http://www.faz.net/-gpf-7juxf

NSU-Prozess : Omakind mit Männerfreunden

Signalrot: Deutlicher Kontrast zu ihrer Mutter, die schwarzgrau gekleidet den Saal betrat Bild: dpa

Im NSU-Prozess berichtet Beate Zschäpes Cousin über ihre Stellung in der Szene: Die Angeklagte sei schlagfertig, trinkfreudig und beliebt gewesen. Bis sie die „Spaßfraktion“ verließ und sich radikalisierte.

          Beate Zschäpe lehnt sich in ihrem Stuhl so weit zurück, dass sich die Rückenlehne nach hinten biegt. Es scheint, als wolle sie den Abstand so groß wie möglich halten, der zwischen ihr und der Zeugin liegt – ihrer Mutter. Kurz zuvor ist diese mit ihrem Anwalt in den Saal gehuscht. Den Kopf gebeugt, die kurzen Haare so schwarzgrau wie die Kleidung – im Kontrast zum signalroten Pullover, den Beate Zschäpe an diesem Tag trägt. Die Mutter blickt kurz zu ihrer Tochter, der man die Mittäterschaft an zehn Morden vorwirft.

          Karin Truscheit

          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Beate Zschäpe hält den Blick für einen Moment und schaut dann weg. Ihre Mutter wird nicht lange bleiben. Sie gibt nur ihren Beruf an, Ingenieurökonomin, sagt, dass sie zur Zeit ihre Mutter zu Hause pflege und antwortet dann auf die Frage des Vorsitzenden Richters, ob sie von ihrem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch machen wolle, mit „Ja“. Auch ihre polizeiliche Vernehmung vom November 2011 will sie, was ihr freisteht, nicht in die Verhandlung eingeführt sehen. „Sie können dann wieder gehen“, sagt der Vorsitzende, „Danke schön und auf Wiedersehen.“

          Die Großmutter sei ihre wichtigste Bezugsperson gewesen

          Sobald die Mutter den Saal verlassen hat, rückt Beate Zschäpe sofort wieder nach vorne an ihren Tisch und beugt sich über ihren Computer. In dieser Körperhaltung hört sie dann ihrem Cousin Stefan A. zu, der den ganzen Mittwoch in zäher Befragung etwas von Kindheit und Jugend Beate Zschäpes preisgeben soll, was er, im Gegensatz zu Zschäpes Mutter, nicht verweigern kann. Beate und er, sagt der 39 Jahre alte Zeuge, hätten als Kinder fast jedes Wochenende viel Zeit bei den Großeltern im Garten verbracht.

          Die Mutter der Angeklagten betritt den Gerichtssaal

          Seine Eltern arbeiteten, wie Zschäpes Mutter auch, so wurde die Großmutter zum wichtigsten Bezugspunkt für die Kinder, holte beide regelmäßig vom Kindergarten ab. „Meine Großmutter ist eine liebe, herzliche Frau“, sagt Stefan A. Sie sei ein Omakind, soll auch Zschäpe unmittelbar nach ihrer Festnahme über sich selbst gesagt haben.

          „Party, Saufen, Spaß haben und Prügeln“

          All die Jahre, so Stefan A., habe die Großmutter auf ein Lebenszeichen von Zschäpe gehofft. Die beiden Männer hingegen, mit denen Zschäpes Mutter verheiratet war, habe er nie kennengelernt, auch Zschäpes leiblicher Vater „sei nie Thema“ gewesen. Der Kontakt zwischen ihm und seiner Cousine blieb während der Hauptschulzeit ebenso bestehen wie in der Zeit, in der sich beide im Jena der neunziger Jahre von einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme zur nächsten hangelten.

          Stefan A. fasste seinen damaligen Lebensinhalt mit „Party, Saufen, Spaß haben und Prügeln“ zusammen. Als Skinhead verschafften ihm die szenetypischen Insignien – Bomberjacke und Springerstiefel – die Aufmerksamkeit des einige Jahre jüngeren Uwe Böhnhardt, der dieselbe Schule besuchte wie er.

