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NSU-Prozess Fünf Dutzend Advokaten und ein roter Knopf

Vor dem Verfahren hatten die Verteidiger von Beate Zschäpe einen ruhigen Stil angekündigt. Doch schon am dritten Prozesstag kommt es zum Eklat.

© dpa Vergrößern Auf Wortentzug: Zu Beginn des dritten Verhandlungstages dreht Beate Zschäpe den Fotografen den Rücken zu und spricht mit ihren Anwälten.

Das Wort zu haben ist im Gerichtssaal ein flüchtiges Gut. Es erteilt zu bekommen, ist nicht immer einfach, noch schwieriger aber ist es, das Rederecht auch zu behalten. Diese Erfahrung machen besonders die Verteidiger von Beate Zschäpe in den ersten Tagen des NSU-Prozesses vor dem Oberlandesgericht München. Wolfgang Heer, einer der drei Verteidiger, drückt die meiste Zeit auf den Einschalter seines Mikrofons, sucht den Blickkontakt mit dem Vorsitzenden Richter Manfred Götzl und meldet sich. Götzl allerdings ist mit der Aufgabe betraut, darauf zu achten, das überaus große Mitteilungsbedürfnis der Verteidigung in geordnete Bahnen zu lenken und zudem die Anliegen der anderen Verfahrensbeteiligten - vier Vertreter des Generalbundesanwaltes und rund 50 Nebenklagevertreter - nicht außer Acht zu lassen.

Karin Truscheit Folgen:  

Schon zu Beginn des dritten Verhandlungstages hatte die Verteidigung von Beate Zschäpe den Vorsitzenden eindringlich um eine Mitteilung gebeten, nach welchen Kriterien er das Wort in diesem Verfahren zu erteilen gedenke. „Und Sie haben uns noch keine Antwort darauf gegeben“, sagt Wolfgang Heer, nachdem er wieder die ganze Zeit das rote Knöpfchen am Mikrofon gedrückt hatte. Verteidiger Heer sitzt von allen Verfahrensbeteiligten am nächsten am Vorsitzenden Richter und kommt trotz seiner Bemühungen und Fingerzeige nicht stets als Erster zu Wort.

Denn es liegt im Ermessen des Vorsitzenden Richters, zu beurteilen, wer sich in seinem Saal zuerst zu Wort gemeldet hat. Und er erteilt zunächst der Nebenklägervertreterin Edith Lunnebach das Wort, die Opfer eines der Kölner Sprengstoffanschläge vertritt. Diese beginnt zu reden, Wolfgang Heer drückt den Knopf, redet ebenfalls, auch ohne Mikrofon, bis der Vorsitzende, sichtlich irritiert, um Klärung bittet: „Worum geht es Ihnen denn jetzt, Rechtsanwalt Heer?“ Zuvor hatte die Verteidigung von Ralf W., dem Beihilfe zum Mord vorgeworfen wird, einen Antrag auf Aussetzung der Hauptverhandlung gestellt. Die Akten seien unvollständig, ihr Mandant durch die Presse vorverurteilt, Asservate würden fehlen und die Fotos von der Tatwaffe unscharf. „Wollen Sie zu diesem Antrag der Verteidigung nun Stellung nehmen?“, wird Rechtsanwalt Heer von Richter Götzl gefragt. Nein, das wolle er zunächst nicht, sagt Heer, er wolle nur noch einmal fragen, in welcher Reihenfolge denn Wortmeldungen erteilt würden. Unterdessen redet auch die Nebenklagevertreterin unverdrossen weiter, ebenfalls ohne Mikrofon.

Der Vorsitzende lässt sie weiterreden, sie redet also über Heers „Ich-habe-aber-jetzt-das-Wort“-Einwürfe hinweg, Heer spricht dagegen an, besteht darauf, das Wort zu haben. Im Saal wird gelacht, der Vorsitzende fragt wiederum: „Worum geht es denn, warum wollen Sie das Wort?“ - „Offensichtlich gibt es hier keine Reihenfolge der Wortbeiträge. Ich beantrage zudem, dass Sie sämtliche Verfahrensbeteiligte zur Sachlichkeit anhalten! Es geht nicht, dass gelacht wird, wenn ich rede!“ Nun springt sein Kollege, Wolfgang Stahl auf, ruft stehend: „Das kann doch nicht sein, dass hier der ganze Saal lacht, wenn prozessuale Anträge gestellt werden! Ich beantrage sofortige Unterbrechung!“ Der Vorsitzende bedeutet ihm, sich zu setzen, Stahl setzt sich, zieht seine Robe aus, schüttelt den Kopf, steht wieder auf und geht schnellen Schrittes quer durch den Saal zur Tür hinaus. Nicht nur der Vorsitzende Richter, auch seine beiden Kollegen, Wolfgang Heer und Anja Sturm schauen ihm verdutzt nach. Zwischen ihnen die Angeklagte Beate Zschäpe - regungslos.

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