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Paolo Gentiloni : Ein „proletarischer Graf“ soll Italien lenken

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Paolo Gentiloni Bild: dpa

Der italienische Außenminister Paolo Gentiloni bekommt die undankbare Aufgabe, eine Übergangsregierung zu bilden. Sein größter Vorzug: Er ist ein allseits geschätzter Kommunikationsexperte.

          Alles lief zum Schluss auf den italienischen Außenminister Paolo Gentiloni zu. Am Sonntag beauftragte dann Staatspräsident Sergio Mattarella tatsächlich den „proletarischen Grafen“ mit der undankbaren Aufgabe, als Nachfolger von Matteo Renzi eine Übergangsregierung zu bilden, die vor allem die Wahlgesetze für Senat und Abgeordnetenhaus schreiben und Italien in vorgezogene Wahlen spätestens im Sommer 2017 führen soll.

          Für den 1954 in Rom geborenen Gentiloni ist das freilich eine Chance; denn über all die Jahre seines politischen Engagements war es bisher dem „Mann der zweiten Reihe“ aus Renzis „Partito Democratico“ (PD) nicht gelungen, ins Scheinwerferlicht zu rücken. Dabei war Gentiloni schon von 2006 bis 2008 Kommunikationsminister in der Regierung von Romano Prodi und führt seit dem 31. Oktober 2014 als Nachfolger der EU-Außenbeauftragten Federica Mogherini das Außenministerium. In diesem Amt machte er sich als getreuer Gefolgsmann seines Ministerpräsidenten einen Namen, mit dem er nie solche Spannungen hatte wie einst Mogherini mit Renzi.

          Der Wahlkampf wird ruppig

          Diese Verbindung zu Renzi prädestiniert Gentiloni nun auch zu dessen Nachfolge. Denn zwar will Renzi von allen Regierungslasten befreit sein, um sich und seine Partei unbelastet in einen mutmaßlich ruppigen Wahlkampf gegen die Populisten von allen Seiten zu führen. Zugleich aber hofft Renzi darauf, dass sein Statthalter im Palazzo Chigi Italien in seinem Sinne so weiter lenken wird, dass er nach dem erhofften Wahlsieg im kommenden Jahr eine erfolgreichere zweite Regierungsära beginnen kann.

          Staatspräsident Mattarella wollte eine stabile Regierung, die Italien nach drinnen wie draußen vertrauenswürdig weiter lenken kann. Das hätte auch der derzeitige Wirtschafts- und Finanzminister Pier Carlo Padoan erreichen können, der als Kandidat genannt wurde. Doch gegen seine Berufung spricht, dass Padoan in der Banken- und Finanzkrise nicht ersetzbar erscheint. Er dürfte mithin auch zum Kabinett Gentiloni gehören.

          Für den Kommunikationsexperten und Politologen Gentiloni als Regierungschef spricht schließlich, dass er zu keinem der nun mit Renzi hadernden PD-Lager gehört. Er hat vielmehr nicht nur zu den Christdemokraten Renzis und der Gruppe um Kulturminister Dario Franceschini beste Kontakte; er wird auch von der Linken im PD geschätzt: von der Fronde der Altkommunisten um Massimo D'Alema und den Sozialisten um Pier Luigi Bersani, auch wenn Gentiloni als „moderner Sozialdemokrat“ wie Gerhard Schröder oder Tony Blair gesehen werden möchte. Gentiloni ist mithin ein Kompromisskandidat, der keine eigene Rolle spielen dürfte, wenn in den nächsten Monaten der innerparteiliche Konflikt zwischen Renzis Mehrheits-PD und den Linken austragen werden dürfte.

          Gentiloni hat nämlich von beiden Flügeln etwas. Er wurde streng katholisch erzogen, riss aber als Jugendlicher aus, um ins sozialistische Lager zu wechseln. Schließlich fand er über den früheren Bürgermeister von Rom Francesco Rutelli und Ex-Regierungschef Prodi im PD seine politische Heimat. 2012 wollte ihn Renzi zum Bürgermeister Roms wählen lassen. Doch damals setzte sich der linke und längst gescheiterte Ignazio Marino durch.

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