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Veröffentlicht: 13.02.2013, 17:21 Uhr

Generalaudienz Benedikt und die radikale Freiheit

In der Generalaudienz, dem ersten öffentlichen Auftritt nach der Ankündigung seines Rücktritts, wirkte der Papst wie befreit - im Körper und erst recht im Geist.

von , Rom
© Stefano Dal Pozzolo/contrasto/la „Unterstützt und erleuchtet“: Der Papst in der Audienz

Alle Last schien von ihm gefallen, als Benedikt XVI. für die Generalaudienz am Mittwoch vor die Gläubigen trat, zum ersten Mal nach seiner Rücktrittsankündigung am Montag. Mehr als 8000 Menschen empfingen den Papst mit Jubel, Gesang und Fahnen in der Audienzaula „Paul VI.“ neben dem Petersdom. Der scheidende Papst ging nicht am Stock und doch sicherer als noch vor Tagen. Er konnte so zeigen, dass er nicht akut krank oder unter einem anderen Druck zurücktritt, sondern „in voller Freiheit zum Wohl der Kirche“, wie er dann sagte.

Lange gebetet und Gewissen erforscht

Jörg Bremer Folgen:

Er habe lange gebetet und vor Gott sein Gewissen erforscht, „im Bewusstsein um den Ernst dieses Aktes, aber auch im Wissen, dass ich nicht mehr das Petrusamt mit der Kraft ausfüllen kann, die es verlangt“. Dabei dachte Benedikt vielleicht an die nötige Neuorganisation der Kurie nach dem Skandal um die gestohlenen Dokumente von seinem Schreibtisch oder auch an die Epiphanias-Messe im Petersdom am 6. Januar, als er nicht mehr mit dem Weihrauchfass dreimal um den Hochaltar gehen konnte, wie es die Liturgie verlangt. Es sei demütigend für den Theologen gewesen, nicht einmal mehr die Messe ordnungsgemäß feiern zu können, hatte es später aus seiner Umgebung geheißen.

„Heiligkeit - Dank sei dir“

Am Mittwoch in der Audienzhalle schien dieser Augenblick der Schwäche aber zunächst vergessen. Der Papst sagte: „Mich unterstützt und erleuchtet die Sicherheit, dass diese Kirche die Kirche Christi ist, der ihr nie seine Führung und Sorge fehlen lassen wird.“ Sichtbar erleichtert, fast froh ließ sich Benedikt bejubeln. Spanier enthüllten eine Leinwand: „Heiligkeit - Dank sei dir“ stand darauf in ihrer Sprache. Der Papst bedankte sich bei den Gläubigen in aller Welt: „Danke, ich habe fast physisch in diesen für mich nicht leichten Tagen die Kraft des Gebets und die Liebe der Kirche gespürt. Euer Gebet trägt mich. Betet weiter für mich, für die Kirche, für den zukünftigen Papst.“ Unvermutet sang ein italienischer Schulchor auf Deutsch die Choräle „Großer Gott, wir loben dich“ und „Lobe den Herren“.

In der anschließenden Katechese wurde die Stimme des Papstes schwächer; das Manuskript in seiner Hand zitterte, als er seinen Rücktritt wie ein mögliches Vorbild für andere darstellte. Der Papst forderte dazu auf, auf Gott zu hören und frei zu werden von äußeren Zwängen. Diese Umkehr bedeute, sich nicht auf der Suche nach Erfolg, Prestige oder Karriere vor Gott zu verschließen. Fast resigniert stellte der Papst dann fest, dass er selbst zu schwach sei, die christlichen Prinzipien noch zu verteidigen: „Es ist nicht leicht, sich öffentlich gegen Entscheidungen aufzulehnen, die viele als selbstverständlich erachten wie die Abtreibung bei einer unerwünschten Schwangerschaft, Sterbehilfe bei schwerer Krankheit oder die Selektion von Embryonen zur Vermeidung von Erbkrankheiten.“

„Radikal frei“

Gemeinhin sind Generalaudienzen in der „Aula Paolo VI.“ eine kühle Sache. Viel mehr gefallen die Audienzen nebenan vor dem Dom, wo sich die barocke Kulisse genießen lässt. Aber im kalten Winter lädt der Papst in die Halle aus Beton unter dem leicht gewölbten Flachdach ein, die in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts entstand. Diesmal aber konnte die schmucklose Kühle dem Mitgefühl für den Papst und der Freude, ihn noch einmal zu sehen, nichts anhaben: „Wundervoll, so einen historischen Moment mitzuerleben“, sagte eine amerikanische Pilgerin, die sich schon im fernen Ohio die Karte für die Generalaudienz organisiert hatte. Neben ihr sagte ein Pilger aus New York: „Dieser Mann ist so tapfer wie ehrlich“, und schaute auf Benedikt, der vorne nach der Generalaudienz ausgewählten Pilgern die Hand gab. Eine deutsche Schwester stellte fest, dass der Papst doch ziemlich fit aussehe: „Ich habe schon Ältere mit 85 Jahren erlebt. Er ist wohl unglaublich erleichtert.“ Aus Bayern kam eine Stimme: „Jetzt muss er nach Haus.“

Am Nachmittag feierte der Papst das letzte Mal in seinem Amt die Aschermittwochsliturgie, die wegen der Massen von der Kirche der heiligen Sabina auf dem Aventin in den Petersdom verlegt worden war. Dort ging der Papst wieder auf die Willensfreiheit des gläubigen Menschen ein, als er das Wort Gottes durch den Propheten Joel zitierte: „Bekehret euch zu mir von ganzem Herzen“. Diese Betonung des „ganzen Herzens“ bedeute, sagte Benedikt, dass der Mensch, der sich zu Gott wende „im Denken und Fühlen, im Kern seiner Entscheidungen und bei der Auswahl seiner Taten völlig und radikal frei ist“ - so wie eben ein Papst, der sein Amt nicht mehr ausüben kann und will.

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Quelle: F.A.Z.

 

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