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Pädophilie : Ein grausames Experiment

Bischöfe wollen „sexuelle Missbrauchsfälle mit allen Mitteln aufdecken” Bild: ddp

Vor fünf Jahren verfasste die Bischofskonferenz Leitlinien für den Umgang mit pädophilen Geistlichen - geholfen haben sie nicht, wie der jüngste Fall im Bistum Regensburg zeigt. In Fulda ließ Bischof Müller Fragen offen. Von Daniel Deckers.

          Er wolle das Thema mit seinen Mitbrüdern in der Bayerischen und der Deutschen Bischofskonferenz besprechen, sagte Gerhard Ludwig Müller am Freitag vergangener Woche. Der Bischof von Regensburg zeigte sich erschüttert. „Für mich persönlich ist es auch ein unerträglicher Gedanke, dass ein Geistlicher, der im Namen Jesu Christi täglich die heilige Messe feiert und ein Vorbild an Liebe sein soll, ein Kind sexuell missbraucht haben soll“, sagte Bischof Müller.

          Daniel Deckers

          in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.

          Doch unerträglich ist nicht nur der Gedanke, dass Ende August ein Priester des Bistums Regensburg unter dem Vorwurf verhaftet wurde, sich während mehrerer Jahre an einem Ministranten vergangen zu haben. Unerträglich ist auch die Tatsache, dass jener Geistliche sich vor sieben Jahren schon einmal an Kindern vergangen hatte und doch wieder Gelegenheit erhielt, sich im Namen der Kirche Kindern und Jugendlichen zu nähern. (Siehe auch: Missbrauchsaffäre: Druck auf Bischof Müller wächst)

          „Geographische Heilung“?

          Rückblende: Vor genau fünf Jahren gab Kardinal Lehmann zum Abschluss der Herbst-Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz bekannt, dass es nun auch hierzulande „Leitlinien“ für das Verhalten in Fällen gebe, in denen Geistliche sich an Minderjährigen sexuell vergangen hätten. Gemeinsame Regeln hatte es in den 27 Bistümern von Hamburg bis Passau bis dahin nicht gegeben. Lehmann musste auch eingestehen, dass in der Vergangenheit „häufig unangemessen“ reagiert worden sei.

          Der Regensburger Bischof Gerhard Müller
          Der Regensburger Bischof Gerhard Müller : Bild: AP

          Im Klartext: Im Frühjahr 2002 war in den Vereinigten Staaten offenbar geworden, dass es über Jahrzehnte gang und gäbe war, Geistliche, die sich an Kindern oder Jugendlichen vergangen hatten, schlicht in eine andere Pfarrei zu versetzen oder in ein anderes Bistum zu transferieren, wo sie ihrer Perversion von neuem frönen konnten. Bald standen auch die Bischöfe in Deutschland im Verdacht, sich in der Vergangenheit öfter der Hoffnung auf „geographische Heilung“ hingegeben als für die Entfernung von realen oder potentiellen Straftätern aus der Seelsorge gesorgt zu haben.

          Doch während die amerikanischen Bischöfe umfangreiche Untersuchungen über Ausmaß und Art sexueller Verfehlungen von Geistlichen in Auftrag gaben, ließen die Bischöfe in Deutschland die Vergangenheit ruhen. Um verlorenes Vertrauen wiederzugewinnen, verpflichteten sie sich in ihren „Leitlinien“, dass Geistliche, die sich des sexuellen Missbrauchs Minderjähriger schuldig gemacht haben, nach Verbüßung ihrer Strafe künftig nicht mehr in Bereichen eingesetzt würden, „die sie mit Kindern und Jugendlichen in Verbindung bringen“. Das war im September 2002.

          Was wusste der Bischof?

          Der Priester Peter K. war damals 35 Jahre alt und lebte in einem Altersheim südöstlich von Regensburg. Hin und wieder half er sonntags in der nahe gelegenen Kirche von Riekofen aus und gewann schnell an Ansehen. Was die Riekofener nicht wussten: Als Kaplan hatte sich Peter K. in Viechtach im Bayerischen Wald an zwei Ministranten vergangen und war im Sommer 2000 zu einer Freiheitsstrafe von zwölf Monaten verurteilt worden. Die Strafe wurde unter Auflagen für drei Jahre zur Bewährung ausgesetzt.

          Eine davon: Psychotherapie. Eine andere: kein Kontakt mit Kindern und Jugendlichen. Doch Peter K. ging schon bald wieder eigene Wege. Seit Januar 2001 sei Peter K. in der Seelsorge tätig gewesen „und hat schon damals mit intensiver Ministrantenarbeit begonnen“, heißt es in einer Stellungnahme der Gremien der Pfarreien Riekofen und Schönach vom 8. September 2007. Bischof Müller wusste von dem neuerlichen Umgang des diensteifrigen Geistlichen mit Kindern und Jugendlichen nichts. „Der Bischof hatte erst Mitte 2003 Kenntnis von der liturgischen Aushilfstätigkeit von Peter K.“, so das Ordinariat am Donnerstag in einer Stellungnahme gegenüber dieser Zeitung.

