15.04.2005 · Trotz der beachtlichen Stellung der katholischen Kirche Amerikas daheim und im Vatikan ist die Wahl eines amerikanischen Papstes unwahrscheinlich. Mißbrauchsskandale und der Ruf nach Reformen stehen im Weg.
Von Matthias Rüb, WashingtonWarum eigentlich nicht: ein Papst aus Nordamerika? Die katholische Kirche der Vereinigten Staaten ist mit 67,3 Millionen Gläubigen in absoluten Zahlen die drittgrößte der Welt.
Die meisten Diözesen in den Vereinigten Staaten gewinnen an Gläubigen, sie sind ethnisch vielfältig und polyglott, der Zustrom der katholischen Immigranten aus Lateinamerika verbindet sich mit dem vitalen Glaubensfundament der Nachfahren der europäischen Einwanderer.
Zweitgrößte nationale Gruppe im Gremium
Wort und Stimme der elf Kardinäle aus den Vereinigten Staaten haben im Konklave erhebliches Gewicht. Sie stellen fast ein Zehntel der 115 wahlberechtigten Kardinäle und sind nach Italien mit 21 Kardinälen die zweitgrößte nationale Gruppe im Gremium.
Zudem vertreten die Kardinäle aus Boston, New York oder Los Angeles ein Land, dessen Regierung in wichtigen ethischen und sozialpolitischen Fragen wie Abtreibung, Homosexuellenehe, Stammzellenforschung und Sterbehilfe der Doktrin des Vatikans so treu folgt wie keine andere in einem westlich geprägten Industriestaat.
„Kultur des Lebens“
Präsident Bush hat sich nicht umsonst die Rede von Johannes Paul II. von einer aus festem Gottesglauben gespeisten „Kultur des Lebens“ zu eigen gemacht, der auch die staatliche Macht zu dienen habe. In kaum einem anderen westlichen Land fand dieser Ruf nach einer „Kultur des Lebens“ - gegen die vom Kommunismus wie vom kruden Kapitalismus praktizierte materialistische „Kultur des Todes“ - so breiten und tiefen Widerhall wie ausgerechnet im Land von Hollywood und Las Vegas.
Und nicht umsonst hat die Mehrheit der katholischen Wähler bei den Präsidentenwahlen vom November 2004 für den Methodisten Bush gestimmt - und nicht für den Katholiken John Kerry. Selbst die von der katholischen Kirche unterstützte Kampagne gegen die Todesstrafe scheint nach dem jüngsten Urteil des Obersten Gerichts in Washington, wonach die Hinrichtung jugendlicher Straftäter gegen die Verfassung verstoße, wieder Auftrieb zu gewinnen.
Wahl eines amerikanischen Papstes unwahrscheinlich
Trotz der beachtlichen Stellung der katholischen Kirche der Vereinigten Staaten daheim und in den Institutionen des Vatikans ist die Wahl eines amerikanischen Papstes aber im Grunde ausgeschlossen. Am wenigsten wollen wahrscheinlich die nordamerikanischen Kardinäle und Gläubigen einen Papst aus ihren Reihen.
Wenn schon der militärisch und politisch mächtigste Mann der Welt der Präsident der Vereinigten Staaten ist, dann kann nicht auch noch das geistliche Oberhaupt der 1,1 Milliarden Katholiken aus den Vereinigten Staaten kommen. Zumal wegen des Irak-Krieges, der den Antiamerikanismus in allen Kontinenten hat aufwallen lassen, würde die Wahl eines nordamerikanischen Papstes von der Mehrzahl der Gläubigen, die den Heiligen Stuhl tragen, als Affront des Vatikans gegen seine „Herde“ empfunden.
Ruf nach Reformen
Aber auch im Vatikan dürfte ein gewisses Mißtrauen gegen die katholische Kirche der Vereinigten Staaten überwiegen - zumal im Kardinalskollegium, dessen Zusammensetzung die Handschrift von Johannes Paul II. trägt. Denn aus den Gemeinden von Maine bis Kalifornien erschallt nicht nur der Ruf nach einer „Kultur des Lebens“, nach Friedfertigkeit und Gerechtigkeit, sondern auch nach Reformen.
