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Veröffentlicht: 29.04.2015, 08:59 Uhr

Schweigen im NSU-Prozess Wie lange kann Zschäpe noch schweigen?

Die Hauptangeklagte im NSU-Prozess schweigt eisern – auf Anraten ihrer Anwälte. Weil Zschäpe darunter leidet, vertraute sie sich einem Arzt an. Sein Gutachten gibt den Blick frei auf eine zunehmend zermürbte Angeklagte.

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© dpa Schweigen ist nicht immer Gold: Beate Zschäpe mit ihren Verteidigern Anja Sturm und Wolfgang Heer

Seit Beginn des NSU-Prozesses appellieren die Hinterbliebenen der Opfer an die Hauptangeklagte Beate Zschäpe, ihr Schweigen zu brechen. Die Ombudsfrau der Bundesregierung für die NSU-Opfer, Barbara John, hat sich ähnlich geäußert. Und sogar der damalige Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich mahnte vor Prozessbeginn, Zschäpe solle mit einer Aussage vor Gericht zur Aufklärung der rechtsterroristischen Mordserie beitragen.

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Doch die Verteidiger haben die Strategie des Schweigens stets selbstbewusst vertreten. Einige Male kam es zu Gerüchten, Zschäpe wolle dem Rat ihrer Verteidiger nicht länger folgen. So hatte es Mutmaßungen gegeben, das Zerwürfnis zwischen der Hauptangeklagten und ihren Verteidigern im vergangenen Sommer beruhe auf Uneinigkeit mit Blick auf die Strategie des Schweigens. Doch Zschäpes Unmut über ihre Verteidiger hatte andere Gründe. Belastbare Anhaltspunkte dafür, dass die Öffentlichkeit von Zschäpe etwas über ihr Verhältnis zu den beiden „Uwes“, über das Leben im Untergrund und über Planung und Ausführung der Taten erfahren wird, gab es bislang nicht.

Das hat sich nun geändert. Der Psychiater Norbert Nedopil hat Zschäpe in einem psychiatrischen Gutachten, eine „chronische Belastungsreaktion“ attestiert, deren Ursachen er maßgeblich auf die „extrem kraftraubende Verteidigungsstrategie“ zurückführt. Als Symptome identifiziert der Gutachter „Einbußen an Antrieb, Konzentrationsfähigkeit, Ausdauer, Erschöpfung und Müdigkeit mit psychosomatischen Begleiterscheinungen wie Übelkeit, Erbrechen und Röschenflechte“. In der vergangenen Woche war allen Prozessbeteiligten erlaubt worden, das Anfang März erstellte Gutachten in der Geschäftsstelle des Oberlandesgerichts einzusehen. Das Gutachten, das dieser Zeitung nun in Gänze vorliegt, gibt dabei einen Einblick in Zschäpes Gemütszustand.

Zschäpe kann kein Yoga mehr

Laut dem Gutachten hat Zschäpe geäußert, „dass die Fassade des Schweigens allmählich bröckele und dass sie insbesondere nicht mehr in der Lage sei, die Gesichtszüge zu kontrollieren“. So reiße sie bei Erstaunen die Augen auf und signalisiere mit Mimik und Gestik auch Ablehnung und Zustimmung. Das habe sie zu Beginn vermeiden können. Im ersten Jahr sei sie kämpferisch gewesen und habe gedacht, dass sie das durchhalten werde, heißt es weiter. Im Sommer 2014 sei es ihr zunehmend schlechter gegangen, sie sei ausgelaugt gewesen und deutlich empfindlicher geworden.

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Als „dramatisch“ habe sie dann gegenüber Nedopil die Bekanntgabe der Gerichtstermine bis Anfang 2016 beschrieben. Das sei „wie ein Schlag“ gewesen. Der Gutachter schreibt, Zschäpe bezeichne sich selbst als zermürbt und „am Ende“ und beklage eine Vielzahl seelischer, aber auch körperlicher und nervlicher Beschwerden. Tatsächlich wurde die Hauptverhandlung aus Krankheitsgründen im Februar unterbrochen. Zschäpe habe Nedopil davon berichtet dass sie selbst Yoga gelernt habe, diese Übungen jetzt aber nicht machen könne, weil sie aufgrund ihrer körperlichen Schwäche und aufgrund von Gleichgewichtsstörungen Übungen wie einen Einbeinstand nicht durchführen könne.

