Home
http://www.faz.net/-gpf-pi5u
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Opel-Krise Rüsselsheim zwischen Hochkultur und Opel-Werk

18.10.2004 ·  Der Aufdruck „Product of Motorcity“ prangt bei vielen Jugendlichen auf T-Shirts und Baseballkappen - eine Mischung aus Lokalpatriotismus und Selbstironie. Die mit dem Opel-Werk verbundene Tradition ist ihnen jedoch fremd.

Von Hanns Mattes
Artikel Bilder (3) Lesermeinungen (0)

Nähme man die Geschäfte in der Innenstadt als Maßstab, dann besäße jeder Rüsselsheimer mindestens zwei Dutzend Paar Schuhe, etwa vier Handys und eine Brille: Das sind die Branchen, die in der schmucklosen Innenstadt im Einzelhandel über Gebühr vertreten sind - so stark, daß darüber auch die Einheimischen Witze machen. Entlang zweier Fußgängerzonen, wie sie zum städtebaulichen Standard in Hessen gehören, bestimmen die Auslagen von 99-Cent-Läden und Filialisten das Bild.

Fachgeschäfte sind selten geworden, und die frühere Karstadt-Filiale an der Frankfurter Straße hat schon vor Jahren geschlossen, lange vor der aktuellen Notlage des Warenhaus-Konzerns. Der Bau steht leer, an einigen Schaufenstern wurden zerschlagene Scheiben durch Sperrholzplatten ersetzt. Die Misere des innerstädtischen Einzelhandels ist keine Rüsselsheimer Besonderheit. Aber seitdem bei Opel abermals ein einschneidender Stellenabbau droht, wird sie als Zeichen für eine Stadt im Niedergang angesehen.

Fünf Minuten dauert es, zu Fuß die City zu durchqueren, und dafür muß man nicht einmal forsch ausschreiten. Die Architektur entlang dieses Wegs vom Bahnhof zum Rathaus bietet auch kaum Anlaß stehenzubleiben: Es sind schmucklose Fassaden aus den sechziger und siebziger Jahren. Aber während solche Tristesse in anderen Städten Folge der Bombardements im Zweiten Weltkrieg und des eiligen Wiederaufbaus ist, wurde das Stadtbild hier durch die Abrißbirnen der Wirtschaftswunderzeit geprägt. Hektisch wuchs die Stadt, gut war alles, was schnell und modern war. Der Aufschwung nach dem Krieg hat Rüsselsheim seinen Stempel aufgedrückt. In ein paar Jahrzehnten hat sich die Einwohnerzahl auf heute knapp 60 000 verdoppelt.

Hochhäuser und Mietskasernen für die Gastarbeiter

Wohngebiete umringen jetzt die Innenstadt, hochgezogen, um Platz für immer mehr Menschen zu schaffen, die der Arbeit wegen an den Main zogen. Vor 80 Jahren kamen die Gastarbeiter aus Bayern, wovon noch der Trachtenverein "Almarausch" zeugt. Später kamen sie aus Südeuropa und Nordafrika. Für sie entstanden die Hochhäuser und Mietskasernen, die heute das Weichbild der Stadt prägen. Besonders ansehnlich wirkt es nicht: Rüsselsheim beteiligt sich an dem hessischen Landesprogramm "Soziale Stadt", um in der Trabantenstadt "Dicker Busch" etwas für die Lebensqualität in zu tun.

Hätten sich die Prognosen der sechziger Jahre bestätigt, dann hätte Rüsselsheim die 100 000-Einwohner-Grenze zur Großstadt längst überschritten - die Infrastruktur dafür wäre vorhanden. Es gibt 21 Schulen, einen Theaterbau mit 800 Plätzen (selten ausverkauft), vierspurige Einfallstraßen, eine Fachhochschule, etliche Kindergärten und erstaunlich viele Autobahnauffahrten. Das alles kostet viel Geld, doch Abstriche sind nur schwer durchzusetzen. Aus den reichen Jahren hat sich in der Stadt ein kaum zu überwindendes Anspruchsdenken festgesetzt. Als vor zwei Jahren zwei zur Hälfte leerstehende Grundschulen zusammengelegt werden und eines der Gebäude abgerissen werden sollte, scheiterten die Verantwortlichen in der Stadtverwaltung am empörten Protest der Bürger.