Vor allem in den „europäisch“ geprägten Diözesen wird gleichsam eine Demokratisierung der Kirchenstrukturen gefordert, eine größere Rolle für die Laienschaft und mehr Transparenz und Durchlässigkeit der Hierarchie.
Die Forderung nach der Aufhebung des Zölibats und nach der Öffnung geistlicher Ämter auch für Frauen findet bei den „europäischen“ Katholiken mehr Zuspruch als bei den „lateinamerikanischen“ in den Vereinigten Staaten, wobei Religionssoziologen eine schrittweise Annäherung der Standpunkte in diesen Fragen erwarten.
Aufhebung des Zölibats?
Nach einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Ipsos im Auftrag der Nachrichtenagentur AP von Anfang April befürworten 60 Prozent der Katholiken die Priesterweihe auch für Frauen sowie die Eheschließung für katholische Geistliche - in der Gesamtbevölkerung sind es 64 beziehungsweise 69 Prozent. 62 Prozent aller Befragten - und 63 Prozent der Katholiken - waren der Ansicht, in der katholischen Kirche sollten Laien ein größeres Mitspracherecht haben.
Die Priesterweihe auch für Frauen und die Aufhebung des Zölibats könnte auch das Problem lösen helfen, daß in der katholischen Kirche der Vereinigten Staaten die Zahl der Geistlichen nicht mit dem Wachstum der Zahl der Gläubigen Schritt hält: Mehr als ein Zehntel der etwa 20.000 katholischen Gemeinden hat keinen eigenen Priester.
Seit je hierarchiefeindlicher
Der demokratische Reformeifer der nordamerikanischen Katholiken speist sich aus der historischen Quelle, daß religiöses Leben im „Mutterland der Demokratie“ seit je hierarchiefeindlicher ist als etwa in den Ländern Europas mit ihren Traditionen der Staatskirchen.
Religiöses Leben in den Vereinigten Staaten folgt den gesellschaftlichen Gesetzen, die „Gottes eigenes Land“ in der Neuen Welt seit den Gründerjahren prägen: Freiheitsliebe, Selbstbestimmung und marktwirtschaftliche Konkurrenz. Das gibt allem kirchlichen Leben in den Vereinigten Staaten - auch dem katholischen - eine Tendenz zu fast anarchischer Vielfalt.
Tiefe Krise durch Mißbrauchsskandal
Gestärkt wird der Reformeifer zusätzlich vom Mißbrauchsskandal, der die nordamerikanische katholische Kirche in ihre vielleicht tiefste Krise überhaupt gestürzt hat. Zahlreiche Prozesse wegen des sexuellen Mißbrauchs von Kindern und Jugendlichen durch Priester sind noch immer anhängig, in anderen Verfahren wurden Schadensersatzzahlungen in Millionenhöhe vereinbart.
Zumal die Diözese Boston geriet durch den nach Überzeugung vieler katholischer Gläubiger viel zu spät begonnenen Prozeß der historischen und juristischen Aufarbeitung an den Rand des moralischen Ruins. Viele Gläubige fühlten sich in ihrem Kampf um Anerkennung des Leidens der Opfer und um Wiedergutmachung von der Führung der Kirche und zumal von Rom im Stich gelassen.
Mißklang bei Trauerfeierlichkeiten
Aus ihrer Sicht dauerte es viel zu lange, ehe der Bostoner Kardinal Bernard Law, der wissentlich Kinderschänder an andere Gemeinden versetzte, statt sie zu bestrafen, und den Aufklärungsprozeß in seiner Diözese behinderte, mit seinem Rücktritt die Verantwortung für den Mißbrauch von Schutzbefohlenen übernahm.
Als Kardinal Law, der vom Papst nach seiner Demission auf den Posten eines Erzpriesters an einer der vier vatikanischen Basiliken berufen worden war, am Montag in Rom eine Gedenkmesse für Johannes Paul II. zelebrierte, gab es Proteste von amerikanischen Katholiken vor dem Gotteshaus. Sie waren ein seltener Mißklang bei den Trauerfeierlichkeiten in Rom - und ein Memento aus Boston, daß der Mißbrauchsskandal nicht auf die Vereinigten Staaten beschränkt ist.
Matthias Rüb Jahrgang 1962, politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.
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