Verteidiger machen Fehler

Im Gerichtssaal gehe es „wie in einem Kriegsgebiet“ zu, berichtete Zschäpe laut dem Gutachten. Die Vorwürfe der Nebenkläger, die Zeitverzögerungen, die angeblichen Kränkungen und Beleidigungen, die angebliche Vergeudung von Zeit auf Nebenkriegsschauplatzen würden sie zunehmend zermürben. Sie könne nicht abschalten, weil sie auf der einen Seite ihre Fassade aufrechterhalten wolle und auf der anderen Seite aufpassen müsse, damit die Rechtsanwälte in ihrem Sinne agierten.

Es sei schon wiederholt zu Fehlern bei der Verteidigung gekommen. Zunehmend falle es ihr schwer, unbeweglich im Gerichtssaal zu sitzen oder sich mit ihrem Laptop abzulenken. Dies falle insbesondere dann schwer, wenn Bekannte aus früheren Zeiten über sie reden würden und sie nicht in der Lage sei, etwas richtigzustellen.

© reuters NSU-Prozess: „Zu viele Akten sind verschwunden.“

Nedopil, der schon zahlreiche in der Öffentlichkeit bekannte Angeklagte, darunter Gustl Mollath, begutachtet hat, kommt zu dem Befund, dass die Angeklagte „durchaus Redebedarf hatte und gerne mehr über sich und ihre Situation berichten möchte“. Sie habe berichtet, dass sie schon überlegt habe, mit wem sie reden könne. Im Zuge der Exploration habe Zschäpe mehrfach Informationen preisgegeben, die mit dem Verteidigungskonzept des Schweigens an sich nicht vereinbar seien. Sie habe dies zwar jeweils feststellen können, allerdings sei sie nicht mehr in der Lage gewesen, in „entsprechenden Versuchungssituationen“ Auskünfte zu vermeiden. Von Psychiatern wird die Unfähigkeit eines Menschen, eigene Gefühle, Gedanken oder Ideen entgegen der ursprünglichen Intention für sich zu behalten, als „Durchlässigkeit“ bezeichnet.

Rollenspiel für bessere Gesundheit aufgeben

Vor diesem Hintergrund erscheint Nedopil das Festhalten an der Verteidigungsstrategie als problematisch. Es sei eine „enorme Belastung“, da die „üblichen Methoden zum Belastungsabbau wie das Offenlegen eigener Probleme, die Erlangung mitmenschlicher Solidarität oder auch das einfache „nur darüber reden“, nicht möglich seien.

Zschäpe sei aufgrund der Strategie – „zumindest im Gerichtssaal und für gewisse Zeit auch in der Haftanstalt – mit einem fassadenhaften Rollenspiel“ verbunden. Aus psychiatrischer Sicht sei daher zu überlegen, schreibt Nedopil, ob die Verteidigungsstrategie „in Relation zu den gesundheitlichen Beeinträchtigungen“ stehe, die damit verbunden sind.

Allerdings kommt Nedopil zu dem Ergebnis, dass Zschäpe zum jetzigen Zeitpunkt nicht verhandlungsunfähig sei. Er empfiehlt, die Belastung für die Angeklagte zu verringern, also etwa die Frequenz der Verhandlungstage zu reduzieren. Das ist bereits geschehen: Mit Rücksicht auf ihren Gesundheitszustand verhandelt das Gericht nur noch zweimal pro Woche, statt wie zuvor dreimal. Und Fotos der Angeklagten sind nur noch zweimal im Monat erlaubt.

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Von Jasper von Altenbockum

Die Abschiebungen sind völlig unzureichend. Das wird so bleiben. Auf diese seit Jahren bekannten Konstruktionsmängel geht keine Partei ein - weder die SPD noch eine andere. Mehr 325

Quelle: wahlrecht.de
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