07.04.2010 · An der Odenwaldschule sollen bis in die neunziger Jahre Schüler sexuell missbraucht worden sein. Mindestens in einem Fall soll ein Lehrer nicht eingegriffen haben. Die Schulleiterin spricht nun davon, durch die neuen Berichte verschiebe sich der „Schwerpunkt der Missbrauchsfälle“.
Von Timo Frasch und Thomas HollAn der Odenwaldschule in Südhessen sind offenbar bis in die neunziger Jahre hinein auch Schüler durch Schüler sexuell misshandelt oder in brutalen Ritualen gedemütigt worden. Mindestens in einem Fall soll dabei ein bis 1999 an der Schule angestellter Lehrer während der Tat nicht eingegriffen haben. Die Leiterin der Schule, Margerita Kaufmann, berichtete dieser Zeitung, dass sich der „Schwerpunkt der Missbrauchsfälle“ durch diese neuen Berichte von zwei ehemaligen Schülern verschoben habe. Die Berichte, die noch geprüft werden müssten, bezögen sich auf Vorfälle Anfang der neunziger Jahre.
In einem Fall soll ein Schüler von Klassenkameraden im Beisein jenes Lehrers während einer Schulfreizeit gefesselt und mit einer Bananenschale sexuell misshandelt worden sein. In anderen Fällen seien Genitalien von Schülern durch heißes Duschwasser verbrüht worden. Durch die neuen Berichte sei die Zahl der Fälle von bisher 33 auf etwa 40 gestiegen, sagte Frau Kaufmann. Die Zahl der von ehemaligen Schülern belasteten Lehrer liege nun bei „mehr als acht“.
„Das kann man nur vermuten. Das ist Spekulation.“
Ob es sich bei den nun bekanntgewordenen Fällen um sexuellen Missbrauch im eigentlichen Sinne handele, sei noch unklar. Vieles erinnere an grausame Unterwerfungsrituale, wie sie etwa in der Bundeswehr stattgefunden hätten. Nicht bestätigen wollte Frau Kaufmann, dass es einen Zusammenhang zwischen der Selbsttötung von vier ehemaligen Schülern und dem an ihnen begangenen sexuellen Missbrauch durch Lehrer gebe: „Das kann man nur vermuten. Das ist Spekulation.“
Frau Kaufmann hatte die Schulleitung 2007 von Whitney Sterling übernommen, der 1999 ins Amt gekommen war. In diesem Jahr wurden Missbrauchsvorwürfe gegen den früheren Schulleiter Gerold Becker bekannt, aufgrund deren Becker seine Funktionen im Trägerverein und im Förderkreis der Schule aufgab. In einer Rede, die ein Lehrer, der bis heute an der Schule unterrichtet, 2007, während eines Festakts zur Amtsübergabe, hielt, nahm er Bezug auf die „peinvollen Recherchen“ Ende der neunziger Jahre, die deutsche Medien „wegen lange zurückliegender angeblicher Übergriffe auf Schüler“ betrieben und die Sterling 1999 einen „suboptimalen Start“ beschert hätten.
„Unser Glück war die aktuelle Tagespolitik“
Der Lehrer sagte weiter, dass die Nachforschungen verbunden gewesen seien „mit aktionistischen Ankündigungen und Drohungen aus dem Kultusministerium“. Kurz: Es sei eine Zeit gewesen, in der die Schule „einige Irritationen auszuhalten hatte“. An den Vorgänger von Frau Kaufmann gerichtet, sagte der Lehrer: „Das durchzustehen, die Odenwaldschule an diesen Klippen entlanggesteuert zu haben, ist sicher ein Verdienst“, das man auch ihm, Sterling, zugestehen müsse. Glück habe auf Dauer nur der Tüchtige.
„Unser Glück war die aktuelle Tagespolitik“, die die Odenwaldschule in den Hintergrund gedrängt habe, „konkret: die CDU-Spendenaffäre“. Frau Kaufmann selbst ging in ihrer Rede auf derselben Veranstaltung nicht auf die Missbrauchsvorwürfe ein. Vielmehr bescheinigte sie der Odenwaldschule, „stolz auf ihre Vergangenheit“ sein zu können.
Henzler berichtete vor drei Woche über Harders Brief
Derweil wies am Mittwoch die hessische Kultusministerin Dorothea Henzler (FDP) über ihren Sprecher darauf hin, dass sie schon vor drei Wochen im kulturpolitischen Ausschuss des Landtags über einen Brief des früheren Schulleiters Wolfgang Harder vom 20. Dezember 1999 an das Kultusministerium berichtet habe. Darin hatte Harder geschrieben, dass sein Vorgänger Gerold Becker in der letzten Augustwoche 1998 dem damaligen Kultusminister Hartmut Holzapfel (SPD) über die gegen ihn erhobenen Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs von Schülern „schriftlich oder/und mündlich“ berichtet habe. Nach Angaben mehrerer Schüler hat Becker sie in den siebziger und achtziger Jahren hundertfach missbraucht.
In den Akten des Ministeriums, so Frau Henzler, sei diese Information an Holzapfel nicht dokumentiert. Holzapfel selbst hatte im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung am 13. März gesagt, es habe „keinen Anlass“ gegeben, der Odenwaldschule „besonderes Augenmerk zu widmen“. Die Schule habe seinerzeit einen „untadeligen Ruf“ genossen. In der Amtszeit Holzapfels von 1991 bis 1999 war Becker als Berater des Ministeriums für die damals vier hessischen Reformschulen zuständig. Erst mit dem erstmaligen Bekanntwerden der Vorwürfe durch einen Bericht der „Frankfurter Rundschau“ am 17. November 1999 löste Holzapfels Nachfolgerin Karin Wolff (CDU) den Beratervertrag mit Becker.
Wie lange war die Schulleiterin nochmal im Amt?
Maria Stephan (PiaX)
- 07.04.2010, 12:20 Uhr
Unesco-Modellschule!
Ralf Vormbaum (Vormbaum)
- 07.04.2010, 12:21 Uhr
Gewalt unter Schülern
Thorsten Krings (thorstenkrings)
- 07.04.2010, 12:57 Uhr
Reformpä...?
Dr. Christian Jäger (Jaeger500)
- 07.04.2010, 13:22 Uhr
Macht den Laden dicht !
Arnulf Haubold (statlerundwaldorf)
- 07.04.2010, 13:41 Uhr
Thomas Holl Jahrgang 1960, politischer Korrespondent für Hessen, Rheinland-Pfalz und das Saarland mit Sitz in Wiesbaden.
Jüngste Beiträge