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Nordkorea Kims Überlebensstrategie

Die Worte, die Kim Jong-un in seiner Neujahrsansprache gefunden hat, klingen nicht schlecht. Doch auch ein reformiertes Nordkorea bliebe ein Unsicherheitsfaktor der internationalen Politik.

© dapd Vergrößern Nordkoreas Machthaber Kim Jong-un schwört sein Volk auf eine „radikale Kehrtwende“ ein.

Die Weltgeschichte ist nicht eben voll von Beispielen repressiver Regime, die durch das rechtzeitige Einleiten von Reformen das physische und politische Überleben ihrer führenden Repräsentanten längerfristig sichern. Und da soll nun ausgerechnet die nordkoreanische Führung, die in den vergangenen Jahrzehnten außer durch Absonderliches vor allem durch vielerlei Scheußlichkeiten aufgefallen ist, eine rühmliche Ausnahme bilden? Die Worte, die Staatsführer Kim Jong-un in seiner Neujahrsansprache gefunden hat, klingen nicht schlecht. Allerdings gehörten Formeln wie „alles für das Volk“ auch schon zum Standardrepertoire der DDR-Führung. Man wird also abwarten müssen, was Kim meint. Und dann muss sich herausstellen, was er verwirklichen kann. Denn auch wenn man ihm besten Willen unterstellen wollte: er allein kann die Wirtschaft Nordkoreas nicht auf Vordermann bringen. Und die Funktionäre, auf die es letztlich ankommt, arbeiten seit Jahrzehnten in erster Linie für den Erhalt des Systems (und ihrer Privilegien), nicht für das Land oder gar für das Volk.

Ohne Reformen geht es auf Dauer nicht

Peter Sturm Folgen:    

Mit dieser Strategie sind die drei Herrscher der Familie Kim bislang nicht schlecht gefahren. Immer wieder wurde das Regime totgesagt. Und immer wieder hat es überlebt. Womöglich wirkt sich bei Kim Jong-un jetzt aber doch das aus, was er während seines Schulaufenthalts in der Schweiz (entsprechende Berichte werden zumindest nicht dementiert) von der Außenwelt gesehen hat. Ganz ohne Reformen geht es auf Dauer nicht. Die Erfahrungen des Nachbarn China könnten Kim Mut machen. Dort ist ein Entwicklungsschub gelungen. Und die Kommunistische Partei regiert trotzdem noch, obwohl ihr Ansehen wegen grassierender Korruption schwer gelitten hat. Als Überlebensstrategie für das Regime könnte eine allmähliche wirtschaftliche Öffnung Nordkoreas nach chinesischem Muster also kurz- und mittelfristig Erfolg versprechen.

Das „Gorbatschow-Syndrom“

Allerdings wird auch das „Familienunternehmen“ an der Spitze des Landes über kurz oder lang der Antwort auf die Frage nicht ausweichen können, warum das Volk auf sein Schicksal politisch so gar keinen Einfluss haben darf. Dieses zuweilen „Gorbatschow-Syndrom“ genannte Problem könnte auch dazu führen, dass den wortreichen Ankündigungen Kim Jong-uns wenige oder gar keine Taten folgen. Die Kräfte der Beharrung in Nordkorea sind nicht zu unterschätzen, auch wenn Kim Jong-un schon bald nach seinem Machtantritt begonnen hat, wichtige Posten neu zu besetzen. Die Skeptiker werden zumeist unter den Militärs und Sicherheitsleuten vermutet.

Auch hier drängen sich Vergleiche zur Endphase der Sowjetunion auf. Es gibt allerdings einen entscheidenden Unterschied. Wenn Michail Gorbatschow gestürzt worden wäre, hätte eine andere Fraktion der Kommunistischen Partei die Macht übernommen. Genauso wäre es gekommen, wenn in China 1978 Deng Xiaoping die Wende nicht geschafft hätte. In beiden Fällen wäre das System aber unangetastet geblieben, wie lebensfähig es auch immer gewesen wäre. Wenn in Nordkorea Kim Jong-un mit einer Reformagenda nicht durchkäme und seinen Posten verlassen müsste, wäre mit einem Schlag die komplette Staatsstruktur am Ende. Das politische System ist auf den Führer fokussiert. Und der hat aus der Familie zu kommen. Kim Jong-un hat zwar Brüder. Aber die sind wahrscheinlich politisch nicht gewichtig genug, um ihn zu ersetzen.

22669422 © AFP Vergrößern Im nordkoreanischen Fernsehen: Kim Jong-un mit seiner Frau bei einer Neujahrsfeier in Pyongyang.

Diese delikate Konstellation ist Chance und Risiko zugleich. Gelingt dem Land der Ausbruch aus der (auch) selbstgewählten internationalen Isolation, dann hat sich das Gottesgnadentum des 21. Jahrhunderts zusätzliche Lebenszeit erkauft. Scheitert der Herrscher aber, ist das Regime in Pjöngjang am Ende und mit ihm womöglich der ganze Staat. Diese „Aussicht“ könnte Reformskeptiker in der herrschenden Elite zur Zurückhaltung bewegen.

Aber auch ein reformiertes Nordkorea bliebe ein Unsicherheitsfaktor der internationalen Politik. Da sollte man sich nichts vormachen. Es ist wahrscheinlicher, dass dereinst alle Nordkoreaner an Übergewicht leiden als dass das Misstrauen gegenüber der bösen Welt aus den Köpfen der Herrschenden verschwindet. Ein wohlhabenderes Nordkorea könnte sich (noch) mehr und bessere Waffen leisten als das verarmte Land von heute. Deshalb wäre es vernünftig, wenn Südkorea und andere nicht nur wirtschaftliche Gelegenheiten in Nordkorea sähen, sondern eine außenpolitische Strategie entwickelten, die Sicherheitsgesichtspunkte nicht außer acht lässt.

Diktatoren in Bedrängnis können hochgefährlich sein. Solche, die im Geld schwimmen, aber auch. Am ehesten wäre Korea und der Region mit einer „deutschen Lösung“ geholfen, also einer Wiedervereinigung unter demokratischen Vorzeichen. Das würde zwar sehr teuer, weshalb sich Südkorea schon seit mindestens zwei Jahrzehnten große Sorgen macht. Aber der Frieden in Nordostasien bliebe in diesem Fall wohl erhalten. Nur wäre dann die ganze schöne Überlebensstrategie des Kim Jong-un gescheitert. Aber das wäre dann ein Opfer, das man gut verschmerzen könnte.

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Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 03.01.2013, 22:02 Uhr

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