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Veröffentlicht: 03.10.2015, 15:45 Uhr

Asien und der Westen „Nationalsozialismus war der Zwillingsbruder des Imperialismus“

Der indische Schriftsteller Pankaj Mishra über den Aufstieg Asiens, europäische Überlegenheitsgefühle und die Verklärung der Vergangenheit.

von Tahir Chaudhry
© dpa Der indische Essayist, Literaturkritiker und Schriftsteller Pankaj Mishra

Wenn Menschen in Asien über den Westen nachdenken, welche historischen Ereignisse sind im kollektiven Gedächtnis gespeichert, die das Bild des Westens bestimmen?

Es gibt eine Beziehung zwischen Teilen Asiens und manchen westlichen Staaten, die durch den Imperialismus geprägt ist. Da denkt man in erster Linie an Frankreich und Großbritannien mit ihren Kolonien. Aber es sind auch die Vereinigten Staaten mit ihrer militärischen Präsenz in großen Teilen Asiens. Das sind Tatsachen, an denen die Asiaten durch ihre nationalen Eliten, Politiker, Medien und Geschichtsbücher immer wieder erinnert werden. Das wiederholte Erinnern an das zugefügte Leid, die Ausbeutung und Demütigung ist gerade für asiatische Eliten sehr nützlich, um sich selbst zu legitimieren und ein nationalistisches Narrativ zu konstruieren. Weil diese Erinnerungen meist nicht den Alltag eines Asiaten bestimmen, werden sie künstlich am Leben gehalten.

Die Form des Imperialismus, dessen Zeuge die Welt in den vergangenen Jahrhunderten wurde, scheint überwunden. Ist die Idee des Imperialismus gänzlich ausgestorben?

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Nein. Wenn wir noch weiter zurückgehen als die letzten beiden Jahrhunderte, sehen wir eine sehr alte Form des Imperialismus, die einen großen Teil der Menschheitsgeschichte abdeckt. Vordergründig ging es dabei um das territoriale Expansionsstreben oder um den Hoheitsanspruch einer Herrscherfamilie. Beispielhaft wäre da das Osmanische Reich, das Mogulreich, wenn man etwas weiter zurück möchte: das Persische Reich und das Römische Reich. Was wir dann im 19. Jahrhundert sehen, ist ein anderer Imperialismus. Es sind Nationalstaaten, die in fremde Länder einmarschieren und sie besetzen, um einen Vorsprung zu anderen Nationalstaaten aufzubauen, die dasselbe tun. Die jüngsten Formen des Imperialismus haben keine nationalen Zentren. Es gibt den Imperialismus des Kapitals. Wir sehen eine Wirtschaft, in der Produktion und Konsum eng miteinander verknüpft sind und die in alle noch so abgelegenen Ecken der Welt eindringt.

Die Idee von der Überlegenheit bestimmter Völker, die Invasion und Besetzung von Territorien lässt sich durch die gesamte Menschheitsgeschichte hinweg beobachten. Was war so anders am westlichen Imperialismus des 19. und 20. Jahrhunderts?

Das war einfach der mächtigste Imperialismus der Menschheitsgeschichte, denn er wurde getragen von der industriellen und wissenschaftlichen Revolution. Die Mittel, die zur Verfügung standen, um ganze Gesellschaften zu erobern, waren unvergleichlich. Die Briten konnten beispielsweise Sklavenarbeiter vom afrikanischen Kontinent zur Karibik oder von Indien zum Pazifik transportieren. Dieses Ausmaß hatte die Welt noch nicht gesehen. Dieser Imperialismus war konzipiert worden, um Gewinne zu erzielen und nicht nur Territorien zu erweitern.

Nach dem Ende des westlichen Imperialismus der Nationalstaaten kam der Aufstieg eines faschistisch-totalitären Nazi-Deutschlands. Könnte man die westlich-imperialistische Mentalität und den Kolonialismus als Geburtshelfer von Hitler bezeichnen?

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Quelle: wahlrecht.de
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