen Konzils und Ratzinger, kaum 35 Jahre alt, zu seinem theologischen Berater.

Vom reformorientierten Mainstream ferngehalten

Reform ist das Gebot der Stunde, doch Reform nicht als Anpassung der Kirche an den Zeitgeist, sondern als Rückkehr zu den Wurzeln, zur Bibel und zu den Kirchenvätern. In diesem Geist ist der „Teenager des Konzils“ an vielen wegweisenden Interventionen Frings’ und an der Ausarbeitung vieler Konzilsdokumente beteiligt. Mittlerweile lehrt der Bayer in Münster. Noch voller als die Hörsäle sind dort die Gottesdienste, in denen er predigt. 1966 geht Ratzinger auf Wunsch von Hans Küng von Münster nach Tübingen. Dort setzt er 1968 seine Unterschrift unter eine Erklärung zahlreicher Theologen zugunsten der Freiheit der Theologie. Als er zwei Jahre später zusammen mit weiteren namhaften Kollegen für eine Neubewertung der Vorschrift wirbt, die Diözesanpriestern die Pflicht zu sexueller Enthaltsamkeit auferlegt, ist er schon wieder weitergezogen.

Die Studentenunruhen, die 1968 auch Tübingen erfasst hatten, lassen ihn nach Regensburg flüchten, wo sein Bruder Georg mittlerweile Kapellmeister am Dom geworden ist. Von Bayern aus reagiert er zunehmend irritiert auf die „umstürzlerischen“ Vorgänge in der Kirche, von der Forderung nach mehr Demokratie bis zu den Experimenten auf dem Feld der Liturgie. Er selbst zieht unterdessen Studenten aus allen Teilen Deutschlands, auch aus dem Ausland, nach Regensburg. Aus dem Doktorandenkolloquium geht im Lauf der Jahre ein Schülerkreis hervor, dessen Mitglieder sich noch im August 2011 in der päpstlichen Sommerresidenz Castel Gandolfo trafen.

Seit den siebziger Jahren ist der konzilserfahrene Ratzinger einer der einflussreichsten Theologen weltweit. Seine „Einführung in das Christentum“ wird in Dutzende Sprachen übersetzt. Von dem reformorientierten Mainstream der Kirche hält Ratzinger sich fern. An Pfingsten 1977 wird Joseph Ratzinger zum Nachfolger des früh verstorbenen Münchner Erzbischofs Julius Kardinal Döpfner geweiht. Wenige Wochen später ist er der jüngste Kardinal der römisch-katholischen Kirche. Sein Wahlspruch lautet: „Mitarbeiter der Wahrheit“. Als Johannes Paul II. den Münchner Erzbischof im Herbst 1981 für die Leitung der Kongregation für die Glaubenslehre gewinnen will, sagt Ratzinger nicht mehr nein.

Weniger „ökumenisch“ als der Vorgänger

Als Präfekt der Glaubenskongregation hat Ratzinger nicht nur das Privileg, regelmäßig mit Papst Johannes Paul II. zusammenzukommen und so zu dessen wichtigstem Ratgeber in Fragen der Glaubenslehre und der Kirchendisziplin zu werden. Nach außen hin hält es Ratzinger auch in Rom mit dem Kirchenvater Augustinus: „Unruhestifter zurechtweisen, Kleinmütige trösten, Gegner widerlegen“. Für alles sah der Präfekt Anlässe genug. In den achtziger Jahren gilt es, Auswüchse der in einigen Zirkeln in Lateinamerika populären Theologie der Befreiung zu korrigieren. Mit persönlichen Einlassungen oder auch offiziellen Interventionen der Kongregation ist Ratzinger aber auch immer dort zur Stelle, wo er eine „Relativierung“ der Tradition zu erkennen glaubt, sei es in dem Versuch der drei oberrheinischen Bischöfe Saier, Lehmann und Kasper, wiederverheirateten Geschiedenen innerhalb strenger Grenzen den Empfang der Sakramente zu ermöglichen, sei es in der angeblichen Aufweichung der unbedingten Verpflichtung, das menschliche Leben zu schützen, durch die Mitwirkung der katholischen Kirche in Deutschland in der staatlichen Schwangerenkonfliktberatung.

Kritik bis hin zu Anfeindungen scheut er als Theologe ebenso wenig wie als Präfekt der Glaubenskongregation. Er kann einstecken, aber auch austeilen. Das galt für die Maßregelung von Theologen und die Disziplinierung deutscher Bischöfe nicht weniger als für die Akzentuierung der bleibenden Differenzen zwischen der katholischen Kirche und den aus der Reformation hervorgegangenen Kirchen auf dem Höhepunkt der ökumenischen Annäherung durch die „Gemeinsame Erklärung“ über einige Fragen der Rechtfertigungslehre. Die Erklärung „Dominus Iesus“ der vatikanischen Kongregation für die Glaubenslehre vom Sommer 2000 ist für viele ökumenisch gesinnte Christen ein Schock.

Als Papst entpuppt sich Benedikt indes nicht nur als weniger „ökumenisch“ als sein Vorgänger. Auch die Amtsführung lässt das unterschiedliche Temperament Ratzingers erkennen. Schon aus Rücksicht auf sein hohes Alter reduziert er die Zahl der Auslandsreisen. Im Apostolischen Palast hatte es mit dem regen Kommen und Gehen von Gästen aus aller Welt mit dem Tod von Johannes Paul II. ein Ende. Und in den annähernd acht Jahren seines Pontifikats veröffentlichte Benedikt nur drei Lehrschreiben. Die aber hatten und haben es in sich: Vor allem die beiden Enzykliken über die Liebe („Deus caritas est“) und die Hoffnung („Spe salvi“) sind Früchte einer lebenslangen Beschäftigung mit den Kernaussagen der christlichen Botschaft und Wegweisung über das Pontifikat hinaus. Die Enzyklika „Caritas in veritate“ und die darauf aufbauende Rede Benedikts vor dem Deutschen Bundestag wiederum harren mit ihrem Versuch, auf dem Weg über die moderne Ökologiedebatte ein naturrechtlich fundiertes christliches Menschenbild als einzig zukunftsweisend auszuzeichnen, noch ihrer Rezeption.

