Home
http://www.faz.net/-gpf-12ixz
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Pakistan Die Angst der Saudis vor den Taliban

17.05.2009 ·  Seit Jahrzehnten ist Pakistan für Saudi-Arabien ein strategischer Verbündeter. Doch nun fürchtet das Königreich eine Wiederholung dessen, was sich 1995 und 1996 in Afghanistan ereignete: die Einnahme selbst großer Städte durch die Taliban.

Von Rainer Hermann, Riad
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Mit großer Aufmerksamkeit und Sorge verfolgt Saudi-Arabien die Entwicklung in Pakistan. Das Königreich fürchtet vor allem, dass sich in Pakistan das wiederholen könnte, was sich 1995 und 1996 in Afghanistan ereignet hatte: dass die Taliban in kurzer Zeit das Land aufrollen und selbst große Städte einnehmen könnten.

Saudi-Arabien setzt auf die pakistanische Armee, der allein es zutraut, den Vormarsch der Taliban zu stoppen.

Gegengewicht zur Sowjetunion

Beide Staaten sind eng miteinander verbunden. Saudi-Arabien ist die Führungsmacht der islamischen Welt mit den beiden heiligen Stätten Mekka und Medina, Pakistan hat als einziges islamisches Land eine Atombombe entwickelt. Seit Jahrzehnten ist Pakistan für Saudi-Arabien ein strategischer Verbündeter, mit dem es sich auch emotional verbunden fühlt.

König Faisal, der von 1964 bis 1975 regierte, hatte Pakistan aus zwei Gründen eng an sich und an den Westen binden wollen. Zum einen hatte der Kalte Krieg zwischen Ost und West seine eisigsten Temperaturen erreicht; Indien, der Erzfeind Pakistans, stand der Sowjetunion nahe.

Zum anderen setzte der Ägypter Nasser mit seiner panarabisch-nationalistischen Bewegung die konservativen, prowestlichen Staaten der arabischen Welt unter Druck. Aufgrund der Israel-Politik der Vereinigten Staaten sympathisierten Nasser und seine Anhänger ebenfalls mit der Sowjetunion.

Tausende pakistanische Soldaten in Saudi-Arabien

König Faisal entwickelte daher zu Pakistan enge Beziehungen, die verhindern sollten, dass auch Pakistan in das Lager des Warschauer Pakts abgleiten oder der säkularistischen Politik Nassers folgen könnte. Dazu arbeitete er mit den pakistanischen Präsidenten Ayub Khan, Yahya Khan und Zulfikar Ali Bhutto zusammen.

In Anerkennung der Verdienste Faisals um die engen bilateralen Beziehungen benannte Pakistan eine Stadt und eine große Moschee in der Hauptstadt Islamabad nach ihm. Piloten der pakistanischen Luftwaffe beteiligten sich 1969 an einem kurzen Krieg Saudi-Arabiens gegen das sozialistische Südjemen, und von da an waren mehr als 10.000 pakistanische Soldaten in Saudi-Arabien stationiert. Im Gegenzug finanzierte Saudi-Arabien in Pakistan den Bau neuer Moscheen.

Saudi-Arabien hatte während des Kriegs gegen Indien auf der Seite Pakistans gestanden und lehnte 1971 aus Furcht vor einem weiteren Erstarken Indiens die Abspaltung Bangladeschs von Pakistan ab. Auch im Konflikt um Kaschmir unterstützte Saudi-Arabien bedingungslos Pakistan, und beide Staaten förderten in den achtziger Jahren die afghanischen Mudschahedin in deren Kampf gegen die Rote Armee.

Anerkennung der Taliban

Als einzige Staaten überhaupt erkannten daher Saudi-Arabien und Pakistan, lediglich ergänzt um die Vereinigten Arabischen Emirate, die Herrschaft der Taliban in Afghanistan diplomatisch an. Spannungen traten zwischen beiden lediglich auf, als die pakistanische Armee 1990 die irakische Invasion in Kuweit guthieß.

Als Pakistan seine Atombombe testete, lieferte Saudi-Arabien in den neunziger Jahren dennoch in Erwartung von Wirtschaftssanktionen billiges Erdöl an die erste islamische Atommacht. Möglicherweise hatte Saudi-Arabien auch das pakistanische Atomprogramm finanziell unterstützt.

