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NSU-Prozess : Im Zweifel gegen die Verteidigung

Wird Beate Zschäpe mit Mathias Grasel an ihrer Seite jetzt aussagen, obwohl Sturm und ihre Kollegen immer wieder das Schweigen als beste aller Möglichkeiten gepriesen haben? Vieles hat aus Sicht der Verteidiger für das Schweigen gesprochen. Andere sagen, was taktisch und in einem konventionellen Prozess vielleicht richtig wäre, könne in einem politisch aufgeladenen Verfahren verheerend wirken. Dass der neue Anwalt jetzt den Strategiewechsel als Option ins Spiel bringt – „derzeit ist keine Aussage geplant“ –, lässt Anja Sturm und ihre Kollegen schlecht aussehen. Das ist nicht fair.

Nichts ist leichter, als nach zwei Jahren atomisierter Beweisaufnahme in ein Verfahren zu springen und mit einer Aussage zu winken, die die Angeklagte retten und der Öffentlichkeit die Wahrheit bringen soll. Vielleicht haben die drei Verteidiger Beate Zschäpe dann doch unterschätzt, die zum zweiten Mal innerhalb eines Jahres versucht, ihre Anwälte bloßzustellen. Gescheitert sind sie auf jeden Fall damit, Zschäpe von ihrer Strategie zu überzeugen. Aber womöglich wäre sie mit allen Anwälten früher oder später so umgesprungen. Vielleicht erkennt man in dieser Art mehr von Zschäpes starker Rolle innerhalb des mutmaßlichen NSU-Trios, als die Hausmütterchen-Theorie jemals ahnen ließ.

Besonders Anja Sturm wird von Zschäpe vorgeführt. Mit festgezurrten Gesichtszügen tat Sturm in der Erniedrigung so, als sei es völlig normal, auf der Anklagebank die Plätze zu tauschen. Zschäpe hat ihre Verteidigerin als geldgierig und unfähig verunglimpft. Und das nach all der Arbeit und Lebenszeit, die Sturm schon in dieses Verfahren investiert hat: die Stunden im Zug, die Trennung von der Familie, die zermürbenden, langen Prozesstage, an denen jedes Wort von Brandgutachten, Verletzungsmustern und Sonnenwendfeiern minutiös protokolliert werden muss. Zudem läuft es, was angesichts der Komplexität nicht verwundert, auch nicht immer rund im Gericht, schon vor dem Zerwürfnis mit Zschäpe nicht. Manchmal verheddert sich Anja Sturm während der Befragungen, kontert Beanstandungen nicht oder nicht so schneidend, wie es erforderlich wäre.

Der Prozess hat weit in ihr Leben übergegriffen, frisst Nerven, Zeit und Geld. Er lässt kaum Raum für andere Mandate, die sich alle drei durch die große Aufmerksamkeit erhofft hatten. Und ob die großen Mandate so kommen werden, wenn der Prozess vorbei ist, bezweifeln Kollegen. Die „rechte Szene“ würde sich lieber von Gleichgesinnten verteidigen lassen. Und Wirtschaftskriminelle, mit denen sich Geld verdienen lässt, fänden Anwälte, die Beate Zschäpe über Jahre vertreten haben, zu „schmuddelig“. Mit diesen Fragen muss sich Anja Sturm auseinandersetzen – als sei es im Moment mit einer unberechenbaren Mandantin nicht anstrengend genug. Von der „Staranwältin“ zur unerwünschten Pflichtverteidigerin – der umgekehrte Weg in der öffentlichen Wahrnehmung wäre ihr lieber gewesen. „Jeder Angeklagte hat den Anwalt, den er verdient“, hat Anja Sturm vor Prozessbeginn dieser Zeitung gesagt. Sie wird sich allmählich fragen müssen, ob Beate Zschäpe sie überhaupt verdient hat.

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