09.08.2004 · Das Selbstbewußtsein und der Optimismus der Griechen, ein spezielles Sicherheitskonzept und die verbesserte Infrastruktur zeigen: Die griechische Metropole ist bereit, die Welt kann kommen.
Von Michael MartensNirgendwo sonst in Europa wird der Fremde heutzutage noch so herzlich und gastfreundlich über den Tisch gezogen wie in Griechenland. Wer während der Olympischen Spiele in Athen, die an diesem Freitag eröffnet werden, dennoch unzufrieden sein sollte, kann sich bei einer "Telefonhotline" des griechischen Gastronomieverbands über mißlaunige Kellner oder überzogene Preise beklagen: Rund um die Uhr werde man Beschwerden in englischer und griechischer Sprache entgegennehmen, versicherte vor wenigen Tagen der Verband, der seinen Mitgliedern schon seit Wochen einzuschärfen versucht, daß die Olympischen Spiele vom 13. bis zum 29. August nicht dazu dienen, "um Geld zu scheffeln, sondern um Werbung für Griechenland zu machen".
Die Bürgermeisterin von Athen, Dora Bakogiannis, rief die Gastwirte ihrer Stadt dazu auf, während der Spiele "Qualitätsrekorde aufzustellen und keine Preisrekorde". Um den Schwarzen Schafen der Branche das Handwerk zu erschweren, wurden außerdem in Zusammenarbeit mit Verbraucherschutzorganisationen in sechs Sprachen Informationsbroschüren gedruckt, in denen die üblichen Preise für fünfzig Produkte und zwanzig Dienstleistungen aufgelistet sind. Etwa 300 000 Exemplare davon sollen an Flughäfen, bei den Wettkampfstätten oder touristischen Attraktionen ausliegen, um Touristen vor Nepp und Betrug zu schützen.
Ein kleines Wunder
Im Einzelfall wird sich derlei zwar dennoch nicht vermeiden lassen, doch können die Athener im großen und ganzen zufrieden sein mit sich selbst (und sind es auch), denn es ist fast vollbracht: Über Monate mußten sich die Organisatoren - nicht immer ganz zu unrecht - Trödelei vorwerfen lassen, weil viele der zentralen Bauprojekte für das größte Sportereignis der Welt erheblich in Zeitverzug waren. Noch Mitte Juli hatte ein mehrere Stunden dauernder Stromausfall in Athen und Umgebung schlimmste Befürchtungen über die "Chaos-Spiele" der Hellenen genährt.
Nun ist aber offenbar doch alles fertig geworden und ein kleines Wunder vollbracht. Die Schnellbahnverbindung vom Flughafen Elevtherios Venizelos zum Fernbahnhof am Rande des Zentrums ist fertig, und sogar die Marathonstrecke, bis zuletzt eines der kritischen Projekte, ist vollendet.
Internationale Berichterstattung freundlicher geworden
Die Erfolge der vergangenen Wochen haben den Griechen, die auf Fragen nach den vielen Verzögerungen bei den Bauvorhaben noch vor wenigen Monaten nicht selten dünnhäutig reagierten, neues Selbstbewußtstein eingeflößt. Ein Kommentator der Tageszeitung "To Vima" urteilte in diesen Tagen, nach den Spielen werde Griechenland ein anderes, besseres Land und Athen eine bessere Hauptstadt sein. Laut einer in der griechischen Presse zitierten Umfrage sieht wenige Tage vor der Eröffnung der Spiele fast neunzig Prozent der Bevölkerung dem Ereignis optimistisch entgegen.
Vor einem Monat glaubte weniger als die Hälfte der Befragten an einen Erfolg der Spiele. Zuvor fühlte man sich in Athen von den ausländischen Medien übertrieben streng beurteilt. Man war etwas beleidigt, daß nicht gestrichene Fassaden und ungeteerte Straßen von ausländischen Berichterstattern flugs als Beweise für die angeblich nicht mehr aufzuholenden Verzögerungen angeführt wurden. Es herrschte eine gewisse Ausländermüdigkeit vor, weil jedes kleine Plastikbömbchen einer anarchistischen Splittergruppe, das neben einem Geldautomaten explodierte und einen Schaden im Wert von 350 Euro anrichtete, am nächsten Tag in den Berichten der Weltpresse zu einem ernsthaften Sicherheitsproblem dramatisiert wurde. Inzwischen jedoch habe sich die internationale Berichterstattung geändert, sogar die kritischen australischen Medien fänden freundlichere Worte, berichtet die Athener Tageszeitung "Kathimerini"
Eigener Sicherheitsplan für VIP`s
Doch die Angst vor dem "großen" (islamistischen) und dem "kleinen" (einheimischen) Terrorismus ist deshalb nicht völlig gebannt. Von islamistischem Terror hoffen die Griechen allerdings auch deshalb verschont zu bleiben, weil die amerikakritische und nachgerade bushfeindliche Haltung weiter Bevölkerungsteile unter Islamisten bekannt sei. Schließlich habe das Land keine eigenen Truppen im Irak, ist ein oft zu hörendes Beruhigungsargument. Daß die Griechen auch gegen den Nato-Luftkrieg zur Befreiung der muslimischen Kosovo-Albaner vom Milosevic-Regime 1999 waren, ist eine andere - und, wie man wohl hofft, vergessene - Geschichte.
