Georg Ratzinger will schon vor Monaten in die Pläne seines Bruders eingeweiht worden sein, auf das Amt des Papstes zu verzichten. Doch im Vatikan hat womöglich nur der Beichtvater des Heiligen Vaters schon am Sonntag gewusst, was am Montag verkündet wurde. Nicht einmal der persönliche Sekretär von Benedikt XVI., Erzbischof Georg Gänswein, soll am Sonntag im Gespräch mit einem Vertrauten den Eindruck erweckt haben, als würde ein für die Kirche und für ihn selbst herausragendes Ereignis bevorstehen. Noch am Montagmorgen sah alles nach Routine aus. Bei einem Konsistorium sollte der Papst laut Programm mit seinen Kardinälen einige Heiligsprechungen vorbereiten. Stattdessen kündigte er den Rücktritt an.
Entsetztes Schweigen, lange Stille
Entsetztes Schweigen, lange Stille. Dann ergreift der Dekan des Kardinalskollegiums Angelo Sodano das Wort: „Heiliger Vater, geliebter und verehrter Nachfolger Petri“, wie ein „Blitz aus heiterem Himmel“ schlug diese Nachricht ein. Die Kardinäle hätten die „bewegende Botschaft mit Fassungslosigkeit und fast ungläubig“ gehört. Man spüre in den Worten „die große Liebe, die Sie immer für die heilige Kirche Gottes hatten“. Niemals hätten sich die Kardinäle während dieses Pontifikats ihrem Papst so nah gefühlt wie in diesem Moment, sagte Sodano und erinnerte daran, dass er es selbst gewesen sei, der nach dem Konklave am 19. April 2005 Kardinal Josef Ratzinger gefragt habe, ob er die Wahl zum Papst annehme.
Erst einmal in der Kirchengeschichte ist ein Papst zurückgetreten. 264 Bischöfe von Rom werden genannt, aber nur Cölestin V. verzichtete im Jahr 1294 auf sein Amt. „Wegen der Schwäche meines Körpers und der Unfähigkeit zum Lehramt“ wolle er wieder Einsiedler werden, hatte Cölestin damals seinen Kardinälen gesagt. Diesen Vorgänger besuchte Papst Benedikt im Juli 2010 und trat an dessen gläsernen Sarg bei L’Aquila in den Abruzzen. Benedikt hinterließ ihm sein Pallium, die päpstliche Wollstola, die er bei der Krönung erhalten hatte; eine ungewöhnliche Geste. Offensichtlich faszinierte Benedikt die Konsequenz und Radikalität des Einsiedlerpapstes, der sich treu bleiben, „in notwendiger Demut“ und im Blick „auf meine moralische Vervollkommnung“ hatte handeln wollen. Das macht ihm Benedikt nun nach.
Ebenfalls im Jahr 2010 fragte der Journalist Peter Seewald Benedikt, ob ein Papst zurücktreten könne. Der Oberhirte bejahte. „Wenn ein Papst zur klaren Erkenntnis kommt“, so seine Antwort, „dass er physisch, psychisch und geistig den Auftrag seines Amtes nicht mehr bewältigen kann, dann hat er ein Recht und unter Umständen auch eine Pflicht zurückzutreten“. Zugleich machte Benedikt aber deutlich, dass ein Papst nicht einfach davonlaufen dürfe, „wenn die Gefahr“ für die Kirche oder sein Papsttum groß sei. „Zurücktreten kann man in einer friedlichen Minute“, sagte er in dem Gesprächsbuch „Licht der Welt“. Dieser ruhige Augenblick scheint nun für den Papst gekommen.
Missbrauchsskandal und „Vatileaks“
Schwere Unwetter liegen hinter ihm und seiner Kirche. Vor allem wurde der Vatikan mit ungeheurer Wucht vom Missbrauchsskandal erfasst. Hinzu kam dann auch noch der Skandal, der bald „Vatileaks“ hieß: vom Schreibtisch seines Sekretärs Gänswein waren teils vertrauliche Dokumenten gestohlen worden. Bis heute sind die genauen Hintergründe unklar, schwebt der Vorwurf in der Luft, einst enge Mitarbeiter oder gar Bischöfe hätten für ein Klima des Misstrauens gesorgt. Im Strafprozess gegen den früheren Kammerdiener Paolo Gabriele freilich wurde festgestellt, dass dieser ganz allein aus falsch verstandener Treue zum Papst Dokumente gestohlen, kopiert und an die Presse weitergegeben habe, um nicht weiter genannte Kommunikationsprobleme zwischen Papst und seinem Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone aufzudecken. Gabriele wurde im vorigen Oktober zu 18 Monaten Haft verurteilt; der Papst begnadigte ihn später. Heute wohnt die Familie Gabriele außerhalb des Vatikans, und der verurteilte Dieb arbeitet als Kopierer im päpstlichen Kinderkrankenhaus Bambino Gesù.
