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Oskar Lafontaine Irrlicht

30.08.2004 ·  Nach seiner doppelten Demission im März 1999 hat Oskar Lafontaine nun zu seinen Wurzeln zurückgefunden, denn das Irrlicht seiner Partei war er schon in den siebziger und achtziger Jahren.

Von Volker Zastrow
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Das Irrlicht der deutschen Politik: so kann man Oskar Lafontaine schon nennen. Spätestens seit er im März 1999 vom Amt des Finanzministers abtrat und zugleich der SPD den höchsten Posten vor die Füße warf, den sie überhaupt zu vergeben, wenn nicht zu verleihen hat: ihren fast von historischem Weihrauch umwölkten Vorsitz.

Lafontaine hatte, fast bis zu diesem Augenblick, als starker Parteivorsitzender gegolten, genaugenommen als der erste starke seit Willy Brandt. Seine Wahl auf dem Mannheimer Parteitag im November 1995 war von der SPD nach dem doppelten Fiasko von Engholm und Scharping wie eine Erlösung aufgenommen worden.

Von Schröder entmachtet

Nicht nur Freunde hatten ihn gewählt. Viele dachten wie Norbert Gansel: „Es ist richtig, daß derjenige, der in der SPD die Macht tatsächlich ausübt, auch formell die Verantwortung trägt." Auch das Ministeramt hatte sich Lafontaine seinen Ansprüchen entsprechend zum Superministerium zuschneiden lassen. Um so überraschender waren die doppelte Demission und der angekündigte Rückzug ins Private.

Doch Lafontaine hatte erkannt, was anderen entgangen war: Er war von Schröder längst entmachtet worden. Daß Lafontaine nach seiner 1990 grandios vermasselten Kanzlerkandidatur keine zweite gelang, auch nicht, als er 1998 das unbestrittene Recht des ersten Zugriffs gehabt hätte, offenbart schon diesen Machtverlust - doch in ihm auch Lafontaines persönliche Schwäche.

Eine Herrschaft im Reich der Rede

Gegen den Kanzler und damaligen Allerweltsliebling Schröder konnte Lafontaine keine Richtlinienkompetenzen mehr geltend machen, jedenfalls nicht auf Augenhöhe, und unter Augenhöhe tat er es nicht. Da zeigte sich wieder, daß Lafontaine mehr als alles andere ein Politiker aus unverfälschtem Ehrgeiz ist. Er will der Überlegene, der Erste sein, der Fürst.

So fand Lafontaine in eine neue Unabhängigkeit als (vor allem) Boulevardblatt-Kolumnist, eine Herrschaft im Reich der Rede. Unabhängig im eigentlichen Sinne war seine Position aber nicht. Sie scheint in erster Linie aus dem Widerstand gegen Schröder ermittelt, die Zutaten sind eine gehörige Portion Selbstmitleid und Selbstgerechtigkeit, Trotz und Vernichtungswillen gegen den Mann, der ihn besiegte, und schließlich das Suchen nach einer Chance für die eigene Wiedergeburt.

Profiliert als bundespolitischer Widersacher

So hat Lafontaine zu seinen Wurzeln zurückgefunden, denn das Irrlicht seiner Partei war er auch in den siebziger und achtziger Jahren schon. Mit 31 Jahren bereits Bürgermeister von Saarbrücken und drei Jahre später, 1977, SPD-Landesvorsitzender, seit 1985 auch "absoluter" Ministerpräsident des Duodezbundeslandes an der Saar, profilierte sich der eloquente und hochintelligente Mann schon während der Kanzlerschaft Helmut Schmidts als dessen wichtigster bundespolitischer Widersacher, wobei das wohlwollende Auge Brandts und auch dessen schützende Hand auf ihm ruhten.

Die Mittel der Wahl waren für Lafontaine damals Umwelt- und vor allem die Außen- und Sicherheitspolitik, denn das waren seinerzeit die Arenen des politischen Streits. Auch damals schon erkennt man Lafontaines bundespolitische Standpunkte als scheinselbständig, nämlich abgeleitet von denen eines seinem Drang im Wege stehenden SPD-Kanzlers. Und in der Sozialpolitik profilierte sich Lafontaine in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre gegen die SPD-Oberen als sozial- und tarifpolitischer Reformator; damals forderte er beinah mit Luther-Attitüde manches von dem, was er heute laut bekämpft. Der Osten freilich konnte ihm damals noch gestohlen bleiben.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31.08.2004, Nr. 202 / Seite 8
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Jahrgang 1958, verantwortlicher Redakteur für Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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