http://www.faz.net/-gpf-78y7f

NSU-Prozess : Maximalstraftaten vor Gericht

„Offene Diskriminierung“: Die Zschäpe-Verteidiger Wolfgang Stahl und Anja Sturm bei der Einlasskontrolle am Münchener Justizzentrum Bild: Jan Roeder

Mit dem Verfahren gegen Beate Zschäpe hat auch die prozesstaktische Abwehrschlacht ihrer Verteidiger begonnen. Die Nebenkläger, Angehörige der Opfer der NSU-Morde, sind entsetzt.

          Die Frau auf der Nebenklagebank knetet ihre Hände, senkt den Blick, schaut wieder auf, schaut zu ihrem Anwalt, bearbeitet weiter jeden einzelnen Finger. Dann senkt sie den Blick, als habe sie genug von dem Spektakel, das sich direkt vor ihren Augen abspielt: Beate Zschäpe, die mit dem Rücken zu den Fotografen steht, ihren Kopf in den Nacken wirft und ihre langen rot-schwarzen Haare schüttelt und schüttelt, als wäre sie auf einer Strandpromenade und nicht in einem Gerichtssaal. Beate Zschäpe, die im schwarzen Hosenanzug und weißer Bluse genauso gekleidet ist wie ihre Anwälte, sogar der Laptop auf ihrem Platz fehlt nicht. Beate Zschäpe, die an die Anklagebank angelehnt ihren Rücken durchdrückt, während die Fotografen nicht aufhören zu fotografieren, die gelangweilt ihren Kopf hin- und herwirft, sich immer wieder ins Haar greift, Späßchen mit ihren Verteidigern austauscht und sich ein Bonbon nimmt.

          Karin Truscheit

          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Ihr Haar stellt Beate Zschäpe an diesem Montag, als sie in den Gerichtssaal geführt wird, so in Szene, als hänge ihr Leben davon ab. Lange hält sie es aus, den Blick an die Wand gerichtet, die Fotografen im Rücken, die sich verbiegen und auf dem Boden kriechen, um vielleicht doch noch einen Blick von der Seite auf ihr Gesicht zu erhaschen. Auch die vereinzelten „Frau Zschäpe, Frau Zschäpe“-Rufe der Fotografen, die an Szenen auf dem roten Teppich erinnern, bringen sie nicht aus der Fassung. Sie dreht sich nicht um.

          Verteidigung fühlt sich diskriminiert

          Ihr gegenüber stehen, ebenso kerzengerade und fast ebenso lange, jedoch mit dem Gesicht nach vorne, die vier Sitzungsvertreter des Generalbundesanwaltes. Sie stechen durch ihre bordeauxfarbenen Roben nicht nur farblich aus dem vorherrschenden Schwarz der Anwaltsroben heraus. Als die Angeklagten hereingeführt werden, erheben sie sich und verleihen durch ihr stilles Dastehen dem Augenblick die Würde, die dem Verfahren durch die Fotoshow schon wieder abhanden zu kommen droht, ehe es noch richtig begonnen hat.

          Nach wochenlangen Querelen wegen der Vergabe der 50 festen Presseplätze im Gerichtssaal wurden die weiteren 50 Plätze für Zuhörer am Montagmorgen überwiegend von Journalisten eingenommen
          Nach wochenlangen Querelen wegen der Vergabe der 50 festen Presseplätze im Gerichtssaal wurden die weiteren 50 Plätze für Zuhörer am Montagmorgen überwiegend von Journalisten eingenommen : Bild: dpa

          Und dass nun endlich begonnen werden soll, daran lässt der Vorsitzende Richter Manfred Götzl an diesem Montag keinen Zweifel. Zwar muss er an diesem ersten Tag, noch bevor die Anklage verlesen werden kann, die Sitzung mehrfach unterbrechen, um auf die Befangenheitsanträge der Verteidigung von Beate Zschäpe und der Verteidigung von Ralf W. zu reagieren. Stundenlang führt der Verteidiger von W. aus, warum sein Mandant - ebenso wie Beate Zschäpe - Anspruch auf drei Verteidiger haben solle. Doch mehrfach verweist Götzl auf die lange Haftdauer der Angeklagten, die keine weitere Verzögerung des Verfahrens dulde.

          Weitere Themen

          Mutmaßliche Syrien-Kämpfer vor Gericht Video-Seite öffnen

          Prozessbeginn : Mutmaßliche Syrien-Kämpfer vor Gericht

          Am Oberlandesgericht in München hat der Prozess gegen mutmaßliche Kämpfer der Terrororganisation „Junud al-Sham“ begonnen. Die angeklagten drei Männern kämpften für diese Gruppe laut Staatsanwaltschaft im Bürgerkrieg in Syrien.

          Topmeldungen

          Neue Verbindung: Russland baut eine Brücke über die Straße von Kertsch.

          Krim-Annexion : Abgerissene Verbindungen

          Die Krim-Bewohner und wie sie die Welt sehen – drei Jahre nach der russischen Annexion. Würden die Bewohner wieder für einen Anschluss an Russland stimmen?
          Der amerikanische Präsident Donald Trump und Palästinenserpräsident Mahmud Abbas in Bethlehem

          Naher Osten : Palästinenser drohen Amerikanern mit Gesprächsabbruch

          Der Konflikt zwischen den Vereinigten Staaten und Palästinensern eskaliert. In Washington muss die Mission der Palästinenserorganisation PLO schließen. Palästinenserpräsident Abbas warnt vor „gefährlichen Konsequenzen für den Friedensprozess“.
          Unter dem Namen „DJ D-Sol“ legt David Solomon ungefähr einmal im Monat elektronische Musik auf.

          Manager David Solomon : Der DJ von Goldman Sachs

          David Solomon ist einer der wichtigsten Manager der amerikanischen Großbank. Daneben hat er aber noch eine ganz andere Leidenschaft.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.