Gänswein hatte Benedikt im Zuge der Affäre seinen Rücktritt angeboten. Zwar hatte er als erster den Diebstahl bemerkt und die Gendarmerie alarmiert, aber auf ihn fiel auch Verdacht. So sahen es jedenfalls italienische Zeitungen. Der Papst aber hielt zu Gänswein, erhob ihn zum Präfekten des Päpstlichen Haushalts und weihte ihn an Epiphanias zu Beginn dieses Jahres zum Erzbischof. Dazu hieß es, der Papst bestelle jetzt offenbar sein Haus. Er wolle seinem engsten Mitarbeiter für die Zeit nach seinem Pontifikat eine gute Zukunft sichern. Bei jener Messe am 6. Januar in Sankt Peter fiel auf, dass Benedikt XVI. offenbar zu schwach war, um dreimal um den Altar zu gehen, wie es die Liturgie verlangt. Aber im engsten Kreise sagte Gänswein damals nur, es gehe dem Papst gut; er könne zwar nur noch schlecht laufen, sei geistig aber völlig fit. Maskenhaft und wohl geschminkt schien dann sein Gesicht, als er am vergangenen Samstag in Sankt Peter zu 45.000 Maltesern sprach. Seine Stimme aber erklang so stark wie stets.
Ein neuer Papst zum Osterfest
Immer wieder wurde in den letzten Wochen nach den Plänen des Papstes gefragt. Es sei kein weiteres Buch geplant, hieß aus dem päpstlichen Haushalt. Der Papst freue sich, „dass der Herrgott ihm so viel Lebenszeit geschenkt“ habe, dass er den dritten und letzten Band zu Jesus von Nazareth abschließen konnte. Aber er schreibe an einer Enzyklika. Es stehe keine Reise auf dem Jahresprogramm, hieß es auch. „Aber niemand kann sich einen Weltjugendtag ohne Papst vorstellen. Darum planen wir im Juli den Besuch Benedikts in Rio de Janeiro“, ließen die Organisatoren durchblicken. Diese Reise wird nun ein anderer Papst antreten. Schon das Osterfest werde unter der Leitung eines neuen Papstes begangen, teilt der Vatikan mit. Für die Kardinäle gebe es genügend Zeit, sich auf einen neuen Oberhirten zu einigen. Zunächst würden nach Benedikts Rücktritt am 28. Februar die Kardinäle unter Leitung Sodanos informell beraten. Weil Sodano schon das Alter für die Teilnahme am Konklave überschritt, werde danach Kardinal Giovanni Battista Re die Papstwahl in der Sixtinischen Kapelle leiten.
Kein klarer Favorit
Beim letzten Konklave waren sich die Kardinäle rasch einig geworden. Anders als in den Wochen, in denen Johannes Paul II. im Sterben lag, gibt es keinen klaren Favoriten. Gewiss werden die italienischen Kardinäle darauf dringen, nach zwei ausländischen Päpsten wieder einen italienischen Oberhirten zu wählen. Der Erzbischof von Mailand, Angelo Scola, hätte aus diesem Kreise die besten Aussichten, aber auch der Erzbischof von Genua, Angelo Bagnasco, wird als Vorsitzender der Bischofskonferenz genannt. Vor Jahren hieß es, auch mit dem Präsidenten des Kulturrates, Kardinal Gianfranco Ravasi, sei stets zu rechnen, doch von ihm wird kaum noch gesprochen. Viele Kardinäle aus anderen Ländern halten die Italiener ohnehin nicht für geeignet, nötige Reformen ins Werk zu setzen.
Es sei aber noch nicht Zeit für einen afrikanischen Papst, geben Kenner im Vatikan mit Blick auf den ghanaischen Kardinal Peter Turkson zu bedenken, der den päpstlichen Rat für Gerechtigkeit leitet. Wenn das Mehrheitsmeinung ist, scheidet auch Kardinal Robert Sarah aus Guinea aus, der das Sozialwerk Cor Unum lenkt. Eher schon richten Fachleute den Blick nach Westen. Oscar Rodriguez Maradiaga aus Honduras, der Chef von Caritas International, war schon 2005 von vielen für „papabile“ gehalten worden. Noch öfter wird diesmal aber Marc Ouellet genannt. Der 1944 geborene, kanadische Chef der Bischofskongregation, der wie Ratzinger mit dem schweizerischen Theologen Hans Urs von Baltasar verbunden war. Ouellet wurde erst kürzlich wieder zu einer Privataudienz von Benedikt empfangen; das widerfuhr ihm häufiger als anderen Kardinälen. Der scheidende Papst gab Ouellet immer wieder Gelegenheit, sich zu profilieren. Die nutzt der Kanadier - aber eine Wahl zum Papst wäre für ihn „ein Albtraum“, gestand er im Juni 2011.
Benedikt XVI. will nach seinem Amtsverzicht in das bisherige Karmel-Kloster im Vatikan ziehen, gab unterdessen Vatikansprecher Pater Federico Lombardi bekannt. Dort wolle er ein Leben in Gebet und Meditation führen.
Bildtext richtig:
Carsten Berg (Carberg)
- 13.02.2013, 10:49 Uhr
Er arbeitet völlig Transparent und sagt genau das, was er denkt
Klaus Letis (odysseus_8)
- 12.02.2013, 23:20 Uhr
Bild: Wir sind Rente
Jacob White (jacobwhite)
- 12.02.2013, 02:54 Uhr
Hmmm...
Bastian Voigtmann (bvoigtm)
- 11.02.2013, 23:58 Uhr
Danke lieber Papst
ulrich moskopp (ulrichmoskopp)
- 11.02.2013, 23:04 Uhr