Home
http://www.faz.net/-hqo-79q3w
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
Digitale Exzellenz

NSU-Prozess Ahnungslos bis zur Erschöpfung

Still und tränenreich: Carsten S. berichtet über seine Zeit als Handlanger des NSU - über die Konsequenzen will er dabei nie nachgedacht haben. Die Frau, die vermutlich jede Frage an ihn beantworten könnte, lutscht derweil Bonbons.

© AFP Vergrößern Carsten S. auf dem Weg in den Gerichtssaal

Während der Angeklagte Carsten S. am Mittwoch unter Tränen über seine Zeit in der rechtsextremen Szene spricht, nimmt Beate Zschäpe sich mit leisem Klappern ein Hustenbonbon aus der Blechbüchse ihres Rechtsanwaltes. Als S. sehr bewegt über die schweren Verletzungen von zwei Männern spricht, die er einst gemeinsam mit Kameraden zusammengeschlagen hat, malt Beate Zschäpe kleine Kreise auf ein Stück Papier.

Justus Bender Folgen:    

„Es war ein einfaches Weltbild, das ich damals hatte, sehr schwarzweiß. Ich dachte, dass es uns schlecht geht als Deutsche. Dass wir unsere Heimat einbüßen. Dass wir vom Finanzjudentum regiert werden“, sagt S. Mittlerweile distanziert sich der Angeklagte vom Rechtsextremismus, weil er - nach einiger Überlegung - die militante Schwulenfeindlichkeit der Szene und seine eigene Homosexualität für unvereinbar hält.

Gehobene Augenbrauen, massierte Ellenbogen

Mit Mühe versucht sich S. an den Moment zu erinnern, in dem er den Mitgliedern des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU) in einem abbruchreifen Haus in Chemnitz die spätere Tatwaffe, eine Ceska83, übergeben hat. Seine Sätze stocken. Die Frau, die vermutlich jede Frage beantworten könnte, sitzt wenige Zentimeter vor ihm. Und Beate Zschäpe kommentiert die Sätze von S. mit ihrer Gestik. Mal hebt sie ihre Augenbrauen und schaut fragend zur Saaldecke, mal massiert sie ihren Ellenbogen, mal inspiziert sie ihre Fingernägel - schweigend.

Beate Zschäpe und Carsten S. haben sich durch ihr Aussageverhalten in eine Situation gebracht, in der sie vom jeweils anderen abhängig sind. Könnte S. mit seiner Aussage den Vorwurf der Mittäterschaft gegen Beate Zschäpe erhärten, hätte diese sich um den strafmildernden Lohn eines Geständnisses gebracht. Umgekehrt kann Carsten S. nur auf einen Vorteil seiner Aussagebereitschaft hoffen, solange die Mitwisserin Beate Zschäpe schweigt.

Mehr zum Thema

Entsprechend groß ist der Eifer von S., bei dem Vorsitzenden Richter Manfred Götzl den Eindruck von Ausführlichkeit und Wahrheitsliebe zu erwecken. Aus eigenem Antrieb ergänzt er seine Aussagen vom Vortag und bemüht sich in devotem Tonfall, die Nachfragen des Richters zu beantworten. Dieser bleibt skeptisch, hakt nach, vielleicht auch, weil mit jedem Satz, den S. über Zschäpe sagt, der Druck auf die Hauptangeklagte steigt, sich selbst zu äußern. „Das ist mir zu wenig“, sagt Götzl einmal in gereiztem Tonfall zu S., „damit gebe ich mich nicht zufrieden.“ Und es liegt eine kaum verhohlene Drohung in diesen Worten. Sollte Götzl die Aussage von S. als nicht ausreichend bewerten, könnte dessen Strafmaß empfindlich steigen.

Carsten S. war der Bote und Handlanger des NSU. So viel gibt er zu. Er organisierte Briefwechsel und Telefonate zwischen den Untergetauchten und ihren Familien. Von wechselnden Telefonzellen aus hörte er etwa alle zwei Wochen den Anrufbeantworter einer mit falschen Personendaten beschafften Handynummer ab, auf dem Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe ihre Anweisungen hinterlassen hatten. Einmal soll S. im Auftrag der Gruppe aus der versiegelten Wohnung von Beate Zschäpe Dokumente gestohlen haben. Ein anderes Mal stahl er gemeinsam mit dem Angeklagten Ralf Wohlleben im Auftrag der Gruppe ein Motorrad. Zudem beteiligte sich S. an der Vermarktung des Brettspiels „Pogromly“ - einer nazistischen Abwandlung des Spiels „Monopoly“ - und ließ den NSU-Mitgliedern in der Szene gesammelte Spenden zukommen.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Edathy-Prozess Weder Talkshow noch Tribunal

Zu viel Öffentlichkeit vor und während des Prozesses gegen Sebastian Edathy? Seine Verteidiger beklagen die mediale Vorverurteilung. Ein gewichtiges Argument, denn ein Strafverfahren hat auch die Aufgabe, Grundrechte zu sichern. Ein Kommentar. Mehr Von Reinhard Müller

24.02.2015, 12:58 Uhr | Politik
Prozess gegen Beate Zschäpe Es nimmt sie ein wenig mit

Unterbrechungen, Schwindelanfälle der Angeklagten und ein Brief aus der Haftanstalt: Die F.A.Z.-Korrespondentin Karin Truscheit berichtet im Telefoninterview aus dem Münchner NSU-Prozess. Mehr Von Susanne Kusicke

16.10.2014, 11:13 Uhr | Politik
Kasseler NSU-Mord Was Bouffier als Zeuge erwartet

Als Zeuge wurde Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier schon einmal zu dem Kasseler NSU-Mord befragt. Nach seiner Vernehmung im Untersuchungsausschuss des Bundestages 2012 dürfte der frühere Innenminister nun zum Münchner NSU-Prozess geladen werden.  Mehr Von Karin Truscheit, München

24.02.2015, 18:24 Uhr | Politik
Landgericht München Demonstrationen am Rande des NSU-Prozesses

Einige Hundert Demonstranten zeigen Flagge gegenüber einigen wenigen Demonstranten aus dem Umfeld der Gruppierung Die Rechte am Rande des NSU-Prozesses. Der Angeklagten Beate Zschäpe war am Dienstag offiziell unwohl. Mehr

03.03.2015, 17:03 Uhr | Politik
NSU-Prozess Anwälte wollen Bouffier und Beckstein als Zeugen hören

Der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier und der frühere bayerische Ministerpräsident Günther Beckstein sollen als Zeugen beim NSU-Prozess in München aussagen. Das haben Anwälte der Nebenklage beantragt. Mehr

26.02.2015, 17:05 Uhr | Politik
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 05.06.2013, 19:29 Uhr

So hält man Reich und Seele zusammen

Von Berthold Kohler

Erst Putin erzeugt, wovor die Russen sich fürchten: Er bringt die Nachbarn dazu, sich der Nato zuzuwenden. Genau das könnte seine Absicht gewesen sein. Ein Kommentar. Mehr 3 15