06.07.2005 · 1805 feierten die Briten den Sieg in der Seeschlacht von Trafalgar, 2005 haben sie wieder gesiegt: In der Schlacht von Singapur gewinnt London die Olympischen Spiele. Und die Gegner waren dieselben - damals wie heute.
Von Bernhard Heimrich, LondonZuerst hatte die Ungewißheit Monate gedauert. Dann Tage. Die sind nach der vorletzten Abstimmung in Singapur endlich auf eine Stunde zusammengeschrumpft. Aus der sind nach der letzten und lästigsten feierlichen Verzögerung schließlich nur noch Minuten geworden.
Aber die Feiern daheim mußten doch lange im Voraus vorbereitet, die Transparente gedruckt, die Einladungen verschickt, die Öffentlichkeit eingestimmt werden. Deshalb hatte man für den Tag der Tage ein neutrales Logo gewählt: „Thank you, London!“.
Begeisterung über den Erfolg
Das sollte heißen: Danke für alles, es hatte halt nicht sein sollen. Aber bestimmt das nächstemal! Es kann ja nur noch aufwärts gehen nach drei, pardon: vier erfolglosen Versuchen. Als Großbritannien sich das letztemal vergeblich bewarb in der Gestalt Manchesters, hatte das Internationale Olympische Komitee und der Rest der Außenwelt den Bürgern der Stadt, die sich übrigens „Mancunians“ nennen, und allen anderen Briten noch den zusätzlichen Tort angetan und immer nur von „Manchester, England“ gesprochen. Es war die einzige Bewerberstadt, die mit Vor- und Zuname antreten mußte. Als ob niemand mehr den Ort kennt, an dem einst das Industriezeitalter aus dem Ei geschlüpft war!
Von einer Sekunde zur anderen wurde am Mittwoch aus dem vorsorglichen Dank für die Bemühungen die Begeisterung über den Erfolg. Auf dem Trafalgar Square in der Stadtmitte der Olympiastadt von 2012 ist die Begeisterung zuerst explodiert. Auch auf anderen Plätzen und in anderen Städten sah es am Mittag ähnlich aus. Und das war erst der Anfang. Der wird noch eine Zeitlang dauern. Denn die meisten Briten können es noch immer nicht glauben: Großbritannien hat tatsächlich die Olympischen Spiele gewonnen!
Die Gegner waren dieselben
Und, um das Hochgefühl noch köstlicher zu machen, Paris hat sie verloren! Wahrscheinlich wird auf dem „Trafalgar Square“ um die Säule des Admirals Nelson an diesem Donnerstag immer noch der zweite Weltsieg über die Franzosen und Spanier gefeiert. Nicht der allmählich altgewordene Sieg in der Seeschlacht von Trafalgar im Jahr 1805, dem dieses Jahr ohnehin gewidmet ist, sondern der taufrische Sieg in der Schlacht von Singapur.
Die Gegner waren dieselben. Damals war es eine spanisch-französische Flotte, die der englische Admiral Nelson in den Grund bohrte, heute war es erst die spanische und dann die französische Konkurrenz um die Olympischen Spiele.
Optimismus, der größte Gewinner
Auch dieser Sieg hat viele Väter, nicht zuletzt den Lord Sebastian Newbold Coe, den Vorsitzenden des britischen Komitees, das die Bewerbung organisierte. Eine namentlich nicht genannt werden sollende Kollegin im Komitee, eine Königliche Hoheit, hatte ihn einmal „Depp“ genannt.
Auch der Premierminister Tony Blair wird sich einen Anteil am Erfolg gutschreiben können, oder es zumindest tun. Doch der größte Gewinner ist der britische Optimismus. Er war unzerstörbar geblieben, selbst als das Internationale Olympische Komitee Paris im Mai letzten Jahres einen überdeutlichen Vorrang gegeben hatte.
Das Land wird verändert
Dieser Optimismus gehört eigentlich auf den leeren Sockel auf dem Trafalgar Square. Er ist leer, weil die Nation irgendwann einmal die Lust verloren hatte, sich Denkmäler zu setzen. Man hat einfach, wie in der Geschichte des Kölner Doms, nicht mehr weitergebaut. Darüber ist der berühmte „leere Sockel“ selbst ein Denkmal geworden, über dessen äußerliche Vollendung sich jede Generation von neuem den Kopf zerbricht.
Die Sekunde von Singapur wird die Stadt und das Land verändern. Natürlich wird es gerade auf dieser Insel noch immer Dinge und Verhältnisse geben, die unveränderlich sind. Königin Elisabeth zum Beispiel, die Personifizierung der Beständigkeit, wird im Jahr 2012 wahrscheinlich noch immer gnädig herrschen, und vermutlich gnädiger denn je. Denn mit oder ohne Spiele ist 2012 das Jahr ihres diamantenen Thronjubiläums.
Datum des doppelten Triumphs
Die Silber- und Goldmedaillen in der nichtolympischen Disziplin des Herrschens hat sie schon alle im Buckingham Palast hängen. Hätte London am Mittwoch in Singapur verloren, wären die Wunden bis dahin natürlich schon vernarbt. Doch so wird 2012 ein Datum des doppelten Triumphs, der vermutlich letzte Höhepunkt des zweiten elisabethanischen Zeitalters. Jetzt haben Vorfreude und Vorstolz sieben Jahre Zeit, zu wachsen. Und auch beim Gedanken an die diamantene olympische Königin von 2012 fällt einem schon wieder dieser leere Sockel ein.
Der Ort der größten und wichtigsten Veränderung, die sich in Singapur ankündigte, befindet sich freilich weit abseits vom Trafalgar Square: der Meridian Square in Newham. Das ist eine der am meisten heruntergekommenen Gegenden der Hauptstadt, ein Schrottplatz im Stadtteilformat. Daraus soll Londons neuestes Juwel werden, die „Olympische Zone“. Am Mittwoch stand hier vorerst nur ein riesiger Bildschirm.
Die längste Kette aus Büroklammern
Auch anderswo waren verhaltene Feiern vorbereitet worden. Im Institut des Sports in Sheffield wurden Olympische Mini-Spiele gespielt, mit Balletteinlagen, wenn man das richtig verstanden haben sollte. In Nordirland hatte man hoffnungsvoll 200 junge Leute aus beiden Volksgruppen zusammengetrommelt, damit sie in der Universität von Ulster die Ankündigung gemeinsam erleben. Die akute Begeisterung, die um die Mittagsstunde überall improvisiert ausbrach, hat das alles rasch fahl aussehen lassen.
Erst sie hat schließlich, und im besten Sinn, auch die Anstrengungen von „London 2012“ überflüssig gemacht. Das ist der amtliche Name für die andere, organisierte Begeisterung. Die Organisation hatte in der Tat nichts unversucht gelassen, den Vorbereitungen und etwaigen Feiern ein umfassendes Format und ein unverwechselbar britisches Gesicht zu geben. Ein Vorschlag war, der arbeitende Teil der Bevölkerung könnte am Mittwoch in den Büros „Büro-Spiele“ veranstalten und beispielsweise wetteifern, in einer gegebenen Zeit die längste Kette aus Büroklammern zu fertigen. Es wird wahrscheinlich länger dauern als sieben Jahre, bis daraus eine echte olympische Disziplin wird.