Missverständliche Äußerungen des Papstes über Kondome

Gescheitert, weil von Beginn an zum Scheitern verurteilt, ist indes der Versuch des Papstes, eine Wunde zu heilen, die die Rezeptionsgeschichte des Zweiten Vatikanischen Konzils hinterlassen hatte: Die Abspaltung der „Pius-Bruderschaft“. Obwohl Benedikt der - nach eigenem Verständnis einzig wahrhaft katholischen - Gruppe weit entgegenkommt, geht diese bis zuletzt nicht auf das Verlangen ein, unabdingbare Lehren des Konzils anzuerkennen. Dabei geht Benedikt viele Risiken ein, um die endgültige Abspaltung der sektiererischen Pius-Bruderschaft zu verhindern: In Gestalt des Pius-Bischofs Williamson rehabilitiert er - angeblich unwissentlich - einen veritablen Holocaust-Leugner, mit dem vorkonziliaren Messritus restauriert Benedikt in Gestalt der Karfreitags-Fürbitte Relikte des klassischen katholischen Antijudaismus.

Von einer mitunter Freund wie Feind verwirrenden, da auf einsamen Entscheidungen beruhenden Kirchenpolitik zeugen auch Einlassungen des Papstes wie die tendenzielle Ineinssetzung von Islam und Gewalt in der Regensburger Rede im September 2006, die in weiten Teilen der islamischen Welt zur Verschärfung der ohnehin gewachsenen Spannungen zwischen Christen und Muslimen beitrug. Freilich fehlt es in diesen wie in vielen anderen Fällen nicht an interessegeleiteten Versuchen, den Papst als Repräsentanten einer Institution zu diskreditieren, die mehr als alle andere Schuld an vielen Übeln dieser Welt trägt. Missverständliche Äußerungen des Papstes über Kondome dienen als Beleg einer unvermindert repressiven Sexualmoral.

Von den Berichten über die Vergehen von Geistlichen an Kindern und Schutzbefohlenen nimmt noch in der Endphase des Pontifikats von Johannes Paul II. eine Debatte über das moralische Versagen der auf einen rücksichtslosen Schutz der Institution bedachten Hierarchie ihren Ausgang, deren Auswirkungen auf das Ansehen der Kirche vor allem in den westlichen Gesellschaften nicht verheerender sein können.

Eine Kampfansage von Kräften in und um die Kurie

Als die Debatte über den sogenannten sexuellen Missbrauch in der Kirche im Winter 2010 abermals auf die Kirche in Deutschland übergreift, steht auch Papst Benedikt XVI. im Fokus. Hatte er als Erzbischof von München und Freising nichts erfahren von den zahllosen Vertuschungen und Verharmlosungen, die nach Jahrzehnten offenbar wurden? Und wie hatte er sich als Präfekt der Glaubenskongregation verhalten, nachdem die aggressive Homosexualität des von Johannes Paul II. protegierten Wiener Kardinals Groer ruchbar wurde oder die ersten Hinweise auf den perversen Lebenswandel des aus Mexiko stammenden Gründers der „Legionäre Christi“, Maciel Degollado?

Weder über seine Amtsführung in München noch über seinen Umgang mit Missbrauchsfällen als Präfekt der Glaubenskongregation hat sich Papst Benedikt jemals geäußert. Jedoch kann kein Zweifel daran bestehen, dass er große Teile des Münchner Klerus einst deswegen gegen sich aufbrachte, weil er für Laxheit in Fragen der persönlichen Lebensführung kein Verständnis heuchelte. In Rom indes dauert es bis zum Jahr 2001, ehe er die Zuständigkeit für die strafrechtliche Verfolgung sexueller Übergriffe von Klerikern an sich zog. Als Papst wiederum versuchte er diejenigen Kräfte in der Kurie zu stärken, die seine Sicht teilen, dass das Fehlverhalten des Klerus einem Missbrauch der geistlichen Macht gleichkommt, die das Wesen der Kirche in seinem Kern bedroht.

Mit wem es Benedikt in seinem prinzipienfesten Kampf gegen Machtmissbrauch in der Kirche oder auch gegen finanzielle Machenschaften im Umfeld der Kurie zu tun bekommen soll, stellt sich im Frühjahr 2012 heraus. Was als „Vatileaks“ weltweit Schlagzeilen macht, ist nichts anderes als eine Kampfansage von Kräften in und um die Kurie, die den Papst mit Mafiamethoden wie der Zerstörung der Privatsphäre psychisch zermürben wollen. Lange brauchen sie nicht zu warten. Die Ahndung der Untaten seines Kammerdieners Gabriele durch die vatikanische Justiz ist eine Farce, die Hintermänner bleiben im Dunkeln. Im Herbst 2012 reift bei Papst Benedikt die Erkenntnis, dass er den Anforderungen nicht mehr gewachsen ist, die das Amt an ihn und die Welt an seine Kirche stellt. Am Montag dann kündigt er an, am 28. Februar um 20.00 Uhr vom Amt des Bischofs von Rom und des Nachfolgers Petri zurückzutreten.

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Jahrgang 1960, in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.

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