26.06.2006 · Die holländische Gegenwehrmacht fühlt sich entwaffnet. Mancher mit orangem Plastikhelm zur WM angerückte „helmpje“ schämte sich ob der Feierfreude der Gastgeber. Die deutsche Patriotismuswelle wird mit wohlwollender Belustigung registriert.
Von Andreas RossDie holländische Gegenwehrmacht fühlt sich entwaffnet. Mehr als hunderttausend niederländische Fans hatten sich mit orangen Plastikstahlhelmen eingedeckt, die ein Unternehmer den Fußtruppen der Oranier für ihren Marsch nach Deutschland feilbot. Daß der eigene Fußballverband den Fanartikel zu 4,95 Euro auf eine rote Liste oranger Geschmacklosigkeiten setzte und bei den Vorbereitungsspielen aus den heimischen Stadien verbannte, bremste den Absatz nur leicht.
Unerschrockene Kolumnisten kämpften in den Wochen vor dem Turnier wider die politische Korrektheit und beschworen das Recht beider Nachbarn auf ihren sorgsam gepflegten Fußballkrieg. Wer habe denn vor vier Jahren gegrölt, „Ohne Holland fahr'n wir zur WM“, fragte die Fraktion der Helm-Rechtfertiger. Die weit gestreuten Völler-Bilder zur Montage im Pissoir konnten für sie noch nicht die erschöpfende Antwort auf das Lied der Deutschen des Jahres 2002 gewesen sein.
Unverhoffte Lockerheit im Lächelland
Der konfliktscheuen Korrektheit trotzend, wie es ohnehin immer mehr zur holländischen Art gerät, fand also mancher „helmpje“ in Bussen, Zügen oder Wohnwagen auf entschlossenem Fankopf den Weg nach Leipzig, Stuttgart oder Frankfurt, wo die niederländische „Elftal“ ihre Vorrundenspiele absolvierte. Doch ein guter Teil der so ausgerüsteten Schlachtenbummler (die Zeitung „Volkskrant“ klagt, das schöne deutsche Wort weiche zusehends dem schnöden „Fan“) scheiterte an der unverhofften Lockerheit im Lächelland. Ihrer Hüte geschämt hätten sie sich ob der Feierfreude der Gastgeber, gaben die Holländer mannschaftsweise zu Protokoll.
Weit und breit kein Wort der Klage über die Ausrichter des Turniers in den niederländischen Medien. Die Presse gibt sich positiv überrascht bis deutschkundig aufgeklärt über die Weltoffenheit der Nachbarn und stimmt ins pauschale Lob der Gastfreundschaft ein, das die Deutschen selbst so verblüfft über sich ergießen.
„Sie bleiben eben Deutsche“
Organisationsmängel hatte ohnehin niemand erwartet, denn selbst im lückenlos straff durchorganisierten Holland gelten die Deutschen als Meister der Ordnung. Deren größtes Problem bestehe in Berlin darin, daß die Straßenkehrmaschinen technisch mit den extragroßen Plastikbierbechern nicht zurechtkämen, meldete ein holländischer Zeitungskorrespondent nach Hause. Daß die Deutschen mit den ausländischen Gästen ausgelassene Partys feierten, hatte allerdings größeren Nachrichtenwert.
1990 hatte Beckenbauers siegestrunkene Ankündigung, dank der Wiedervereinigung werde Deutschland auf Jahre unschlagbar sein, wütende bis mahnende Kommentare in Holland provoziert. Die neue deutsche Patriotismuswelle wird dagegen mit wohlwollender Belustigung zur Kenntnis genommen. Zumal die plötzlich stolzen Deutschen ja selbst den Demoskopen anvertrauten, der Nationalzauber sei spätestens ein paar Wochen nach der WM verflogen. „Sie bleiben eben Deutsche“, erklärt wissend die „Volkskrant“.