06.11.2004 · Immer wenn der 9. November naht, kommt Günter Schabowski wieder ins Gespräch. Der ehemalige SED-Politiker verkündete auf einer längst legendären Pressekonferenz vor 15 Jahren die Öffnung der Mauer.
Von Max Thomas MehrEigentlich hat er keine Zeit. Immer wenn der 9. November naht, ist Günter Schabowski ausgebucht. Nein, er gibt nicht den Zeitzeugenclown, der sich in Talkshow-Sofas fläzt und, nett plaudernd, zur Verklärung der DDR beiträgt. Der einstige Politbürokrat und Berliner Bezirksparteichef der SED „schrubbt“ gerade über einen Vortrag, den er in einem privaten Salon halten wird - in Düsseldorf.
Es geht darin um einen Aspekt der russischen Revolution, der sich bis in die letzten Tage des real existierenden Sozialismus gehalten hat, auch in der DDR: die Konspiration. Selbst als der Sozialismus längst die Macht im Staate hatte, ja, bis zu seinem Untergang, gab es dieses Verschwörerische, als müsse erst noch die Macht erlangt werden, erzählt er. Natürlich könne es auch im vereinten Deutschland konspirative Momente in der Politik geben, wehrt er einen Einwand ab, aber die seien eher flüchtig.
Nicht ausgeschlossen, meint der bekennende Angela-Merkel-Fan, daß der thüringische Ministerpräsident Dieter Althaus recht hatte mit seinem kürzlich geäußerten Verdacht, die westdeutschen CDU-Länderchefs hätten sich gegen ihre protestantisch, naturwissenschaftlich denkende Ost-Chefin verschworen.
Feines Gespür für das falsche Etikett
Seine Sympathie für die „eiserne Lady“ hat etwas Regionalistisches. Ostelbische Solidarität gegen rheinische Parteigranden. Er hat inzwischen auch ein feines Gespür für das falsche Etikett „sozial“. Mit dem werde „unsoziale“ Politik gemacht, würden immense Schulden auf zukünftige Generationen abgewälzt. Die Gefahr, daß die Bundesrepublik zu einer DDR-light werde, geht seiner Meinung nach heute nicht von der PDS aus, sondern von einer gebeutelten SPD, die einen Lafontaine politisch wiederbeleben könnte, der dann zusammen mit Gysi den Sozialdemokraten die Seele kosten würde.
Schwarzer legerer Anzug, weißes, offenes Hemd, randlose halbe Brille. Der bald 76 Jahre alte Schabowski, der am Ende jener legendären Pressekonferenz am 9. November vor 15 Jahren einen Zettel aus der Jackentasche zog und die Öffnung der Mauer verkündete, wirkt jünger, nervöser, je älter er wird. Mit einer Handbewegung wischt er das Kompliment beiseite. „Der innere Fäulnisprozeß“ sei „nur nicht zu sehen“.
Bürger des vereinten Deutschlands
Seine politische Vitalität überrascht. Er sei glücklich über den „enormen Gewinn“, wirklich „unabhängig denken zu können“. Er hat sich gehäutet zum späten Bürger des vereinten Deutschlands. Wie wird einer wie er erst Politbürokrat - und dann Bürger? Schabowski redet vom gescheiterten Versuch, den Sozialismus als Utopie Wirklichkeit werden zu lassen. Spricht von der Ideologie und ihren Hohenpriestern, die darüber befinden, was richtig und falsch ist. Dann funktioniere Gesellschaft nicht nach „trial and error“ wie Kapitalismus und Demokratie. Dann regiere die Allmachtsanmaßung der Partei, und die produziere notwendig „den Ketzer“. Er sei „leider erst post festum“ einer geworden.
1929 in Anklam geboren, wuchs Günter Schabowski die ersten drei Jahre bei den Großeltern auf, dann holten Vater und Mutter ihn zu sich nach Berlin. Deren Erziehung beschränkte sich, wie er in seinem Buch „Der Absturz“ schreibt, auf drei, vier Jahre. Ost-Berliner Arbeitermilieu, eher unpolitisch. Auf Anraten des Lehrers kommt das Kind aufs Realgymnasium. Monatlich einen Wochenlohn Schulgeld kostet das. Bald ist Krieg, und den Jungen verschlägt es mit der Kinderlandverschickung gen Osten.
Zwar zählt auch Schaboswki am Ende noch zu den Pimpfen des Führers, übt sich im Umgang mit Waffen. Doch bevor er eingesetzt werden kann, sind die Russen da, ist der Krieg aus. Zurück in Berlin, macht er mit der ersten Nachkriegsklasse an seiner alten Schule Abitur.