Nach einem Treffen der in Athen akkreditierten Botschafter arabischer Staaten mit dem griechischen Minister für Öffentliche Ordnung, Giorgos Voulgarakis, sagte der libanesische Botschafter, die Arabische Liga werde eine Person, die einen Anschlag auf die Spiele verübe, als "Feind der gesamten Arabischen Nation" werten und wies darauf hin, daß Griechenland "den Palästinensern stets beigestanden habe". Dennoch verläßt sich natürlich niemand auf den Zufall: Für die sogenannten VIPs - angeblich werden fast 6000 Personen zum Kreis der besonders wichtigen Personen gezählt - soll ein eigener Sicherheitsplan existieren, der für Staatspräsidenten, Regierungschefs, Mitglieder königlicher Familien, Minister, olympische Funktionäre und das Fußvolk der besonders Wichtigen gilt.
Die „Olympische Spur“
Die andere, einheimische Gefahr geht nach allgemeiner Einschätzung von den in Griechenland noch immer regen anarchistischen Gruppierungen aus, die sich in den vergangenen Monaten durch einige kleinere Sprengstoffanschläge in Erinnerung brachten, bei denen meist nur Sachschaden entstand. Ein Sprecher der griechischen Polizei gibt an, man vermute, daß es eine Gruppe von hundert bis hundertfünfzig gewaltbereiten griechischen Anarchisten gebe. Auf sie sei man aber vorbereitet.
Die Stadt Athen zählt derweil schon die Stunden bis zum großen Freitag. Mehr als 60 Staats- und Regierungschefs werden erwartet, mehrere tausend Teilnehmer an den Spielen sind schon in der Stadt, die große Anreisewelle hat begonnen. Allein am 12. August werden 818 Flüge mit mehr als 70 000 Passagieren erwartet. Seit dem ersten August gelten auch die "olympischen" Verkehrsegeln, die von den Athenern bisher offenbar bereitwillig akzeptiert werden. Nur wenige Autofahrer hat die Polizei seither zwingen müssen, eine Strafe von 156 Euro zu zahlen, weil sie die zwischen halb sieben Uhr morgens und Mitternacht für einheimische Normalbürger verbotene "Olympische Spur" befahren hatten, die Athleten und Funktionären in der Viermillionenstadt eine schnelle Anfahrt zu den Wettkampfstätten ermöglichen soll.
Infrastruktur ist bereit für die Welt
Die Behörden haben die Athener aufgerufen, den eigenen Wagen möglichst nicht zu benutzen und auf das öffentliche Verkehrsnetz umzusteigen, was inzwischen immerhin zumutbar ist, denn es ist in den vergangenen Jahren aufwendig erweitert und verbessert worden und findet mit einer Verspätung von einigen Jahrzehnten nun langsam Anschluß an das Niveau in anderen europäischen Hauptstädten. Neue Tunnels, Brücken, Bahnhöfe, Ampelsysteme erleichtern die Fortbewegung in der trotz allem noch ständig verkehrsinfarktgefährdeten Stadt.
Damit Olympia 2004 nicht im Stau erstickt, sind in diesen Wochen viele Sonderregelungen in Kraft. Die Züge der Metro werden von fünf Uhr morgens bis zwei Uhr nachts fahren, viele Geschäfte dürfen nur in den Nachtstunden beliefert werden, Lizenzen wurden erteilt für etwa 10 000 zusätzliche Taxis, die bis zu den Wettkampfstätten fahren dürfen. Athen ist bereit. Die Welt kann kommen.
Allein am kommenden Donnerstag werden 818 Verkehrsflugzeuge 70 000 Gäste in Athen abladen. Für die feierliche Eröffnung der Olympischen Sommerspiele am Freitag ist alles bereit.
Michael Martens Jahrgang 1973, politischer Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Istanbul.
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