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Papst-Rücktritt Die Gunst einer friedlichen Minute

Schon im Jahr 2010 hat Benedikt XVI. die Frage bejaht, ob ein Papst zurücktreten könne. Es war ihm wichtig, vorher das Haus zu bestellen. Den Nachfolgefavoriten gibt es diesmal nicht.

© dapd Vergrößern Papst Benedikt XVI., hier bei einem Besuch im Erfurter Dom, gibt sein Amt aus Gesundheitsgründen auf.

Georg Ratzinger will schon vor Monaten in die Pläne seines Bruders eingeweiht worden sein, auf das Amt des Papstes zu verzichten. Doch im Vatikan hat womöglich nur der Beichtvater des Heiligen Vaters schon am Sonntag gewusst, was am Montag verkündet wurde. Nicht einmal der persönliche Sekretär von Benedikt XVI., Erzbischof Georg Gänswein, soll am Sonntag im Gespräch mit einem Vertrauten den Eindruck erweckt haben, als würde ein für die Kirche und für ihn selbst herausragendes Ereignis bevorstehen. Noch am Montagmorgen sah alles nach Routine aus. Bei einem Konsistorium sollte der Papst laut Programm mit seinen Kardinälen einige Heiligsprechungen vorbereiten. Stattdessen kündigte er den Rücktritt an.

Entsetztes Schweigen, lange Stille

Entsetztes Schweigen, lange Stille. Dann ergreift der Dekan des Kardinalskollegiums Angelo Sodano das Wort: „Heiliger Vater, geliebter und verehrter Nachfolger Petri“, wie ein „Blitz aus heiterem Himmel“ schlug diese Nachricht ein. Die Kardinäle hätten die „bewegende Botschaft mit Fassungslosigkeit und fast ungläubig“ gehört. Man spüre in den Worten „die große Liebe, die Sie immer für die heilige Kirche Gottes hatten“. Niemals hätten sich die Kardinäle während dieses Pontifikats ihrem Papst so nah gefühlt wie in diesem Moment, sagte Sodano und erinnerte daran, dass er es selbst gewesen sei, der nach dem Konklave am 19. April 2005 Kardinal Josef Ratzinger gefragt habe, ob er die Wahl zum Papst annehme.

Erst einmal in der Kirchengeschichte ist ein Papst zurückgetreten. 264 Bischöfe von Rom werden genannt, aber nur Cölestin V. verzichtete im Jahr 1294 auf sein Amt. „Wegen der Schwäche meines Körpers und der Unfähigkeit zum Lehramt“ wolle er wieder Einsiedler werden, hatte Cölestin damals seinen Kardinälen gesagt. Diesen Vorgänger besuchte Papst Benedikt im Juli 2010 und trat an dessen gläsernen Sarg bei L’Aquila in den Abruzzen. Benedikt hinterließ ihm sein Pallium, die päpstliche Wollstola, die er bei der Krönung erhalten hatte; eine ungewöhnliche Geste. Offensichtlich faszinierte Benedikt die Konsequenz und Radikalität des Einsiedlerpapstes, der sich treu bleiben, „in notwendiger Demut“ und im Blick „auf meine moralische Vervollkommnung“ hatte handeln wollen. Das macht ihm Benedikt nun nach.

Ebenfalls im Jahr 2010 fragte der Journalist Peter Seewald Benedikt, ob ein Papst zurücktreten könne. Der Oberhirte bejahte. „Wenn ein Papst zur klaren Erkenntnis kommt“, so seine Antwort, „dass er physisch, psychisch und geistig den Auftrag seines Amtes nicht mehr bewältigen kann, dann hat er ein Recht und unter Umständen auch eine Pflicht zurückzutreten“. Zugleich machte Benedikt aber deutlich, dass ein Papst nicht einfach davonlaufen dürfe, „wenn die Gefahr“ für die Kirche oder sein Papsttum groß sei. „Zurücktreten kann man in einer friedlichen Minute“, sagte er in dem Gesprächsbuch „Licht der Welt“. Dieser ruhige Augenblick scheint nun für den Papst gekommen.

Missbrauchsskandal und „Vatileaks“

Schwere Unwetter liegen hinter ihm und seiner Kirche. Vor allem wurde der Vatikan mit ungeheurer Wucht vom Missbrauchsskandal erfasst. Hinzu kam dann auch noch der Skandal, der bald „Vatileaks“ hieß: vom Schreibtisch seines Sekretärs Gänswein waren teils vertrauliche Dokumenten gestohlen worden. Bis heute sind die genauen Hintergründe unklar, schwebt der Vorwurf in der Luft, einst enge Mitarbeiter oder gar Bischöfe hätten für ein Klima des Misstrauens gesorgt. Im Strafprozess gegen den früheren Kammerdiener Paolo Gabriele freilich wurde festgestellt, dass dieser ganz allein aus falsch verstandener Treue zum Papst Dokumente gestohlen, kopiert und an die Presse weitergegeben habe, um nicht weiter genannte Kommunikationsprobleme zwischen Papst und seinem Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone aufzudecken. Gabriele wurde im vorigen Oktober zu 18 Monaten Haft verurteilt; der Papst begnadigte ihn später. Heute wohnt die Familie Gabriele außerhalb des Vatikans, und der verurteilte Dieb arbeitet als Kopierer im päpstlichen Kinderkrankenhaus Bambino Gesù.

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