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Veröffentlicht: 09.12.2013, 12:25 Uhr

Nordkorea Der Mann, der nie existierte

Nordkoreas zweitmächtigster Mann ist entmachtet. Vor den Augen eines ganzen Parteitags wurde Jang Song-thaek abgeführt. Er soll eine konterrevolutionäre Fraktion gebildet haben. Hinrichtungen dürften folgen.

von , Peking
© REUTERS Öffentliche Demütigung: Jang Song-thaek wird abgeführt.

Der zweitwichtigste Mann Nordkoreas ist zur Unperson geworden. Nach bestem kommunistischen Vorgehen wurde Jang Song-thaek aus Bilddokumenten gelöscht, die ihn neben dem großen Führer Kim Jong-un zeigen. Der Gestürzte hat nie existiert, der Sieger triumphiert vollkommen. Die Vorwürfe, die gegen den bisherigen stellvertretenden Vorsitzenden von Nordkoreas Militärkommission erhoben werden, sind die schwersten, die es im kommunistischen Register politischer Verbrechen gibt: „Konterrevolutionäre Verbrechen“ habe er begangen und den Befehlen des großen Führer Kim Jong-un nicht gefolgt, befand das Politbüro der Arbeiterpartei Nordkoreas.

Petra  Kolonko Folgen:

Nach dem offiziellen Beschluss über Jang Song-thaeks Sturz war sein größtes Vergehen, dass er in der Partei eine eigene Fraktion gebildet hat. Von ihm und „seinen Gefolgsleuten“ ist die Rede. Wie viele das waren, ist offen. Ebenso offen ist, wer zu der jetzt als „Jang-Fraktion“ benannten Gruppe gehörte. Es bleibt vorerst ein Geheimnis der Partei, das möglicherweise erst dann gelüftet wird, wenn die ersten Hinrichtungen folgen.

Zu reformistisch?

Was die Verbrechen von Jang Song-thaek wirklich waren, bleibt Spekulation. Hat er, wie einige in Südkorea vermuten, zu sehr auf Wirtschaftsreformen und Kontakte zu China gesetzt? Oder waren seine Nebengeschäfte, von denen in Berichten aus Südkorea immer wieder die Rede war, wirklich so dreist, dass es selbst Kim Jong-un und seiner Nomenklatura zu viel wurde? Nordkorea gilt  mittlerweile als eines der korruptesten Länder der Welt, und man weiß, dass die Führungsschicht über Mittel und Wege verfügt, sich zu bereichern, derweil der Großteil des Landes in Armut lebt.

26999129 Jang Song-thaek wurde aus den offiziellen Staatsvideos geschnitten © AFP Bilderstrecke 

In dem Beschluss des Politbüros heißt es, Jang habe den Ausverkauf der staatlichen Ressourcen betrieben. Nordkorea verkauft seine Bodenschätze hauptsächlich an China. Es ist möglich, dass Jang Song-thaek, aber sicher nicht nur er, von den Geschäften profitiert hat. Der Sturz Jang Song-thaeks ist auch eine Überraschung, weil er wegen seiner Einheirat in die Kim-Familie als unberührbar galt. Da niemand es wagt, den Kim-Clan herauszufordern, ist die einzig mögliche Erklärung, dass der junge Führer Kim Jong-un den Sturz seines Onkels betrieben hat und damit sogar auch seine Tante in denkbar schlechtes Licht rückt.

Jang Song-thaek wird detailliert eines dekadenten Lebensstils beschuldigt. Er habe Beziehungen mit vielen Frauen  gehabt, viel Geld für gutes Essen ausgegeben, und habe dem Glücksspiel gefrönt. Die Tante, Kim Kyong-hui, die ebenfalls Regierungsämter innehat, wurde in den Beschlüssen nicht erwähnt. Kim Jong-un war noch keine 30 Jahre alt, als sein Vater Kim Jong-il vor zwei Jahren starb. Der Machtübergang von dem mächtigen Diktator auf den noch unerfahrenen Sohn galt als riskantes politisches Verfahren, denn besonders im Militär, der wichtigsten Gruppierung in Nordkorea, gab es bei alten Generälen anscheinend wenig Begeisterung über den jungen Führer.

Fühlte sich Kim bevormundet?

Der gewiefte Machtpolitiker Yang Song-thae übernahm es, Kim Jong-uns Regime zu festigen und alle auf seine Führung einzuschwören. Nach einigen Berichten aus Südkorea soll Kim Jong-il selbst Jang Song-thaek als „Regenten“ bestimmt haben. Dass Jang Song-thaek damals noch zu den Vertrauten gehörte, zeigt sich auch darin, dass er einer der Funktionäre war, die den Leichenwagen Kim Jong-ils zur Beisetzung begleiten durften. Es gab schon im vergangenen Jahr Berichte, dass der junge Kim Jong-un sich aus der Bevormundung durch seinen Onkel lösen wollte.

Mit der jetzigen Säuberung folgt Kim Jong-un durchaus dem Beispiel seines Vaters und des Großvaters Kim Il-sung, die beide ihre Macht durch große Säuberungen festigten und dabei nicht vor Verhaftungen und Hinrichtungen von Verwandten und ehemaligen Verbündeten zurückschreckten. Wie weit Differenzen über die Wirtschaftspolitik beim Sturz des Onkels eine Rolle spielen, lässt sich nicht beurteilen. Nach Ansicht des Nordkorea-Beobachters Andrei Lankov in Seoul neigt Kim Jong-un zu Wirtschaftsreformen und  hat selbst die Einrichtung von Wirtschaftssonderzonen unterstützt.

Ob Jang Song-thaek ihn bei dieser Politik zu wenig unterstützt oder zu viel getrieben  hat, bleibt unklar. Ob es die Jang-Fraktion wirklich gibt oder erfunden wurde, um seinen Sturz zu  rechtfertigen, wird sich erst später herausstellen. Der Fall erinnert an ein ähnliches Vorkommnis im sozialistischen China vor mehr als vierzig Jahren. Maos Stellvertreter Lin Biao wurde nach seinem Sturz und Flucht beschuldigt, eine „konterrevolutionäre Fraktion“ geleitet zu haben. Doch die hat nach neueren Erkenntnissen der Historiker nie existiert.

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Quelle: wahlrecht.de
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