          Sie habe sich eben nichts gefallen lassen

          Während des berufsvorbereitenden Jahres traf man sich vor der „Kaufhalle“, auch Zschäpe, die eine Schule in der Nähe besuchte, gesellte sich manchmal dazu. Bald war auch Uwe Mundlos mit von der Partie. Er habe damals, sagt Stefan A., Mundlos mit Böhnhardt bekannt gemacht. Zschäpe war als hübsches Mädchen in der Szene sehr beliebt, hatte, wie ihr Cousin sagt, vor allem männliche Freunde.

          Sie sei so trinkfreudig wie „robust“ und nie um einen Spruch verlegen gewesen: „Wenn ihr jemand frech kam, sagte sie: ‚Sei ruhig, sonst tret’ ich Dir in den Hintern.“ Und auf Nachfrage von Annette Greger, Sitzungsvertreterin der Bundesanwaltschaft, fügt er hinzu, dass Zschäpe in einer Diskothek einmal jemandem „ein Glas übergezogen“ habe. Sie habe sich eben nichts gefallen lassen, sagt Stefan A., auch nicht von den beiden Freunden Böhnhardt und Mundlos. „Wahrscheinlich hat ihre Art die Männer zusammengehalten, sie hatte die Jungs im Griff“.

          Weg von der „Spaßfraktion“ in Richtung „Parteiheinis“

          Seine Angaben stützen die Anklage der Bundesanwaltschaft, welche Zschäpe als „gleichberechtigtes Mitglied“ innerhalb des NSU sieht. Und ebenso wie die Ankläger berichtet A. von der Neigung Böhnhardts zu Waffen. Böhnhardt habe „ständig mit Waffen herumhantiert“ und immer eine Schreckschusspistole dabei gehabt. Alle Waffen, die bei Zschäpe in der Wohnung gefunden worden seien, habe sie von Böhnhardt bekommen. „Das hat sie mir mal gesagt.“

          Während Stefan A. zufrieden war als „saufender und pöbelnder Skinhead“, entwickelten sich Böhnhardt und Mundlos weg von der „Spaßfraktion“ in Richtung „Parteiheinis“, wie es Stefan A. formuliert. Sie seien damals alle gegen „Staat, Ausländer und Linke“ gewesen, doch Böhnhardt und Mundlos gingen zu Demonstrationen und organisierten sich zunehmend in der Kameradschaft Jena und im Thüringer Heimatschutz.

          Zschäpe habe sich angeblich politisch nie geäußert, doch Mundlos und Böhnhardt hätten sich dann „reingesteigert in so Sachen“ und immer mehr abgekapselt. Mundlos habe ein Gedenkplakat für Rudolf Hess verfasst und Hetzgedichte. Einmal habe Mundlos in der Stadt einer Roma-Frau ein Stück Kuchen an den Kopf geworfen.

          Außerdem sei er, A., 1996 von Mundlos als „Asi“ beschimpft worden, weil er so viel trinke. Mundlos habe ihn fortan nicht mehr gegrüßt, weil ihm seine „Lebenseinstellung“ nicht gefallen habe. Ganz andere Eindrücke von Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe hatten am Dienstag noch die Zeugen geschildert, die das Trio rund drei Jahre später im Urlaub an der Ostsee kennenlernten. Es seien nette, freundliche junge Leute gewesen, mit denen man Grillabende und Surftouren unternommen habe. Politik sei nie ein Thema gewesen.

          Weitere Themen

          Ego Shoot Video-Seite öffnen

          Mode-Selfies : Ego Shoot

          Diese Bilder füttern ihr Ego, klar. Aber bei den Mode-Selfies auf dem Bauernhof ihrer Mutter geht es unserer Autorin auch um gesunde Selbstliebe. Oder etwa nicht?

          Topmeldungen

          DFB-Pokal in Fürth : Witsel und Reus verhindern Dortmunder Blamage

          Unglaubliches Spiel im DFB-Pokal: Der BVB ist fast ausgeschieden in Fürth. Dann hat ein Neuzugang seinen Auftritt. Das Drama geht in die Verlängerung. Und Dortmund bucht das Weiterkommen last minute.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.