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Ostdeutschland Die Explosion des Wohlstands

 ·  Die Misere im Osten Deutschlands ist Folge der DDR. Heute gilt es zu entscheiden: weniger Transfers und mehr Selbstbewußtsein - oder viel Geld und wenig Selbstbewußtsein. Der Versuch einer Bilanz.

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Muß es in Deutschland überall gleichwertige Lebensverhältnisse geben? Aufgeregt debattiert die Republik über die Äußerungen des Bundespräsidenten. Doch in der Diskussion geht es mehr um Stimmungen als um Fakten. Schaut man genauer hin, dann merkt man jedoch schnell, daß vom großen Unterschied zwischen Ost und West keine Rede sein kann.

Dank hoher Transferzahlungen haben sich die materiellen Lebensbedingungen in Ost- und Westdeutschland seit Mitte der neunziger Jahre weitgehend angeglichen. Und wo es im Einkommen oder auf dem Arbeitsmarkt noch Unterschiede gibt, sind das meist Folgen der Teilung - und nicht des Vereinigungsprozesses. Ziemlich groß sind indes noch immer die mentalen Unterschiede zwischen Ost und West.

Die Ausgangslage gerät aus dem Blick

Und offensichtlich hat eine Mehrheit der ostdeutschen Bevölkerung noch immer Vorbehalte gegenüber der politischen und gesellschaftlichen Ordnung der Bundesrepublik. Weil hier aber ein nicht unbeträchtliches Konfliktpotential lauert, wird das Thema in der öffentlichen Auseinandersetzung meist heruntergespielt. So ist es kein Zufall, daß alle Bundesregierungen nach 1990 versucht haben, die tatsächlichen Kosten der Vereinigung regelrecht zu verschleiern.

Allzu oft gerät die Ausgangslage aus dem Blick: Die Wirtschaftskraft der zentralverwalteten Ökonomie der DDR erreichte gerade einmal ein Drittel des westdeutschen Niveaus, was dem Zustand der alten Bundesrepublik Ende der fünfziger Jahre entspricht. Die Infrastruktur war ebenso wie der Maschinenpark hoffnungslos veraltet und weitgehend verschlissen; viele Wohnungen befanden sich in menschenunwürdigem Zustand. Die DDR wirtschaftete ohne jede ökologische Rücksicht. Die Lebenserwartung war deutlich niedriger als in der Bundesrepublik, die Selbstmordrate nahezu doppelt so hoch.

Verspäteter Wertewandel

In ihrer Sozialstruktur und den vorhandenen Wertemustern fielen die Deutschen in Ost und West ebenfalls beträchtlich auseinander. In den achtziger Jahren stand eine erstarrte ostdeutsche Sozialstruktur mit nivellierender Grundausrichtung einer relativ dynamischen, für soziale Auf- und Abstiege gleichermaßen offenen westdeutschen gegenüber. In den späten sechziger Jahren setzte in der westlichen Welt ein Wertewandel ein: Sogenannte postmaterielle Werte nahmen an Bedeutung zu.

Dieser Wandel erreichte die DDR-Bevölkerung erst verspätet und nur in abgeschwächter Form. Bis zum Schluß hatten traditionelle Werte wie Ordnung, Sauberkeit, Sparsamkeit einen höheren Stellenwert als in der Bundesrepublik, wie umgekehrt der Individualisierung und Pluralisierung der Lebensstile systembedingt Grenzen gesetzt waren. Die DDR-Gesellschaft erinnerte in mancher Beziehung an bundesdeutsche Verhältnisse 20 bis 25 Jahre zuvor.

Wohlstand ohne Fundament

Das Ende der SED-Diktatur kam - durch Massenflucht und Massendemonstrationen - schnell und überraschend. Die Regierung Kohl entschied sich aus sozialen und politischen Gründen für einen konsumorientierten Vereinigungsweg, der den meisten ostdeutschen Haushalten bis Mitte der neunziger Jahre eine beispiellose Entwicklung des materiellen Lebensstandards bescherte; man kann sie überspitzt als Wohlstandsexplosion ohne wirtschaftliches Fundament bezeichnen.

Zwar lagen damals die Individualeinkommen noch immer weit auseinander; berücksichtigt man aber das unterschiedliche Preisniveau, dann erreichten die ostdeutschen Haushalte schon Mitte der neunziger Jahre etwa 90 Prozent des Westniveaus. Seither stagniert die Einkommensentwicklung, so daß hier der Abstand zum Westen gleich geblieben ist.

Ostdeutsche Haushalte holen auf

Die durchschnittlichen Lebenshaltungskosten liegen im Osten vor allem wegen der niedrigeren Mieten und billigeren Dienstleistungen jedoch noch immer etwa sieben Prozent niedriger. Schaut man genauer hin, wird deutlich, daß die meisten Haushalte in Ost und West weitgehend gleiche materielle Bedingungen haben. Die noch vorhandenen Unterschiede gehen vor allem auf die oberen fünf Prozent im Westen zurück, die das Durchschnittseinkommen verzerren und den Blick auf die Lebenswirklichkeit breiter Bevölkerungsschichten im Westen verdecken.

Gewiß bestehen nennenswerte Unterschiede in der Vermögensstruktur, die systembedingt zu Beginn der Vereinigung weit auseinanderlag. Allerdings haben die ostdeutschen Haushalte auch auf diesem Feld beträchtlich aufgeholt. Waren die ostdeutschen Geldvermögen 1990 etwa ein Fünftel so groß wie die westdeutschen, sind sie heute bei etwas über der Hälfte angelangt.

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Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 19.09.2004, Nr. 38 / Seite 6
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