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Ostdeutschlands Männer Zurückgelassen in der Ödnis

Dem Frauenmangel in Ostdeutschland will ein Bürgermeister nun mit finanziellen Anreizen begegnen. Dabei ist das Geld nur ein Grund für die weibliche Abwanderung. Ein anderer sind die überkommenen Männerbilder des Ostens. FAZ.NET-Spezial mit Kommentar.

© ddp Vergrößern Pioniere sind Ostdeutschlands Jungen schon lange nicht mehr

Der Freitaler Bürgermeister reagierte als einer der ersten ostdeutschen Politiker auf die Studie des „Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung“, laut der es in vielen ostdeutschen Regionen weniger Frauen gibt als selbst in schwedischen und finnischen Polarkreisregionen. Klaus Mättig (CDU) will jungen Frauen, die in seine Stadt ziehen, 2000 Euro zahlen, wie er in der „Bild“-Zeitung ankündigte.

Auch Bundesverkehrsminister Tiefensee (SPD) meldete sich zu Wort. Um die Abwanderung zu stoppen, werde er im Juli zwei Modellregionen benennen, in denen erprobt werden solle, wie eine gute Versorgung in dünnbesiedelten Gebieten aufrechterhalten werden kann. Beide Vorschläge sind allenfalls gut gemeint. Denn qualifizierte Leute und vor allen junge Frauen verlassen den Osten nicht deswegen, weil ihnen bisher niemand 2000 Euro zahlt oder weil ihnen die nun von Tiefensee angekündigte mobile ärztliche Versorgung, Mehrgenerationenhäuser und rollende Bibliotheken fehlen.

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Demographischer Wandel als Wachstumshemmnis

Ostdeutschland hat seit der Wende fast ununterbrochen mit der starken Abwanderung gerade der Gebildeten zu kämpfen. Etwa 1,5 Millionen Menschen verließen seit 1990 ihre Heimat. Besonders betroffen sind die ländlichen Gebiete, die demographisch gesehen längst Krisengebiete sind.

Frauenanteil an Hochschulen liegt bei mehr als 50 Prozent © ddp Vergrößern Junge Frauen werden früher zielstrebig als ihre Altersgenossen

Die Frauenmangelzone umfasst nicht nur Randgebiete wie die Oberlausitz, Uecker-Randow oder Parchim, sondern beginnt, wie das Beispiel Freital zeigt, gleich hinter der Stadtgrenze so blühender Städte wie Dresden. Die sächsische Landeshauptstadt konnte ihre Bevölkerung in den vergangenen Jahren ebenso wie Leipzig, die thüringische Städtekette von Erfurt über Jena nach Eisenach oder wie Potsdam vor allem dank des massiven Zuzugs aus dem Umland stabilisieren.

Bald wird dieser Vorrat ausgeschöpft sein. Sogar die wenigen ostdeutschen Leuchttürme geraten also bald in Gefahr, zumal die Konkurrenz um die klugen Köpfe durch den demographischen Wandel auch im Westen noch zunehmen wird. Der demographische Wandel wird im Osten zum größten Wachstumshemmnis werden; schon jetzt fehlen in manchen Betrieben Facharbeiter und Ingenieure.

Trödeln in der entscheidenden Lebensphase

Dass unter den Abwanderern besonders viele Frauen im gebärfähigen Alter sind, hat in der ersten ostdeutschen Abwanderungsanalyse schon Ende 2002 das Statistische Landesamt des Freistaats Sachsen herausgearbeitet. Die Forscher vom „Berlin-Institut“ legen in ihrer Studie „Not am Mann“ nun umfassend Gründe für den weiblichen Exodus dar.

Ihre Erkenntnisse bestätigen, was schon bisher beobachtet werden konnte: Männer neigen in ihrer Lebens- und Berufsplanung zum Trödeln. Frauen dagegen haben biologisch bedingt weniger Zeit, alles unter einen Hut zu bringen: eine gute Ausbildung zu machen, einen ebenbürtigen Partner zu finden, Kinder zu bekommen. Im Osten erzeugt das einen ganz besonderen Druck.

Alte Denk- und Geschlechtermuster

Die Berliner Studie führt vor Augen, dass das Phänomen Frauenabwanderung nur zu verstehen ist, wenn die speziellen Probleme junger ostdeutscher Männer bekannt sind. Denn im Vergleich zu ihren männlichen Altersgenossen haben junge ostdeutsche Frauen erhebliche Vorteile. Zwar erzielen Mädchen in ganz Deutschland bessere Schulabschlüsse als Jungen, im Osten aber schneiden sie sogar deutlich besser ab.

Zudem fehlt es (nicht anders als im Westen) schon im Kindergarten an männlichen Vorbildern. Besonders im Osten setzt sich das in der Grundschule fort. Die Zahl der alleinerziehenden Mütter ist in den neuen Ländern im Bundesvergleich besonders hoch. Hinzu kommt, dass junge Männer, nicht selten unterstützt von ihren Eltern, alten Denk- und Geschlechtermustern nachhängen: Sie streben klassische Ausbildungen im Bau, im Handwerk oder im verarbeitenden Gewerbe an. Dabei gingen gerade hier in den vergangenen zehn Jahren besonders viele Arbeitsplätze verloren.

Keine jungen Pioniere

Anders als ihre männlichen Altersgenossen fügen sich Mädchen seltener in ihr vermeintliches Schicksal, sind (auch weil sie bessere Schulabschlüsse haben) deutlich häufiger willens, sich an Schulen und Hochschulen weiterzubilden, was dann wiederum die Abwanderungsbereitschaft begünstigt. So entstehen Regionen mit Männerüberschuss heute nicht mehr etwa wie in der Kolonisierungsphase Amerikas oder auch während des Mittelalters bei der Besiedelung des Erzgebirges durch das Vordringen junger Pioniere, sondern durch das Zurückbleiben wenig gebildeter junger Männer, die keine Chance auf Arbeit und Partnerschaft haben. Diese zurückgelassenen Männer neigen im Osten zum Rechtsextremismus. Ein Teil dieser Unterschicht hat den Willen zum sozialen Aufstieg längst verloren. Das ist der wesentliche Unterschied zum Proletariat des neunzehnten Jahrhunderts.

So bedrückend das ist: Eine schnelle Lösung ist nicht in Sicht. Auch die Berliner Studie macht das gerade in ihren Empfehlungen deutlich, wo von neuen Rollenbildern und Kommunikationstraining für Jungen ebenso die Rede ist wie von der Notwendigkeit, mehr männliches Personal in Kindergärten und Grundschulen einzusetzen.

Mehr Investitionen für die Bildung

Der Ruf nach mehr Männerverstehern, nach Vorbildern, Anspornern, Grenzensetzern und Beratern ist berechtigt. Letztlich aber geht es doch vor allem um die Frage, wie die Wirtschaft im Osten weiterentwickelt werden kann, damit dort mehr Chancen für Frauen wie für Männer entstehen.

Dafür ist es nötig, künftig mehr in Bildung zu investieren - auch auf die Gefahr hin, dass dann die Zahl qualifizierter Männer steigt, die wie ihre weiblichen Altersgenossen abwandern. Schließlich trägt, wie es in der Studie des „Berlin-Instituts“ heißt, ein in Stuttgart arbeitender Brandenburger mehr zur volkswirtschaftlichen Wertschöpfung und zum eigenen Wohlbefinden bei als ein arbeitsloser Brandenburger in Cottbus.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung

 
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