Home
http://www.faz.net/-hpb-76h51
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Papst-Rücktritt Der Mitarbeiter der Wahrheit

2005 wurde Joseph Ratzinger zum ersten deutschen Papst seit fast 500 Jahren gewählt. Als Theologe hatte er Kritik nicht gescheut. Und auch als Papst konnte Benedikt XVI. noch Freund und Feind verwirren.

© dapd Vergrößern Der gewählte Stellvertreter: Papst Benedikt XVI. am 19. April 2005 auf dem Balkon der Petersbasilika

Am zweiten Tag des Konklaves schon steigt weißer Rauch aus dem Schornstein der Sixtinischen Kapelle auf: Die 115 Kardinäle haben sich schnell auf einen Nachfolger von Papst Johannes Paul II. geeinigt. Nach wenigen Minuten wird aus der Ahnung Gewissheit. „Josephum“ erschallt es von der Loggia des Petersdoms aus - und der Nachname Ratzingers geht dann schon im Jubel der Menschenmenge unter, die sich am späten Nachmittag des 19. April 2005, eines Dienstags, auf dem Petersplatz eingefunden hat. Doch wer ist jener schüchtern lächelnde, in seinen Gesten noch ein wenig ungelenke Benedikt XVI., der erste Papst aus dem Land der Reformation seit fast 500 Jahren?

Daniel Deckers Folgen:  

Es ist der 16. April, der Karsamstag des Jahres 1927, als einem bayerischen Gendarmen, der in Marktl am Inn seinen Dienst tat, das jüngste von drei Kindern geboren wird. Vier Stunden später, in der Osternacht, wird Joseph Ratzinger mit dem neu geweihten Wasser getauft. Die Kindheit und die ersten Jugendjahre verlebt er im unsteten Rhythmus der Versetzungen seines Vaters, der als Gegner der 1933 an die Macht gekommenen Nationalsozialisten keinen leichten Stand hatte. Eine Heimat im engen Sinn des Wortes findet Ratzinger außer in der Familie und in der Kirche nicht. Die bescheidenen Einkünfte des Vaters reichen aus, um Ratzinger im Alter von zwölf Jahren ein Knabenseminar in Traunstein beziehen zu lassen - zur Vorbereitung auf den Priesterberuf.

Von den ersten wissenschaftlichen Arbeiten geprägt

Wenige Monate später beginnt der Zweite Weltkrieg, aus dem Internat wird ein Lazarett. 1943 werden die Traunsteiner Seminaristen, mittlerweile kollektiv der Hitlerjugend zugeführt, zur Flak nach München kommandiert. Im Herbst 1944 heißt es Reichsarbeitsdienst. Bald darauf wird Joseph Ratzinger eingezogen, aber nicht mehr an die Front geschickt. Am 19. Juni 1945 ist er wieder zu Hause. Sechzig Jahre später wurden englische und amerikanische Zeitungen nicht müde, den neuen Papst als Hitlerjungen abzubilden. Tatsächlich sollte der Geist der damaligen Zeit Joseph Ratzinger zeitlebens prägen. Wie Johannes Paul II., der den Krieg in Polen als Zwangsarbeiter überlebte, hat Ratzinger als ein prototypischer Vertreter der „skeptischen Generation“ seine Abneigung gegenüber totalitären Ideologien und einer allzu großen Nähe von Staat und Kirche nie verleugnet. Seine letzten Worte an die deutschen Katholiken, gesprochen zum Abschluss seines Deutschland-Besuchs im September 2011 im Freiburger Konzerthaus, enthielten denn auch die Aufforderung, „Privilegien“ zu entsagen und sich zu „entweltlichen“, auf dass das Licht des Glaubens um so heller strahle.

Benedict XVI Papst Benedikt XVI. verliest am Montag im Vatikan seine Rücktrittserklärung © AP/L'Osservatore Romano Bilderstrecke 

1947 ist die Entscheidung für den Priesterberuf endgültig. Doch wenn Priester, dann nicht Seelsorger, sondern Wissenschaftler im Dienste Gottes und des Menschen. So sollte es kommen. Am 29. Juni 1951 empfängt er zusammen mit seinem Bruder Georg die Priesterweihe, nach vierzehn Monaten als Kaplan kehrt er zum Promotionsstudium nach Freising zurück.

1 | 2 | 3 | 4 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Der Stille im Vatikan Ein Besuch bei Vater Benedikt

Er trägt noch immer das weiße Papstgewand. Aber die roten Schuhe hat er gegen braune Sandalen über weißen Strümpfen getauscht. Mehr Von Jörg Bremer, Vatikanstadt

07.12.2014, 11:02 Uhr | Politik
Papst Franziskus traut Paare mit Kindern

Zum ersten Mal seit seinem Amtsantritt traut Franziskus 20 Paare im Petersdom, darunter einige mit unehelichen Kindern. Damit setzt der Pontifex ein Zeichen für mehr Offenheit in der katholischen Kirche. Mehr

14.09.2014, 20:09 Uhr | Politik
Katholische Kirche Vatikan ist Hunderte Millionen Euro reicher 

Der Vatikan steht finanziell viel besser da als gedacht. Jetzt wurden etliche Millionen Euro entdeckt, die auf Unterkonten abseits der Bilanz schlummerten. Ab 2015 soll ein externer Berater für mehr Transparenz sorgen. Mehr

04.12.2014, 20:19 Uhr | Politik
Bischofssynode im Vatikan Noch keine neue Haltung gegenüber Homosexuellen

Papst Franziskus hat seinen 1978 gestorbenen Vorgänger Papst Paul VI. seliggesprochen. Mit der feierlichen Zeremonie auf dem Petersplatz ging die katholische Bischofssynode im Vatikan zu Ende. Zwei Wochen lang hatten 200 Bischöfe zum Thema Familie getagt. Mehr

20.10.2014, 09:33 Uhr | Politik
Karlikatur Lagerfeld sieht schon die Ökumene voraus

Ein Freund der Kirche ist Karl Lagerfeld sicher nicht. Zum Fest der Liebe aber kommen sich bei ihm auch Papst Franziskus und die Protestantin Angela Merkel, gewandet als Weihnachtsfrau, näher. Doch etwas stört die traute Zweisamkeit. Mehr Von Alfons Kaiser

13.12.2014, 15:06 Uhr | Gesellschaft
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 11.02.2013, 17:32 Uhr

Kampf für den Westen

Von Berthold Kohler

Berlin betritt mit dem Beschluss, militärische Ausbilder in den Nordirak zu schicken, unsicheres Terrain. Doch man muss den Kurden im Kampf gegen den „Islamischen Staat“ helfen, so gut es nur geht. Mehr 7 8