Zwar war das Vorhaben der Stadt sachlich gut begründet, doch die Stadtverordneten gaben wegen des Widerstands schnell auf. Am Ende wurde die Schule nicht nur erhalten, sondern sogar noch aufwendig renoviert - in der teuersten von drei vorgeschlagenen Varianten. Daß Oberbürgermeister Stefan Gieltowski (SPD) ein jährliches Haushaltsdefizit von rund 25 Millionen Euro verwalten muß, spielte in der Debatte keine Rolle mehr. Aber die Stadt kann mittlerweile auch gar nicht mehr auf ihre überdurchschnittliche Ausstattung verzichten: Sie ist ein Argument, um die Bürger, auch die sogenannten Besserverdiener, überhaupt zu halten, denn in der Hoffnung auf landschaftliche Schönheit zieht niemand dorthin, auch nicht wegen der Dauerbeschallung durch Flugzeuge, die den Frankfurter Flughafen bei Ostwind über Rüsselsheim ansteuern.

Berührungspunkte an den Fließbändern der Autofabrik

Bei knapp 30 Prozent liegt der Ausländeranteil, die Türkei und Marokko zählen zu den wichtigsten Herkunftsländern. Als vor Jahren die Diskussion um die "multikulturelle Gesellschaft" die Schlagzeilen bestimmte, wurde Rüsselsheim gerne als Beispiel für eine gelungene Integration der Einwanderer herangezogen. Diejenigen, die das taten, setzten jedoch einen falschen Akzent: Zu einem guten Teil leben Einheimische und Einwanderer hier eher neben- als miteinander. Regelrechte Gettos haben sich in der Stadt nicht gebildet, aber man bleibt ein Stück weit für sich. Berührungspunkte gab es lange Zeit vor allem im Berufsalltag an den Fließbändern der Autofabrik: Arbeit als gemeinsamer Nenner.

Das funktioniert im Grundsatz bis heute, auch wenn das Werk als Arbeitgeber an Bedeutung verloren, der Flughafen dafür gewonnen hat. Das Rhein-Main-Gebiet ist ein reicher Landstrich, und aus diesen Strukturen schert Rüsselsheim nicht aus. Die Arbeitslosenquote liegt im regionalen Schnitt vergleichbar großer Städte, die Kriminalitätsrate übrigens darunter. Das Bild einer Stadt, die mit dem Opelwerk sterben könnte, geht an der Realität vorbei, zumal Rüsselsheim krisenerprobt ist: In den vergangenen drei Jahrzehnten mußte die Stadt den Verlust von weit mehr als 10 000 Arbeitsplätzen bei Opel verkraften, und sie hat es einigermaßen bewältigt.

Hochkultur ist in Rüsselsheim umstritten

Es gibt auch hübsche Flecken in Rüsselsheim, doch die sind gut versteckt. Die alte Anlage, einst von den Grafen von Katzenelnbogen um 1400 gebaut, markiert den Kern des alten Rüsselsheim, bevor in den vergangenen 140 Jahren die Opelfabrik zum Mittelpunkt der Stadt wurde. Militärisch gesehen war die Investition in eine Festung übrigens ein Fehlschlag: Das einzige Mal, als sie in einen Krieg geriet, wurde sie den anrückenden Franzosen kampflos übergeben. Inzwischen beherbergt sie unter anderem ein Museum, das Mitte der achtziger Jahre wegen seiner Abteilung zur Industriegeschichte als vorbildlich auf der ganzen Welt gewürdigt wurde.

Ganz in der Nähe liegt ein Grundstück, auf dem einige Rüsselsheimer Weinfreunde Riesling anbauen. Schließlich, so sagen sie, stamme die älteste Erwähnung dieser Rebsorte aus ihrer Stadt: Die Bestellung einiger Reben, verfaßt im Jahre 1435. Außerdem grenzen an die Festungen die Opel-Villen. Im einstigen Domizil der Industriellenfamilie werden heute Kunstwerke gezeigt, zur Zeit Teile der Sammlung der Washington University in St. Louis mit Arbeiten von Beckmann, Ernst, Klee, Picasso, de Kooning und Pollock. Aber obwohl man sich redlich müht - wegen seiner Ausstellungen kennt man Rüsselsheim nicht. In der Stadt sind die Anstrengungen um die Hochkultur nicht unumstritten: Dergleichen passe ja wohl nicht recht ins Bild, meinen viele, und es sei ein zweifelhaftes Unterfangen, mit einem solchen Kulturangebot mit Frankfurt, Mainz oder Darmstadt konkurrieren zu wollen.

