Home
http://www.faz.net/-hpb-76zwt
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Benedikt XVI. Das Vermächtnis des Papstes

1969 hat ein junger Theologe auf die Überlastung des Papstes hingewiesen - es war Joseph Ratzinger. Sein Aufsatz ist ungebrochen aktuell. Umsetzen konnte er im Amt wenig. Dazu reichte seine Kraft nicht. Benedikts Nachfolger ist es aufgegeben, dessen Vermächtnis mit Leben zu erfüllen.

© AP Vergrößern Papst Benedikt XVI.: Sein Nachfolger muss sein Vermächtnis mit Leben füllen.

Was immer Papst Benedikt XVI. außer dem Schwinden seiner physischen Kräfte bewogen haben könnte, in einem historisch einmaligen Schritt sein Amt aufzugeben - zwangsläufig richtet sich der Blick über die Persönlichkeit des Papstes hinaus auf die Personen und Institutionen, die sein Tun und Lassen in den vergangenen sieben Jahren und zehn Monaten bedingt haben.

Missverständliche Äußerungen sind der rote Faden

Daniel Deckers Folgen:  

In keiner unparteiischen Rückschau auf die wichtigsten Ereignisse des Pontifikats fehlen daher die Hinweise auf eine Fülle von Fehlverhalten und -funktionen der römischen Kurie. Von der „Regensburger Rede“ mit dem anstößigen Islam-Zitat über kryptische Äußerungen Benedikts in Brasilien über die Sehnsucht der amerikanischen Ureinwohner nach christlicher Missionierung bis hin zu gleichfalls interpretationsbedürftigen Äußerungen über den Gebrauch von Kondomen während einer Afrika-Reise ziehen sich missverständliche Äußerungen wie ein roter Faden durch das Pontifikat.

Eine Erklärung für die Pannen liegt auf der Hand. Zu Zeiten von Papst Johannes Paul II. ging jeder Text über einen zweiten Schreibtisch, nicht selten den des Präfekten der Glaubenskongregation, Joseph Kardinal Ratzinger. Benedikt, als Theologe jedem Kurienkardinal mit Ausnahme seines früheren Professoren- und Bischofskollegen Walter Kasper haushoch überlegen, handelte nach der klassischen Maxime, wonach der Papst als oberster Richter der Kirche keiner anderen Autorität unterworfen ist („prima sedes a nemine iudicatur“). Die Richtigstellungen, Korrekturen und Interpretationen, die infolge der Außerkraftsetzung dieses Kontrollmechanismus nötig waren, haben den Schaden für das Amt nicht mehr gutmachen können.

„Checks and balaces“

Doch litt das Pontifikat unter mehr als nur diesem Eingriff in die ohnehin wenigen vatikanischen „checks and balances“. Jahrzehntelang verkörperten die Kongregation für die Glaubenslehre auf der einen und das als Innen- wie als Außenministerium dienende Staatssekretariat auf der anderen Seite die für die Leitung der Weltkirche unabdingbare Spannung zwischen Dogma und Diplomatie. Indem Benedikt seinen langjährigen Weggefährten aus der Glaubenskongregation Tarcisio Bertone zum Nachfolger von Kardinalstaatssekretär Angelo Sodano machte, weil er diesem „Paten“ und seiner Seilschaft aus guten Gründen zutiefst misstraute, erschütterte er sehenden Auges die Grundfesten der Kurie. Die Folgen blieben nicht aus: erbitterte Grabenkämpfe zwischen den Gefolgsleuten Sodanos und Bertones, der sich als oberster Diplomat als krasse Fehlbesetzung erwies, paralysierten über Jahre hinweg das Staatssekretariat und legten die ohnehin nur rudimentär ausgeprägten Abstimmungs- und Koordinierungsmechanismen vollends lahm.

Es wäre zu kurz gegriffen, hielte man dieses Organversagen im Vatikan nur für die Folge eines im Kern höfisch-klerikalen Herrschaftssystems, in dem es mehr auf Beziehungen als auf die Einhaltung sachbezogener Regeln ankommt. Selbst ein Papst, der in seinem Tun wie dem der Kurie mit elementaren Grundsätzen guten Regierungshandelns wie Rechtsstaatlichkeit, Subsidiarität oder Verwaltungskontrolle ernst machte, stünde heute vor dem Problem, mit einer wenige hundert Personen umfassenden Bürokratie eine Kirche mit mehr als viertausend Bischöfen, einer in die Hunderttausende gehende Zahl von Priestern und Ordensleuten sowie 1,2 Milliarden Mitgliedern wenn nicht lenken, so doch kontrollieren zu müssen.

Die schwerste Hypothek der Kirche

Nach dem Ende des Pontifikats von Benedikt XVI. steht daher in Rom mehr an als eine Ertüchtigung der Kurie. Selbst mit einer Aufgabenkritik dürfte es nicht getan sein. Denn jedes Bestreben dieser Art stößt sofort an jene unüberwindbare Mauer aus Zuständigkeiten und Kontrollbefugnissen, die im Verbund mit der theologischen Überhöhung des Papstamtes seit dem 19. Jahrhundert aus dem Vatikan eine Institution hat werden lassen, die durch das zwangsläufige Scheitern an ihren eigenen Ansprüchen wie zu Zeiten der Reformation zu einer der schwersten Hypotheken der Kirche geworden ist.

Niemand hat dieses Problem klarer erkannt als ein junger Theologe namens - Joseph Ratzinger. Schon 1969 wies er der katholischen Kirche in einem ungebrochen aktuellen Aufsatz Wege aus der „zentralstaatlichen“ Falle. Ratzinger unterschied zwischen dem einheitsstiftenden Amt des Bischofs von Rom, dem Amt des Patriarchen der abendländisch-lateinischen Kirche und dem Primas aller Bischöfe - und damit zwischen der einen unaufgebbaren und den vielen anderen Funktionen, die sich im Lauf der Geschichte an das Amt des Petrusnachfolgers angelagert haben: „Das einheitliche Kirchenrecht, die einheitliche Liturgie, die einheitliche Besetzung der Bischofsstühle von der römischen Zentrale aus - das alles sind Dinge, die nicht notwendig mit dem Primat als solchen gegeben sind.“ Als Präfekt der Glaubenskongregation ist Ratzinger auf diese Worte nie wieder zurückgekommen. Als Papst hat er - weithin unbemerkt - den Titel Patriarch des Abendlandes abgelegt. Zu mehr reichte seine Kraft nicht. Benedikts Nachfolger ist es aufgegeben, dessen Vermächtnis mit Leben zu erfüllen.

Mehr zum Thema

Quelle: F.A.Z.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 17.02.2013, 16:21 Uhr

Gabriels Stunde

Von Klaus-Dieter Frankenberger

Der Wirtschaftsminister kämpft im Bundestag mit Leidenschaft für ein Freihandelsabkommen. Gut so. Die Weltwirtschaft ist kein deutsches Wunschkonzert. Ein Kommentar. Mehr 3 13

Nachrichten in 100 Sekunden
Nachrichten in 100 Sekunden