          „Einmaliges, regressives Verhalten“?

          Aber: „Die Personalverantwortlichen wussten davon bereits früher. Die Aushilfstätigkeit beschränkte sich nach Wissen der Verantwortlichen auf den liturgischen Bereich. Dies war auch mit dem Therapeuten abgesprochen.“ Als die dreijährige Bewährungszeit zu Ende ging, war Peter K. „allgemein sehr beliebt und als Seelsorger anerkannt“ (Müller). Sein Therapeut, ein Facharzt für Neurologie und Psychotherapie, bescheinigte dem Bistum im Sommer 2003 in einem sieben Seiten umfassenden Gutachten, der Geistliche sei nicht „pädophil fixiert“.

          Die Tat in Viechtach sei auf ein „einmaliges, regressives Verhalten“ zurückzuführen, so dass einem neuerlichen Einsatz in der Seelsorge keine Bedenken entgegenstünden. Einen zweiten Gutachter, der das positive Urteil des Therapeuten über seinen Klienten hätte überprüfen können, zogen die Personalverantwortlichen des Bistums Regensburg nicht zu Rate.

          „Abänderbare Pädophilie“?

          Mit dem Gutachten war für das Bistum indes auch die Frage beantwortet, ob die „Leitlinien“ der Bischofskonferenz, die mittlerweile auch im Bistum Regensburg Gesetzeskraft erhalten hatten, einem neuerlichen Einsatz des Geistlichen in der Pfarrseelsorge entgegenstünden: Das Ergebnis der Beratungen lautete nein. Denn diese, so das Bistum im Juli dieses Jahres, träfen „in dem konkreten Fall nicht zu, da sie sich auf Pädophilie beziehen, die ,strukturell nicht abänderbar' und damit nicht behandelbar ist, sowie auf Ephebophilie (Neigung zu Jugendlichen), die ,als nur zum Teil veränderbar gilt'“ - eine eigenwillige, dem Sinn der Leitlinien diametral zuwiderlaufende Interpretation.

          Doch ganz ohne Rückversicherung wollte man den Geistlichen nicht wieder in der Seelsorge einsetzen. Mit einem Anruf bei der Richterin, die im Jahr 2000 den Strafbefehl gegen Peter K. erlassen hatte, wollte das Bistum herausfinden, ob die Justiz Bedenken gegen die Wiedereinsetzbarkeit von Peter K. in der Pfarrseelsorge hege. „Dies wurde verneint“, beteuert die Bistumsleitung heute. Die Richterin, die heute als Staatsanwältin arbeitet, kann sich nicht an solche Auskunft erinnern. „Sie sei gefragt worden, ob der junge Geistliche wohl sein ganzes Leben in einem Altersheim verbringen solle“, erläuterte der Pressesprecher des Nürnberger Oberlandesgerichts, Andreas Quentin dieser Zeitung.

          Und: Ob es möglich sei, Peter K. wieder in der Pfarrseelsorge einzusetzen? Das sei „denkbar“, lautete die Antwort, doch nur unter zwei Bedingungen: „kein Kontakt zu Kindern und Jugendlichen“ und „nicht ohne Aufsicht“. Im September 2004 wurde Peter K. von Bischof Gerhard Ludwig Müller zum Pfarradministrator von Riekofen und Schönach ernannt - „auf Wunsch der Gremien der Pfarrei“, wie das Bischöfliche Ordinariat beteuert. Bald erteilte er in der Schule des Nachbarortes Sünching Religionsunterricht.

          „Nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt“?

          Am 30. August 2007 wird Peter K. unter vom Vorwurf verhaftet, sich zwischen dem Jahr 2003 und dem Jahr 2006 mehrfach an einem Minderjährigen sexuell vergangen zu haben. Drei Wochen später stellt sich das Domkapitel vor Bischof Müller und erklärt, alle Beteiligten hätten im Jahr 2004 „nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt“. In Fulda sprachen die Bischöfe am Donnerstag über das Thema „sexueller Missbrauch“ und „Verbindlichkeit der Leitlinien“.

          Am Freitag bedauerte Kardinal Lehmann „zutiefst alle Schäden, die bei den Opfern und ihren Familien entstanden sind“, und bekräftigte die Entschlossenheit aller Bischöfe, „alles zu tun, um sexuellen Missbrauch mit allen Kräften aufzudecken“. (Siehe auch: Bischofskonferenz: „Vorfall von ungeheurer Schädlichkeit“)

          In Riekofen und Schönach spricht man unterdessen von einem „grausamen Experiment mit den Seelen unserer Kinder“.

          Quelle: F.A.S.

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