Noch heute sind die Beziehungen zwischen den beiden Staaten und Regierungen sehr eng. Die Pakistanis suchen in Riad politischen Beistand und Rat, auch der saudischen Geheimdienste, wie in diesen Tagen. Saudi-Arabien wiederum liefert billiges Erdöl und diente lange als Vermittler zu den Vereinigten Staaten.

Vergebliche Suche nach moderaten Taliban

Am meisten fürchtet Saudi-Arabien, dass ein Ausbreiten der Taliban auf die schwierig zu regierende Nordwestgrenzprovinz Pakistans dem Terrornetz Al Qaida neue Energie zuführen könnte und damit zu einer Bedrohung auch für Saudi-Arabien werden könne. Daher hatte der saudische König Abdullah Ende 2008 positiv auf eine Bitte des afghanischen Präsidenten Karzai reagiert.

Er bat die Saudis, im südlichen Afghanistan „moderate“ und gesprächsbereite Taliban zu benennen, mit denen ein politischer Dialog möglich sei. Saudi-Arabien nannte als Hauptbedingung für die Aufnahme von Gesprächen, dass sich die Taliban klar von Al Qaida zu distanzieren hätten. Als Folge meldeten sich nur wenige Taliban, und die Aktion wurde ein Misserfolg.

Den saudischen Politikwissenschaftler Saleh Khathlan von der König-Saud-Universität in Riad überraschte das nicht. Die Taliban hätten einen Ansatz, der es schwierig mache, sie von Al Qaida zu unterscheiden. Es sei naiv anzunehmen, es gebe gemäßigte Taliban. Das gelte umso mehr, als die Angriffe amerikanischer Drohnen auf Dörfer, bei denen viele Zivilisten getötet wurden, die Taliban weiter radikalisierten. Das trage nicht zur Mäßigung bei.

Mehr Sympathien für Sharif

Groß ist in Saudi-Arabien die Unterstützung für die pakistanische Armee. Sie gilt als einziger Garant für die Einheit Pakistans. Denn sie setze sich aus Soldaten aller Landesteile zusammen, und sie sei in erster Linie dem Staat Pakistan gegenüber loyal. Vernichtend fällt indessen die Kritik an den pakistanischen Politikern aus, denen ranghohe Saudis vorwerfen, sie verfolgten nur persönliche Interessen, hätten die Einheit des Landes nicht im Blick und seien nicht fähig, persönliche Fehden hinter das Staatsinteresse zurückzustellen.

Vor allem vertrauen die Saudis dem Staatspräsidenten Zardari nicht, den sie für hoch korrupt halten und dem sie vorwerfen, er treibe das Land in afghanische Verhältnisse und in die Spaltung. Saudi-Arabien hält sich daher mit großzügigen Spenden an ein Pakistan unter Zardaris Führung zurück. Auch mit dem Oppositionsführer Nawaz Sharif ist Saudi-Arabien wegen dessen Konfliktstrategie nicht einverstanden. Dennoch genießt er im Königreich mehr Sympathien als Zardari, da er mit einer Prinzessin aus dem Hause Saud verheiratet ist und seine Exiljahre in Saudi-Arabien verbracht hat.

Auch das Vorgehen des Westens in Pakistan und Afghanistan stößt in Saudi-Arabien auf Kritik. Die amerikanischen Drohnenangriffe auf pakistanische Dörfer schüfen mehr Taliban, als sie töteten, heißt es. Zudem empfehlen einflussreiche Persönlichkeiten Saudi-Arabiens dem Westen und der Nato, ihre Soldaten aus Afghanistan abzuziehen. Denn noch nie habe eine fremde Armee die Afghanen in die Knie zwingen können, von Alexander dem Großen bis zur Roten Armee. Man solle die Vertreibung der Taliban und von Al Qaida der lokalen Bevölkerung überlassen, lautet der Rat. Die sei der nichtafghanischen Dschihadisten längst überdrüssig. Damit könnten sie den Erfolg haben, der Fremden nicht möglich sei.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1956, Korrespondent für Wirtschaft und Politik in der arabischen Welt mit Sitz in Abu Dhabi.

Jüngste Beiträge

Die Wahl der Ägypter

Von Wolfgang Günter Lerch

Die Ägypter haben sich in der ersten Runde der Präsidentenwahl für Kandidaten entschieden, die für Sicherheit stehen. Denn seit dem Sturz Mubaraks hat die öffentliche Ordnung im Land gelitten. Mehr