01.11.2006 · „Vielleicht hätte ich lieber den Bau eines buddhistischen Krankenhauses ankündigen sollen“, sagt Paul Sturkenboom. Tatsächlich will der Katholik in Rotterdam eine „islamische Klinik“ errichten. Nun zerpflücken Integrationspolitiker sein Vorhaben.
Von Andreas RossAngeblich geht Paul Sturkenboom die ganze Aufregung um seine Geschäftsidee auf die Nerven. „Vielleicht hätte ich lieber den Bau eines buddhistischen Krankenhauses ankündigen sollen“, sagt er. Tatsächlich will Sturkenboom im Süden Rotterdams ein „islamisches Krankenhaus“ errichten. Darüber verhandelt er mit dem Gesundheitsministerium, zwei Krankenkassen und der Stadtregierung. Daß zuerst aber Integrationspolitiker das Vorhaben zerpflücken würden, kann den Utrechter Unternehmer nicht wirklich überrascht haben.
Spätestens seit vor zwei Jahren ein Islamist den Filmemacher Theo van Gogh ermordete, elektrisiert jeder Islam-Streit viele Niederländer. Drei Wochen vor der Parlamentswahl stürzen sich die üblichen Stichwortgeber von Integrationsministerin Rita Verdonk bis zum rechtspopulistischen Abgeordneten Geert Wilders erst recht auf jedes Aufmerksamkeit verheißende Thema. Ein Integrationshemmnis, gegen das die Regierung leider keine Handhabe besitze, nannte die Ministerin im Parlament das Krankenhausprojekt. Wilders' Ein-Mann-Fraktion hatte die Regierung zur Stellungnahme gezwungen.
„Warum haben sie kein Krankenhaus?“
Sturkenboom beteuert, das geplante Krankenhaus werde natürlich jedermann offenstehen. Muslime könnten aber sicher sein, nach den islamischen Regeln bekocht und nur von Ärzten und Pflegern ihres Geschlechts behandelt zu werden. Ein Gebetsraum und ein Imam als Seelsorger sollen den Patienten zur Verfügung stehen. Von den 100 niederländischen Krankenhäusern seien 40 christlich, sagt Sturkenboom; in Amstelveen gebe es eine jüdische Klinik. „Wir haben mehr als eine Million Muslime im Land, warum haben sie kein Krankenhaus?“ fragt der Katholik.
Sturkenbooms Beratungsunternehmen hat das Konzept eines „Kompaktkrankenhauses“ entwickelt, das verstärkt auf Tagespflege setzt und deshalb Kosten sparen soll. An sieben Orten in den Niederlanden möchte Sturkenboom solche Kleinhospitäler errichten. Nur das Rotterdamer Haus soll religiös geprägt sein. Eine Machbarkeitsstudie ergab, daß es in Rotterdam am ehesten im Süden Bedarf für ein neues Krankenhaus gebe, wo überwiegend Muslime leben. Sturkenboom sagt, seine Firma habe Rotterdamer Muslime befragt, die sich allesamt für ein islamisches Krankenhaus ausgesprochen hätten. Auch die Stadtoberen seien von der Idee angetan.
Milli Görus sieht keinen Bedarf
Rasit Bal, der im islamischen Dachverband „Kontaktorgan Muslime und Regierung“ die Organisation Milli Görus vertritt, sieht dagegen keinen Bedarf für ein muslimisches Krankenhaus. Imame als Seelsorger, Gebetsräume und ein islamische Bedürfnisse respektierender Speiseplan zählten in den meisten Krankenhäusern längst zum Standard. „Die meisten bemühen sich auch redlich, auf den Wunsch muslimischer Patientinnen einzugehen, sich nur von Ärztinnen untersuchen zu lassen“, sagt Bal. Zwar teilt er nicht die Sorge von Wilders und Frau Verdonk, daß ein islamisches Krankenhaus zur Spaltung der Gesellschaft beitragen werde. „Aber die öffentliche Diskussion schadet uns allen.“
Den Befürwortern eines islamischen Krankenhauses innerhalb der muslimischen Gemeinde gehe es auch gar nicht um das Gesundheitswesen, sondern um einen vermeintlichen strategischen Erfolg, sagt Bal. Für sie gelte es, die islamische Gemeinde in Holland dadurch zu stärken, daß sich möglichst viele Einrichtungen genauso selbstbewußt „muslimisch“ nennen, wie andere das Etikett „katholisch“ oder „reformiert“ tragen. Deshalb wollten viele auch mehr islamische Schulen sehen. „Den Befürwortern geht es vor allem um den Namen als Symbol“, sagt Bal.
Kommt es überhaupt je zum Baubeginn?
Sturkenboom dagegen berichtet von Zuspruch aus ganz Europa. „Außerhalb der islamischen Welt gibt es bisher kein einziges muslimisches Krankenhaus“, sagt er. Viele Muslime aus Großbritannien, Frankreich, Deutschland oder Belgien würden sich womöglich in Rotterdam behandeln lassen, glaubt der Unternehmer. Werde das Krankenhaus erfolgreich arbeiten, werde er sich überlegen, ob er auch anderswo in Europa muslimische Kliniken eröffnet. Doch noch ist keineswegs sicher, ob es in Rotterdam überhaupt je zum Baubeginn kommt. Die maßgeblichen Krankenkassen haben wie das Gesundheitsministerium versichert, nur Wirtschaftlichkeitsstudien würden über die Zukunft des Projekts entscheiden.
Sturkenboom freilich bedient sich inzwischen auch gesellschaftspolitischer Argumente. Die sogenannte Versäulung der niederländischen Gesellschaft bis tief in die zweite Hälfte des vorigen Jahrhunderts hinein, als Katholiken, Calvinisten und linke, nicht religiös geprägte Niederländer jeweils eigene Gewerkschaften, Rundfunkanstalten, Schulen oder eben Krankenhäuser unterhielten, hätten letztlich den Zusammenhalt der niederländischen Gesellschaft gestärkt. Aller Säkularisierung zum Trotz, die auch den Großteil der einst christlichen Kliniken erfaßt habe, müsse dieses Recht nun auch den Muslimen zugesprochen werden. „Wir müssen ihnen Zeit geben, sich autonom in ihrem Kreis zu organisieren“, sagt Sturkenboom. „Geert Wilders und Rita Verdonk fordern den Muslimen eine Integration im Eiltempo ab, aber das kann nicht klappen.“
Klinik für Muslime
Roland Schrödl (beppobaer)
- 02.11.2006, 10:54 Uhr
Christliche und moslemische Krankenhäuser
Steffen Rupp (steffenrupp)
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