Filmfest als Aufarbeitung düsterer Stadtgeschichte

Dabei gedeiht in der Stadt eine für ihre Größe erstaunlich quirlige Szene. Im Frankfurter Schlagschatten gibt es zum Beispiel die Veranstaltungen der "Jazz-Fabrik" mit hervorragend besetzten Konzerten oder die alljährlichen Filmtage. Den Anstoß für dieses Festival gab ein tragisches Unglück: 1991 kamen das Cinema Concetta Filmteam mit Martin Kirchberger, Ralf Malwitz, Klaus Stieglitz und weitere 25 Passagiere während der Dreharbeiten zu ihrem Film "Bunkerlow" bei einem Flugzeugabsturz bei Heidelberg ums Leben. Um an ihre Arbeit zu erinnern, gründeten Freunde und Angehörige das Filmfest, das in ganz Deutschland Rang gewonnen hat; zu den Preisträgern zählte zum Beispiel der spätere Oscar-Gewinner Thomas Stellmach.

Ein anderes Beispiel für Engagement und Bürgersinn in Rüsselsheim hat Dagmar Eichhorn mit der Aufarbeitung eines düsteren Kapitels der städtischen Geschichte gegeben. 1944 waren in der Stadt sechs gefangene amerikanische Flieger von einem aufgebrachten Mob gelyncht worden, die Anstifter wurden später im ersten Kriegsverbrecherprozeß zum Tode verurteilt. Die Geschehnisse waren in der Stadt jahrzehntelang verdrängt worden. Eichhorn, übrigens die Frau des Opel-Betriebsratsvorsitzenden Klaus Franz, fing die Diskussion über die Lynchmorde an, organisierte Vorträge, lud Überlebende der Bluttat nach Rüsselsheim ein und trat dafür ein, auch diesen Teil der lokalen Geschichte wahrzunehmen. Inzwischen erinnert ein Mahnmal am Tatort an die Lynchmorde, wichtiger aber war wohl der öffentliche Diskurs einer Stadt über ihre Vergangenheit.

Jahrzehntelang war das Werk die bestimmende Größe in der Stadt und im Bewußtsein ihrer Bürger. Inzwischen ist die Bindung bei den Jüngeren lose geworden, auch wenn sie nicht verlorengegangen ist. Zum Beispiel sind bei ihnen T-Shirts und Baseballkappen mit dem Aufdruck "Product of Motorcity" beliebt. Das Wortspiel zeichnet sich durch eine Portion Lokalpatriotismus und einen Schuß Selbstironie aus. Denn eigentlich gilt der Slogan Detroit, dem Sitz der amerikanischen Automobilgiganten und auch des Opel-Mutterkonzerns General Motors (GM), auf den man im Moment in Rüsselsheim nicht gut zu sprechen ist. Aber im Schlagwort "Motorenstadt" schwingt auch Selbstbewußtsein mit. Man stammt eben aus einer Industriestadt, die nach wie vor gar nicht vorgeben will, etwas anderes zu sein.

"Leanfield"

Noch im Sommer des vergangenen Jahres bezeichnete die Konzernleitung die neue Produktionsstätte in Rüsselsheim als das "modernste Werk der Welt in der Geburtsstadt Adam Opels". Die "Leanfield" genannte Anlage war Anfang 2002 mit der Produktion eines Nachfolgemodells des "Vectra" mit 550 Mitarbeitern in zwei Schichten in Betrieb genommen worden. Zusammen mit den nötigen technischen Entwicklungen waren in das Werk rund 1,5 Milliarden Mark investiert worden. Die Fabrikhalle ist rundumverglast; die Arbeitsplätze wurden nach neuen ergonomischen Erkenntnissen gestaltet. Fünf halbsternförmig angeordnete Produktionsbänder können unabhängig voneinander gestoppt werden, um Fehler zu korrigieren, ohne die gesamte Produktion zum Stillstand zu bringen. Damit wollte Opel das Prinzip der Fehlervermeidung umkehren; fortan mußte mit Konsequenzen rechnen, wer Probleme erkannte und trotzdem nicht die Produktion unterbrach. (sku.)

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.10.2004, Nr. 243 / Seite 3
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1964, Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Kreis Groß-Gerau.

Jüngste Beiträge

Die Wahl der Ägypter

Von Wolfgang Günter Lerch

Die Ägypter haben sich in der ersten Runde der Präsidentenwahl für Kandidaten entschieden, die für Sicherheit stehen. Denn seit dem Sturz Mubaraks hat die öffentliche Ordnung im Land gelitten. Mehr