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Odenwaldschule : Er verhöhnt sich nur noch selbst

  • Aktualisiert am

„Ich habe vor über einem Jahrzehnt aufgehört, darauf zu drängen, dass ich Becker mit dem, was ich sage und frage, erreiche.” Bild: ddp

Als er die Todesanzeige für Gerold Becker sah, dachte er: „armer, irrer, alter Mann.“ Ein Altschüler der Odenwaldschule über die Todesanzeige seines ehemaligen Schulleiters.

          „Als ich die Todesanzeige für Gerold Becker gesehen habe, dachte ich: armer, irrer, alter Mann. Und es hat mich sehr an den Artikel in der „Süddeutschen Zeitung“ von Tanjev Schultz über Hartmut von Hentig erinnert. Dort und in der Todesanzeige hat man gemerkt: Bei Becker ist bis zu seinem Tod nichts angekommen, und bei Hentig kommt ebenfalls nichts an. Ich habe vor über einem Jahrzehnt aufgehört, darauf zu drängen, dass ich Becker mit dem, was ich sage und frage, erreiche. Ich habe den Kurs gewechselt und angefangen, mit Beckers und Hentigs Umfeld zu kommunizieren und mit einer zunehmend größeren Öffentlichkeit. Es war einfach klar: Die hören vielleicht die Worte, aber die wollen oder können nichts verstehen.

          Dann musste ich irgendwie auch lachen, als ich die Todesanzeige gesehen habe. Ich dachte: Becker selbst - ich nehme an, Becker hat das Gedicht selbst ausgewählt - wählt ein Goethe-Gedicht, sozusagen der Mariacron-Säufer wählt die Worte eines Rotwein-Säufers. Goethe aber hat als Dichter ohne Zweifel Großes geleistet. Ich denke, dass es zu Beckers Größenwahnphantasien und zu seiner völligen Fehleinschätzung von sich selbst gehörte, dass er sich wahrscheinlich für ähnlich groß gehalten hat. Oder für noch größer.

          Im Original heißt es schließlich bei Goethe „die jüngst ich abgelegt“. Becker hat daraus „längst“ gemacht. Der alte Meister Goethe würde sich im Grabe umdrehen. Doch das passt zu Beckers Größenwahn. Goethe wird verbessert beziehungsweise spezifisch angepasst. Man könnte im Sinne von Becker sagen: „Danke Goethe, dass du dieses Gedicht für mich geschrieben hast, aber ich muss es leider noch etwas präzisieren, damit es auf eine Größe wie mich exakt passt.“ Gott, Becker, Goethe - so scheint Beckers Selbstbildnis gewesen zu sein. Und er hat noch einmal die Gelegenheit genutzt, sich ein letztes Mal selbst zu erklären. Unfreiwillig bizarr allerdings.

          Die Frage ist natürlich, wie weit der Beobachter von außen diese unfreiwillig komische Selbstinszenierung durchdringt. Was ich sehe, ist ein Mann, der in völliger Verkennung der Rückmeldungen aus seiner Umwelt bis zu seinem Tod dabei geblieben ist, dass er selbst ein Großer ist. Ich habe mit jemandem gesprochen, der Gerold Becker vor vier Wochen gesehen hat. Gerold Becker lag auf seinem Sterbebett, hat die Hände hinter den Kopf gelegt und gesagt: „Ich hatte ein gutes Leben.“

          „Ich hatte es mit einem schwer gestörten Mann zu tun“

          Was wichtig für mich ist und was ich anderen empfehlen würde, um die eigene Genesung nicht zu behindern, ist, sich von Becker zu distanzieren. Also zu sagen: „Ich brauche nicht mehr das Schuldbekenntnis oder die Entschuldigung der Vaterfigur Becker. Ich mache mich davon unabhängig.“ Als ich die Todesanzeige gelesen habe, spürte ich, dass ich frei davon bin, was Becker über sich und über seine Taten gedacht hat. Das ist für mich nicht mehr relevant. Im Gegenteil, es hat mich eher bestätigt, denn ich habe gesehen: Ja, ich habe es mit einem schwer gestörten Mann zu tun gehabt, der seinen psychischen Defekt kultiviert, beschützt und gelebt hat - viele Jahrzehnte gab es immer wieder Rückmeldungen aus der Umwelt, weil Menschen Beckers Fassade durchblickten und seine parallel errichtete Realität erkannten. Es gab immer wieder Rückmeldungen von Menschen aus Beckers Umfeld an ihn und an die Odenwaldschule. Leider hatte dies nie Konsequenzen, die dem Schutz der Kinder in Beckers Umfeld hätten dienen können.

          Mit dem Gedicht hat Becker versucht, uns ein letztes Mal zu verhöhnen. Aber es ist nur ein ungelenker Versuch. Die Verhöhnung bleibt wirkungslos. Ich hoffe, dass andere Betroffene sich nicht damit belastet fühlen. Der Versuch Beckers ist kraftlos. Eigentlich hat sich Becker nur noch selbst verhöhnt. Er ist wie ein Ertrinkender auf den Weiten des Ozeans gewesen, der nach Luft schnappt und immer heftiger proklamiert, dass er das rettende Ufer erreichen wird. Das ist einfach nur noch bizarr, und Becker ist untergegangen. Ein armer Irrer. In unserer Kultur ist eine Todesanzeige ein Ausdruck von Trauer und Respekt. Ich wünsche mir eine solche Anzeige für die Opfer Beckers, die infolge ihrer schrecklichen Erlebnisse mit ihm nicht mehr am Leben sind.“

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