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Papst-Rücktritt : Das Glück der Einsamkeit

Pentling: Wohnort Joseph Ratzingers in den siebziger Jahren Bild: dapd

Pentling, eine kleine Gemeinde im Landkreis Regensburg, ist für den Papst „im tiefsten Sinn ein Daheim“. In seiner Beziehung zu dem Ort wird die menschenfreundliche Seite von Benedikt XVI. erkennbar.

          Acht Jahre lang war der Ortschaft das Glück beschieden, den Rocksaum der Geschichte küssen zu dürfen. Seit Montag aber weiß man in Pentling, dass man am 28. Februar um 20.00 Uhr wird loslassen müssen. Mit der Wahl Joseph Ratzingers zum Papst war die unscheinbare Siedlung vor den Toren der alten Reichsstadt Regensburg ein wenig aus der Kälte und Kargheit des niederbayerischen Hügellandes emporgehoben worden. Denn Pentling ist der Platz, an dem Joseph Ratzinger sein Zuhause hat. „...und so ist Pentling für mich im tiefsten Sinn ein Daheim“, wird der scheidende Papst an der Außenwand der Pfarrkirche zitiert.

          Reinhard Bingener

          Politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

          Als Ratzinger 1969 vor den Studentenrevolten in Tübingen an die neugegründete Universität Regensburg wechselte, zog damals auch ein anderer Theologe mit hierher: Wolfgang Beinert, Ratzingers Assistent. Seit etwa dieser Zeit ist Pentling im Unterschied zu umliegenden Ortschaften wie Graßlfing, Oberirading oder Matting kein Dorf mehr. „Sie können hier eine Schule gründen allein mit ortsansässigen Lehrern oder ein Krankenhaus mit ortsansässigen Ärzten“, sagt Beinert.

          Beim Bau seines Hauses, von dem aus man schon die Universitätsklinik sehen kann, hatte Ratzinger die feste Absicht, inmitten dieser Mischung aus oberpfälzischer Ländlichkeit und zugezogener Akademikerschaft sein wissenschaftliches Werk als Dogmatiker zu schaffen. Ratzinger war hier „geborgen in einer gut katholischen Gemeinde und in einer Uni, in der er seinen Rang hatte“, erklärt Beinert.

          Er blieb Pentling stets verbunden

          Als Joseph Ratzinger wegbefördert wurde, erst nach München, später nach Rom, blieb er Pentling und den Pentlingern dennoch weiter verbunden. Als Beinert dem Papst beim jährlichen Treffen seines Schülerkreises in Castel Gandolfo die Neuigkeiten aus Pentling berichten wollte, unterbrach ihn Benedikt: „Das brauchst du mir alles nicht erzählen, das stand schon in der letzten Ausgabe des Gemeindeblatts.“ Die Pentlinger haben die Zuneigung des Papstes erwidert. Im Unterschied zu Ratzingers Geburtsort Marktl am Inn sorgte Bürgermeister Albert Rummel auch dafür, dass im Ort kein Benedikt-Devotionalienhandel entstand. „Der Papst könnte hier spazieren gehen wie früher“, meint Beinert.

          Seit mehr als dreißig Jahren betreut Beinert, der nach Ratzingers Weggang als Dogmatikprofessor nach Regensburg zurückkehrte, im Ehrenamt die Pentlinger Pfarrkirche. Täglich feiert er dort die Messe. Und wenn Beinert in den Urlaub fuhr, war es lange die Regel, dass dann Joseph Ratzinger aus München oder Rom anreiste und an Beinerts Stelle diesen Dienst versah. In Benedikts Beziehung zu Pentling tritt die menschenfreundliche Seite des Papstes hervor, die viele in seiner Lehre und in seiner Politik nicht erkennen können.

          Vielleicht fühlt sich Benedikt den Menschen in der Oberpfalz geistig verwandt. Der Menschenschlag hier ist wie er in sich gekehrt, niemals aufgesteckt, wie man es in München gerne ist. Auch die Frömmigkeit der Oberpfälzer scheint der Spiritualität Benedikts ähnlich: innig und unaufdringlich.

          Die Liberalität im Umgang, die so möglich wird, kann man vielleicht auch am Verhältnis von Joseph Ratzinger zu Wolfgang Beinert illustrieren. Die beiden kennen sich seit bald einem halben Jahrhundert, und doch kann Beinert, auch er ein Theologe von Rang, offen sagen, wo man unterschiedlicher Meinung ist. So hätte Benedikt „die antimodernistische Linie der katholischen Kirche, die eigentlich schon mit der Aufklärung, bei Gregor XVI., beginnt, stark überdenken sollen“. Dass er damit einen Grundpfeiler von Ratzingers Denken in Frage stellt, weiß Beinert. „Ja, das sehe ich anders, und das weiß auch der Papst.“ Sosehr er Joseph Ratzinger als Mensch, als Theologen und Lehrer schätze - „er hat wenig bis gar kein kirchenpolitisches Gespür“.

          Benedikts Rücktrittsankündigung hält Beinert indes für einen „ganz großen Schritt“, „vielleicht die größte Tat in seinem Pontifikat“. Die Folgen dieser Ankündigung seien vielen noch gar nicht klar. In der Frage, ob der Papst denn überhaupt zurücktreten könne, spiegele sich das alte ontologische Verständnis der Ämter in der katholischen Kirche, sagt Beinert. Mit seinem Rücktritt habe Benedikt nun für eine funktionale Auffassung des Amts Partei ergriffen - wie zuletzt Coelestin V. im Jahre 1294. Der Dichter Dante warf Coelestin dafür in die Hölle der Feiglinge. „Ich bin mir sehr sicher, dass viele Päpste seitdem mit Gedanken an einen Rücktritt gespielt haben, aber von Dante zurückgehalten wurden“, sagt Beinert. Benedikt habe diesen Bann gebrochen.

          Für den Ruhestand wünscht Beinert, der in wenigen Tagen selbst 80 Jahre alt wird, seinem alten Lehrer nur das Beste. „Ich denke, dass er so klug ist, sich ganz und gar zurückzuziehen.“ Der Papst, da ist Beinert guter Hoffnung, werde „leben wie ein Einsiedler“. In Pentling, wo der Papst zu Hause ist, gilt das nicht als Unglück.

          Quelle: F.A.Z.

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