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NSU-Prozess : Ahnungslos bis zur Erschöpfung

Carsten S. auf dem Weg in den Gerichtssaal Bild: AFP

Still und tränenreich: Carsten S. berichtet über seine Zeit als Handlanger des NSU - über die Konsequenzen will er dabei nie nachgedacht haben. Die Frau, die vermutlich jede Frage an ihn beantworten könnte, lutscht derweil Bonbons.

          Während der Angeklagte Carsten S. am Mittwoch unter Tränen über seine Zeit in der rechtsextremen Szene spricht, nimmt Beate Zschäpe sich mit leisem Klappern ein Hustenbonbon aus der Blechbüchse ihres Rechtsanwaltes. Als S. sehr bewegt über die schweren Verletzungen von zwei Männern spricht, die er einst gemeinsam mit Kameraden zusammengeschlagen hat, malt Beate Zschäpe kleine Kreise auf ein Stück Papier.

          Justus Bender

          Redakteur in der Politik.

          „Es war ein einfaches Weltbild, das ich damals hatte, sehr schwarzweiß. Ich dachte, dass es uns schlecht geht als Deutsche. Dass wir unsere Heimat einbüßen. Dass wir vom Finanzjudentum regiert werden“, sagt S. Mittlerweile distanziert sich der Angeklagte vom Rechtsextremismus, weil er - nach einiger Überlegung - die militante Schwulenfeindlichkeit der Szene und seine eigene Homosexualität für unvereinbar hält.

          Gehobene Augenbrauen, massierte Ellenbogen

          Mit Mühe versucht sich S. an den Moment zu erinnern, in dem er den Mitgliedern des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU) in einem abbruchreifen Haus in Chemnitz die spätere Tatwaffe, eine Ceska83, übergeben hat. Seine Sätze stocken. Die Frau, die vermutlich jede Frage beantworten könnte, sitzt wenige Zentimeter vor ihm. Und Beate Zschäpe kommentiert die Sätze von S. mit ihrer Gestik. Mal hebt sie ihre Augenbrauen und schaut fragend zur Saaldecke, mal massiert sie ihren Ellenbogen, mal inspiziert sie ihre Fingernägel - schweigend.

          Beate Zschäpe und Carsten S. haben sich durch ihr Aussageverhalten in eine Situation gebracht, in der sie vom jeweils anderen abhängig sind. Könnte S. mit seiner Aussage den Vorwurf der Mittäterschaft gegen Beate Zschäpe erhärten, hätte diese sich um den strafmildernden Lohn eines Geständnisses gebracht. Umgekehrt kann Carsten S. nur auf einen Vorteil seiner Aussagebereitschaft hoffen, solange die Mitwisserin Beate Zschäpe schweigt.

          Entsprechend groß ist der Eifer von S., bei dem Vorsitzenden Richter Manfred Götzl den Eindruck von Ausführlichkeit und Wahrheitsliebe zu erwecken. Aus eigenem Antrieb ergänzt er seine Aussagen vom Vortag und bemüht sich in devotem Tonfall, die Nachfragen des Richters zu beantworten. Dieser bleibt skeptisch, hakt nach, vielleicht auch, weil mit jedem Satz, den S. über Zschäpe sagt, der Druck auf die Hauptangeklagte steigt, sich selbst zu äußern. „Das ist mir zu wenig“, sagt Götzl einmal in gereiztem Tonfall zu S., „damit gebe ich mich nicht zufrieden.“ Und es liegt eine kaum verhohlene Drohung in diesen Worten. Sollte Götzl die Aussage von S. als nicht ausreichend bewerten, könnte dessen Strafmaß empfindlich steigen.

          Carsten S. war der Bote und Handlanger des NSU. So viel gibt er zu. Er organisierte Briefwechsel und Telefonate zwischen den Untergetauchten und ihren Familien. Von wechselnden Telefonzellen aus hörte er etwa alle zwei Wochen den Anrufbeantworter einer mit falschen Personendaten beschafften Handynummer ab, auf dem Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe ihre Anweisungen hinterlassen hatten. Einmal soll S. im Auftrag der Gruppe aus der versiegelten Wohnung von Beate Zschäpe Dokumente gestohlen haben. Ein anderes Mal stahl er gemeinsam mit dem Angeklagten Ralf Wohlleben im Auftrag der Gruppe ein Motorrad. Zudem beteiligte sich S. an der Vermarktung des Brettspiels „Pogromly“ - einer nazistischen Abwandlung des Spiels „Monopoly“ - und ließ den NSU-Mitgliedern in der Szene gesammelte Spenden zukommen.

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