„Politische Tätowierung“
Er ist fasziniert von denen, die ihn dann bei der Gewerkschaftszeitung „Tribüne“ zum Journalisten ausbilden. Es sind Kommunisten und zwangsvereinigte Sozialdemokraten. Allesamt Antifaschisten, die den Nationalsozialismus entweder im KZ oder in der Emigration überlebt hatten. Von ihnen bekam er seine erste „politische Tätowierung“.
Er ist unbelastet, angepaßt, aber kein besonders ausgeprägter Ideologe. Erst 1950 tritt Schabowski in die Partei ein. Da hatte er schon sein Volontariat hinter sich, war bei der „Tribüne“ bald Leiter des Ressorts Außenpolitik. Durch Zufall wird er 1953, gerade 24 Jahre alt, in die Chefredaktion berufen. Der Anlaß: ein Druckfehler.
Stalin: „Freund des Krieges“
In das Kondolenztelegramm an die KPdSU hatte sich zu nächtlicher Stunde versehentlich, so die Version bis heute, ein Fehler eingeschlichen. Aus dem toten Stalin war ein „Freund des Krieges“ statt „des Friedens“ geworden. Setzer und Chef vom Dienst landeten im Knast. Die Chefredaktion mußte gehen - und Schabowski stieg auf.
Klaus Polkehn, Sohn des verhafteten Chefs vom Dienst, fing damals gerade an, im Blatt des Vaters erste journalistische Erfahrungen zu machen. Bald fünfzig Jahre später erzählt er ein Detail, das beleuchtet, wie der junge Schabowski trotz oder wegen seines etwas anrüchigen Karrieresprungs gedacht haben mag. Nachdem der Vater zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt worden war, kündigte der Sohn aus naheliegenden Gründen.
Erst ein Jahr später fand Klaus Polkehn in der damals frisch gegründeten „Wochenpost“ wieder eine Stelle. Es war Schabowski, der das einfädelte. Dem Polkehn ist übel mitgespielt worden, soll er der Chefreporterin der „Wochenpost“ erzählt haben: „Kümmer dich mal um den.“ Die Frau nahm das wörtlich und heiratete Klaus Polkehn.
Der spektakuläre Aufstieg eines Angepaßten
1967 ging Günter Schabowski an die Parteihochschule in Moskau, wechselte dann in die Chefredaktion des „Neuen Deutschland“, war zuletzt Berliner Parteisekretär und seit Mitte der achtziger Jahre Mitglied des Politbüros. Es ist der unspektakuläre Aufstieg eines Angepaßten. Der öffentlich nicht den Hauch eines Zweifels äußert, auch als Gorbatschow schon längst an der Macht ist und Schabowskis russische Frau all ihre Hoffnung auf Glasnost und Perestrojka setzt.
Statt dessen singt er noch im Herbst 1987 das Hohelied auf die Überlegenheit des DDR-Sozialismus. „Sie müssen doch sehen“, versucht er diese Haltung im nachhinein zu erklären, „die Mitglieder einer kommunistischen Partei sind Mitglieder einer Großsekte.“ Und da gelte: „Die Sünden sind die des Zweifels.“ Erst im Herbst 1989 organisiert er Honeckers Sturz im Politbüro mit.
Versuch, die Republik zu „inhalieren“
Da ist er sechzig Jahre alt. Wo andere ihre Biographie beschließen, entfaltet er seine. Nach dem Fall der Mauer geht er in den Westen. In der hessischen Provinz redigiert er ein Anzeigenblatt fast allein. Er hat versucht, die Bundesrepublik zu „inhalieren“.
Lokale Parteigrößen, auch Konservative, schätzen bald schon seinen Rat. Ein paar Jahre pendelt er zwischen der Hauptstadt und Rotenburg, zwischen Familie und Arbeit. Im Prozeß gegen die politisch Verantwortlichen der Mauertoten wird er dann zusammen mit Honecker und der Parteiführung angeklagt, wegen Totschlags zu Gefängnis verurteilt, aber bald begnadigt. In den Knast nimmt er Norbert Elias' „Prozeß der Zivilisation“ mit, in der Hoffnung auf Klärung manch absolutistischer Züge des DDR-Regimes. Er ist froh darüber, daß nicht die DDR-Justiz ihm den Prozeß gemacht hat. Sondern die der Bundesrepublik.