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Papst Johannes Paul II. Der Karlspreis für einen "großen geistigen Führer"

 ·  Papst Johannes Paul II. in Rom ausgezeichnet / "Ein Europa ohne selbstsüchtige Nationalismen"

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Seinen "Traum von Europa" hat Papst Johannes Paul II. am Mittwoch in Rom bei der Annahme des "Außerordentlichen Internationalen Karlspreises zu Aachen" entworfen. In einer Feierstunde im Apostolischen Palast im Vatikan sprach der Papst von einem "Europa ohne selbstsüchtige Nationalismen", "dessen Einheit in einer wahren Freiheit gründet". Er denke an ein Europa, das offen sei für "einen jeden Menschen in Not und für jene Länder, die nach sozialer Sicherheit streben". Ein Europa, "das auf dem Humus des Christentums gereift", doch nun "in verschiedenen Formen entfaltet ist".

Der Karlspreis, der als einer der bedeutendsten europäischen Ehrenpreise gilt, wurde gemäß der Begründung des Aachener Preisdirektoriums dem Papst wegen seines herausragenden Beitrags für den europäischen Integrationsprozeß und sein besonderes Bemühen, von Europa aus Einfluß auf die Gestaltung der Weltordnung zu nehmen, zuerkannt. In seiner Dankesrede sagte der Papst, er denke auch an ein Europa, in dem die großen Errungenschaften der Wissenschaft, der Wirtschaft und des sozialen Wohlergehens sich nicht auf einen sinnentleerten Konsumismus richteten: "Möge Europa, das in seiner Geschichte so viele blutige Kriege hat erleiden müssen, ein tätiger Faktor des Friedens in der Welt sein."

In seiner Rede forderte der Papst auch die Stärkung der Familie. Wie könne eine junge Generation erstehen, die empfänglich sei "für das Wahre, das Schöne, das Edle, für das, wofür es sich lohnt, Opfer zu bringen, wenn in Europa die Familie nicht mehr eine gefestigte Einrichtung darstellt, die offen ist für das Leben und für selbstlose Liebe"?

Um die Ehrung, die zum ersten Mal in der fünfzigjährigen Geschichte des Karlspreises verliehen wird, zu überreichen, ist eine Delegation von etwa 150 Teilnehmern nach Rom gereist. Dazu zählten auch die früheren Preisträger Tindemans, Scheel, Colombo und Frère Roger, der Gründer der ökumenischen Gemeinschaft von Taizé, sowie der diesjährige Preisträger, der Präsident des Europäischen Parlaments, Cox, der im Mai ausgezeichnet wird. Von Seiten der Bundesregierung nahm Gesundheitsministerin Schmidt teil, die aus Aachen stammt. Für Nordrhein-Westfalen war Ministerpräsident Steinbrück awesend. Es ist das erste Mal, daß der Papst eine weltliche Auszeichnung annimmt. Mit der Preisvergabe wolle das Direktorium des Karlspreises, sagte Aachens Oberbürgermeister Linden, "einer außergewöhnlichen Persönlichkeit für außergewöhnliches Engagement" Dank sagen und eine "überzeugende Vision eines überzeugenden Visionärs stärken". Europa erlebe den Papst als "einen der großen geistigen Führer, als vitalen und konstruktiven Mittelpunkt im europäischen Entwicklungsprozeß, als Leitstern vor allem für viele junge Menschen bei der Suche nach ihrem Lebensweg".

Quelle: P.S./hjf. ; Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.03.2004, Nr. 72 / Seite 1
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