http://www.faz.net/-gpf-79445
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 14.05.2013, 16:05 Uhr

NSU-Prozess Beate Zschäpe will nicht mal ihren Namen sagen

Ihre Verteidiger verzögern mit Anträgen, das Verfahren auszusetzen, die Verlesung der Anklage; Beate Zschäpe selbst schweigt beharrlich. Und der Mitangeklagte Andre E. stellt offen seine rechtsradikale Gesinnung zur Schau. Für die Angehörigen der Opfer ist der NSU-Prozess bisher schwer zu ertragen.

© dpa Der Angeklagte André E. kommt an diesem Dienstag in den Gerichtssaal

Beate Zschäpe bleibt ihrem selbstbewussten Stil treu. Diesmal ist der Hosenanzug etwas heller als beim Prozessauftakt, die vor einer Woche noch offenen langen Haare trägt sie nun als Zopf. Zschäpe scherzt mit ihren Anwälten, selbstsicher lässt sie ihren Blick durchs Gericht wandern. Über ihr Auftreten, das keinen Deut der Reue für die zehn NSU-Morde erkennen lässt, verzweifeln allmählich die Angehörigen der Opfer.

Gerade noch sieben Angehörige der Opfer des rechtsextremen NSU zählt der Nebenkläger-Rechtsanwalt Sebastian Scharner im Gericht. Nur sieben von 86 zugelassenen Angehörigen. Manche haben sich entschieden, erst wieder ins Gericht zu kommen, wenn es um die Morde an ihren Verwandten oder die zwei Kölner Bombenanschläge des NSU geht. Doch manche Angehörige und Zuschauer sind bereits frustriert vom zähen Prozessbeginn.

Auch am Dienstag will das Verfahren lange nicht in die Gänge kommen. Zschäpes Verteidiger beantragen, den Prozess auszusetzen. Es müsse ein neuer, größerer Saal gesucht werden, sagt Verteidiger Wolfgang Heer. Wenn München keinen Platz habe, müsse in ganz Deutschland gesucht werden. Heer schlägt den ehemaligen Bundestag in Bonn als Alternative zum OLG München vor.

Mehr zum Thema

Der Verteidiger begründet seinen Antrag ausführlich. Anstrengend ausführlich. Denn im Saal warten die verbliebenen Angehörigen darauf, dass es doch endlich um die Taten geht.

Stattdessen liefern sich Verteidiger Heer und Richter Manfred Götzl immer wieder Wortscharmützel. „Die Sitzungsgewalt liegt bei mir“, sieht sich Götzl schon früh zu betonen genötigt. Und später gibt es Streiterein ums Wort. „Sie unterbrechen mich schon wieder“, sagt Götzl. „Sie unterbrechen mich ja auch ständig“, sagt Heer.

Wie schon die Befangenheitsanträge vom ersten Prozesstag weist Götzl mit seinem Senat aber auch die Anträge der Verteidiger zurück, den Prozess aussetzen zu lassen. Am frühen Dienstagnachmittag kann Götzl zunächst die Personalien der Angeklagten aufnehmen. Danach endlich wird die Anklageschrift verlesen. Für zehn Morde, zwei Bombenanschläge und dazu Banküberfälle soll der NSU verantwortlich sein. Das Tatmotiv der Rechtsextremen soll Ausländerhass gewesen sein.

NSU-Prozess © dpa Vergrößern Die mutmaßliche NSU-Terroristin Beate Zschäpe: Ein selbstbewusster Auftritt - aber Schweigen zur Sache

Eine frustrierte türkischstämmige Frau auf der Tribüne hatte vor der geplanten Anklageverlesung schon mit wütenden Worten das Gericht verlassen. „Ich halte das nicht mehr aus“, waren ihre Worte, als sie die Tribüne verließ.

Den Rest gaben ihr die Zwillingsbrüder Maik und André E, letzterer ist neben Zschäpe angeklagt. Er gilt als engster Vertrauter des Terror-Trios Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe. Auf seinen Bauch hat der Neonazi „Die Jew, Die“ - stirb Jude, stirb - tätowiert. Mit seinem auf der Zuschauertribüne sitzenden Zwillingsbruder Maik scherzt er immer wieder, beide haben sich an diesem Tag ein schwarzes Shirt der Band AC/DC angezogen. Maik E. gilt ebenfalls als Szenegröße.

Lachen, sich in Pose werfen und nur ja keinen Funken von Reue oder Scham zu zeigen: Das scheint der Stil zu sein, den die Angeklagten in den NSU-Prozess bringen wollen. Und Zschäpe scheint den Angehörigen nicht mal den Gefallen tun zu wollen, auch nur ein Wort zu sagen. „Meine Mandantin wird keine Angaben zur Person machen“, sagt Heer, als der Richter sie nach ihrem Namen fragt. Zschäpe schweigt also weiter - auch das ist für die Angehörigen ein schwer zu ertragender Zustand.

Quelle: FAZ.NET mit AFP

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Prozess wegen Volksverhetzung Bachmann weist Vorwürfe zurück

Die Verteidigerin von Lutz Bachmann behauptet, Facebook-Einträge von Pegida-Gründer Bachmann seien gefälscht worden. Ansonsten seien Ausdrücke wie Viehzeug für Flüchtlinge von der Meinungsfreiheit gedeckt. Mehr

19.04.2016, 10:23 Uhr | Politik
Video Erster Prozess um Übergriffe in der Silvesternacht

Vor dem Amtsgericht Düsseldorf hat der erste Prozess in Nordrhein-Westfalen um sexuelle Übergriffe auf Frauen in der Silvesternacht begonnen. Angeklagt ist ein 33-jähriger Marokkaner wegen eines Vergehens in der Düsseldorfer Altstadt. Mehr

11.04.2016, 17:04 Uhr | Politik
Prozessauftakt in Frankfurt Neben aufgespießten Köpfen zu sehen

Nach eigenen Worten hat der Angeklagte in Syrien nur helfen wollen. Doch wie gerät er dabei auf abscheuliche Bilder? Und braucht man als Helfer eine Kalaschnikow? Der Prozess in Frankfurt soll eine Reihe interessanter Fragen klären. Mehr

03.05.2016, 15:37 Uhr | Rhein-Main
Hanau Nebenkläger im geplatzten Auschwitz-Prozess erinnert

Israel Löwenstein war Nebenkläger in einem der letzten Prozesse gegen einen ehemaligen Wachmann im KZ Auschwitz. Am 13. April sollte es losgehen. Am Donnerstag teilte das Landgericht Hanau mit, der Angeklagte sei verstorben. Mehr

08.04.2016, 09:27 Uhr | Rhein-Main
Detmolder Auschwitz-Prozess Es tut mir aufrichtig leid

Der frühere SS-Wachmann Reinhold Hanning hat sich im Detmolder Auschwitz-Prozess für sein Handeln entschuldigt. Ich schäme mich dafür, dass ich das Unrecht sehend geschehen lassen und dem nichts entgegengesetzt habe, sagte der 94-Jährige. Mehr

29.04.2016, 14:07 Uhr | Politik
Vorwahlen in Amerika

Sticht Trumps Trumpf?

Von Klaus-Dieter Frankenberger

Donald Trumps Lieblingsgegner in der Handelspolitik ist China. Seine Angriffe sind ziemlich heftig - überraschend sind sie nicht. Mehr 2

Abonnieren Sie den Newsletter „Politik-Analysen“